Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 4 DIE ELT 79 Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Sieg auf der ganzen Linie Kiamil Pascha, Großwesir des Ottomanenreiches, hat von der Kammer das Vertrauensvotum und vom Sultan den Medschidieorden in Brillanten erhalten. Jetzt, nach seinem Siege, mögen wir uns erinnern, daß er der Sohn einer Jüdin ist. Vorher haben seine Feinde, die ihn zu stürzen gedachten, genügend daran erinnert. Der „Tanin", das Organ der Chauvinisten, hat sein „Judentum" als Waffe gegen ihn geschwungen, und der Jkdam", der regierungsgetreue, es für nötig gehalten, ihn gegen diese „Verleumdung" entrüstet zu verteidigen. Ein seltsamer Vorfall, der zu denken gibt! Auch in der islamischen freien Türkei also wird es richtig, daß die jüdische Nation erst irgend etwas Großes vollbringen muß, ehe man aufhört, ihre Zugehörigkeit als beleidigendes Merkmal zu Stücken hat er sein Gehen und Bleiben mit unzweideutigen Worten in die Hände der Volkssouveränität gelegt, und mehr noch als das hat die formelle Ankündigung des Regierungsentwurfs einer Revision und fortschrittlichen Ausgestaltung der Verfassung bewiesen, daß dieser Alte nicht nur seinem Herrscher und Reiche, sondern auch dem Gedanken der Freiheit ergeben ist. Überhaupt ist die Verfassungsrevision auf der Tagesordnung. Schon einen Tag vor dieser Ankündigung ist ein wirkliches Gesetzesprojekt über diesen Gegenstand aus der Mitte des Hauses selber vorgelegt und erläutert worden. Der Verfasser dieses Entwurfes war kein anderer als unser Stammesgenosse Vitali Faraggi Effendi, der sich damit in die vorderste Reihe der Volksvertreter gestellt hat. Die Häuptpunkte der von ihm vorgeschlagenen Verfassungsänderungen sind: 1. Die volle Verantwortlichkeit der Minister vor dem Parlament. 2. Die Festsetzung der Zahl der Senatsmitglieder auf 75, von denen 50 wählbar und nur 25 vom Souverän zu ernennen sind, ferner die Umwandlung ihrer bisher ^fea: * * J* »>-•' ^^:X^y:^ri:r^^^A:- ^/ " K1RIATH SEFER LEHRER UND ZÖGLINGE empfinden. Der neunzigjährige Kiamil Pascha jedenfalls hat durch seinen Triumph bewiesen, daß jüdisches Blut, wenn es in ihm wirksam war, es zum Heile eines großen Reiches gewesen ist. Sein Sieg ist kein persönlicher, es ist der Sieg der Türkei und der konstitutionellen Freiheit, des Fortschritts und der friedlichen Entwicklung. Der Friede nach außen ist endgültig gesichert, das Abkommen mit Österreich fertig und dessen Bedingungen für die Türkei ehrenvolle; der Akkord mit Bulgarien steht unmittelbar bevor, und Kreta bleibt dem Sultanat erhalten. Nach innen ist die Militärmacht sehr gekräftigt, die Finanzen im Beginn einer außerordentlichen Gesundung; für sie wie für das Post- und Telegraphenwesen sind Regeneratoren gewonnen, deren Name allein fast den" Erfolg bedeutet; die Sicherheit im Lande ist hergestellt, und für die Hebung von Verkehr und Erwerb weitreichende Pläne geschaffen worden. All das konnte Kiamil Pascha am 14. Januar dem Parlament als Resultat seines halbjährigen Regimentes in seinem Expose unterbreiten, das das ganze Haus zum Jubel hinriß und seine wenigen Angreifer verstummen machte. Der Jubel galt aber nicht bloß seinen Regierungstaten, sondern auch seinem persönlichen, wahrhaft konstitutionellen Verhalten. Die Gunst des Sultans hatte ihn eingesetzt, die Verfassung zwang ihm keine Verantwortlichkeit vor der Kammer auf; aber aus freien für lebenslänglich vorgesehenen Amtsdauer in eine solche von 9 Jahren. 3. Die Fixierung der Diäten für Deputierte und Senatoren. 4. Das Verbot der Gleichzeitigkeit eines Senatoren- oder Deputiertenmandates mit einer öffentlichen Staatsstellung, abgesehen von der eines Ministers. 5. Die Abänderung einer ganzen Reihe von Paragraphen der in Kraft stehenden Verfassung sowie die völlige Unterdrückung einiger. Faraggi Effendi entwickelte nach Verlesung seines Entwurfes durch den Kammersekretär persönlich seine Bedeutung. Bisher habe die Kammer in Wahrheit keine gesetzgebende Kraft, sonden lediglich beratende und zustimmende; seine Vorschläge erst würden sie zur legislativen Körperschaft machen. Faraggi hatte lebhaftesten Beifall. Zum Studium seines Entwurfes wurde eine Kommission von 30 Mitgliedern gewählt, der nun auch der konkurrierende Regierungsentwurf übergeben werden wird. Die Nationalitätenfrage Nur eine kurze Phrase in der Rede des Großwesirs streift die Nationalitäten. „Wir sind Seiner Majestät dankbar", sagte er, „für die von ihr gemachten Anstrengungen, um alle osmanischen Nationalitäten zu vereinigen. Das ist der wichtigste Punkt unserer inneren Politik." 2*