Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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naturliche Neigung eine fremde Kultur einzuimpfen trachtet, was die schon vorhandene Zerrissenheit im Wesen der jüdischen Jugend nur noch steigert. Man will sie an die Scholle binden und entzieht ihnen den Boden unter den Füßen, indem man ihnen den Wanderstab in die Hand gibt, man will sie an ein Bauernleben gewöhnen und weist ihnen die Route nach Paris. Es ist ein System von Widersprüchen. Der Bauer aber muß ein ganzer ungebrochener Mensch und das Milieu seiner Erziehung von allen Widersprüchen frei sein. Die Erziehung eines solchen Menschenmaterials, von dem unsere Zukunft abhängt, dürfen wir unter keiner Bedingung andern, auch keinen fremden Einflüssen überlassen. Solche Anschauungen waren es zum größten Teile, welche die Gründung der ersten nationalen Ackerbauschule „Kiriath Sefer" veranlaßten. Die Schule wurde in diesem Jahre von Herrn Beikind neu eröffnet. Sie verfügt über ein weites Terrain, das sie vom Nationalfonds gepachtet hat. Die Schule ist auf einem weithin sichtbaren Hügel an der Grenze der Ebene und des Berglandes, in der Nähe des alten Lydda (dementsprechend auch nahe der Eisenbahnstation), in nächster Nähe der Öl- und Seifenfabrik „Athid" erbaut. Der Blick reicht von hier bis zu den Kolonien Rischon und Petach-Tikwah» und in der Nähe bezeichnen arabische Dorfnamen und erhaltene Gräben die Stätten, wo die Makkabäer lebten und kämpften. Der Boden ist für mannigfache Zweige der Landwirtschaft geeignet, das Klima infolge der direkt herstreichenden Seeluft und der Nähe der Gebirge gesund. Die günstige Lage findet auch dadurch eine gewisse Bestätigung, daß sich in der Nähe eine trotz fünfjährigen Bestandes zu vollem Wohlstand entwickelte deutsche Kolonie befindet. Das judäische Bergland von der einen, die Olivenhaine von der andern Seite machen im Vereine mit der weiten Ebene den eigenartigen landschaftlichen Charakter dieser Gegend aus. Sie scheint eine Zukunft vor steh zu haberr^und wird bei günstigen Bedingungen auch die Möglichkeit bieten, die jungen Zöglinge, wenn sie die Schule verlassen, hier anzusiedeln. A. Zioni Frauenarbeit für Palästina Als unser so früh dahingeschiedener Führer Theodor Herzl das Wahlrecht geschaffen hatte, gab er den Frauen dieselben Rechte wie den Männern. Sie können wählen, können gewählt werden, ja, Frauen haben sogar zeitweise einen Sitz im Präsidium des Kongresses innegehabt. Es ist naturgemäß, daß diese den Frauen zuerkannten Rechte in gleichem Maße Pflichten für sie involvierten, denn Pflichten sind Äquivalente der Rechte, und die jüdische Frau wird nur dann Ansprüche auf die gleichen Rechte wie der Mann erheben dürfen, wenn sie gleich ihm an der Wiedergeburt des jüdischen Volkes arbeitet. Und die jüdische Frau will arbeiten, sie will ihr Teil haben an der Wiedergeburt einer freien und stolzen jüdischen Nation. Es gibt nun sicher einzelne unter den Frauen, die Bedeutendes geleistet haben, aber im allgemeinen muß man doch leider zugeben, daß ihre Leistungen denen der Männer erheblich nachstehen. Aber das liegt wohl sicher weniger an dem guten Willen und der Fähigkeit der Frau als daran, daß ihr bisher der richtige Wirkungskreis gefehlt hat. Nicht jedes Arbeitsfeld des Mannes eignet sich für die Frau. So fällt z. B. die rein politischer agitatorische Tätigkeit weit mehr in das Gebiet des Mannes als der Frau. Aber es genügt der Frau nicht mehr, und es darf ihr auch nicht mehr genügen, nur durch Erziehung ihrer Kinder zu jüdisch denkenden Menschen, durch Einwirkung auf ihre Männer an der Renaissance unseres Volkes teilzunehmen. Sie will und soll direkte und positive Arbeit leisten. Von diesem Gedanken getrieben, trat im Haag eine Anzahl von Frauen zusammen, und auf Anregung von Frau Rechtsanwalt Bodenheimer entstand der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina. Hier ist ein Gebiet erschlossen, auf dem die jüdischen Frauen Großes schaffen können. Die jüdischen Frauen in Palästina sind vielfach befangen in den Lebensanschauungen und Gewohnheiten des Ghettos. Vielen unter ihnen erscheint körperliche Arbeit als etwas Minderwertiges, ihrer Unwürdiges. Daher ist es vor allem unsere Aufgabe, die Einsicht zu verbreiten, daß zielbewußte Arbeit ein Segen ist, zur Erhaltung der körperlichen und geistigen Gesundheit beiträgt und daß die äußerliche Nachahmung fremdländischer Eleganz viel weniger ehrt als treue Pflichterfüllung. Der schon im Kinde liegende Aktivitätstrieb pflegt sich bei der Mehrzahl der Menschen erst dann in regelmäßig treibende Kraft umzusetzen, wenn sie gezwungen sind, für den eignen Lebensunterhalt zu sorgen. Wir wünschen unsern Schwestern, daß auch edlere Motive sie bestimmen, Pflichtgefühl und Liebe, Liebe zu den Menschen, denen sie angehören. Aber der Wille zur Arbeit genügt noch nicht, das Arbeiten ist eine Kunst, die wie jede andere Kunst gelernt sein will. Und darum wollen wir in Palästina Haushaltungsschulen gründen. Die heranwachsenden Mädchen müssen gelehrt werden, einen europäischen Haushalt zu führen, denn die Frau des jüdischen Bauern wird nur dann ihren Platz wirklich ausfüllen, wenn sie ihre Wirtschaft sauber, umsichtig und praktisch leiten kann. Sie muß die Gefährtin des Landwirtes sein, seine Interessen teilen und ihm beistehen, sie muß es verstehen, ihr Haus zu einer Stätte, des Wohlbehagens nach der Arbeit des Tages zu gestalten. Sie muß nähen und kochen können, Kleider und Wäsche für sich und die ihrigen anzufertigen wissen und durch Bereitung einer schmackhaften, gesunden Kost für das Wohlbefinden der Familie Sorge tragen. Nicht weniger wichtig wie die Gründung von Haushaltungsschulen ist die Gründung und Unterstützung von Kindergärten. Wir wollen eine kräftige, schlichte und erzogene Generation heranbilden, und hierzu muß schon in der frühesten Jugend eine gesunde Unterlage geschaffen werden. Aber wie ist das möglich, wenn die Mutter dem Gatten bei der Arbeit hilft und gezwungen ist, die Kinder zu Hause sich selbst zu überlassen? Es muß also den arbeitenden Frauen Gelegenheit gegeben werden, ihre Kinder in eine Anstalt zu tun, wo sie diese unter guter Beaufsichtigung wissen und wo sie mit den Begriffen Sauberkeit und Ordnung, die in Palästina leider manchmal noch sehr Schimäre sind, vertraut gemacht werden. Infolge der in Palästina herrschenden Armut ist es auch mit der Hygiene schlimm bestellt. Wohl gibt es Krankenhäuser, aber es kann nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz aller Kranken aufgenommen werden. Alle die andern liegen zu Hause, darbend, vernachlässigt, ohne Pflege, denn von Hygiene weiß man so gut wie nichts. Krankenpflegerinnen, die neben ihrem eigentlichen Beruf auch hygienischen Unterricht erteilen, können dort eine äußerst segensreiche befriedigende Tätigkeit entfalten. Das zeigt das^Beispiel des Frl. Tempelmann, die von dem Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina nach Jaffa geschickt worden ist und dort wirkt. Dies sind einige der schlimmsten sozialen Mängel, denen abgeholfen werden muß, aber um ein Kulturvolk heranzubilden, muß auch der Ästhetik ein Platz eingeräumt werden, das Schönheitsgefühl muß gepflegt, entwickelt werden, und auch diese Arbeit fällt in das Gebiet der Frau. Sie muß ihr Heim mit kleinen Handarbeiten, deren Anfertigung sie ja in der zu gründenden Haushaltungsschule erlernen wird, schmücken, sie muß für die Pflege des Gartens sorgen. Welchen schönen, wohltuenden Eindruck macht ein Dorf, wenn vor jedem Hause ein Garten ist, in dem bunte Blumen wachsen, wenn die ordnende Hand der Hausfrau schon äußerlich an der Sorge kenntlich wird, mit der sie Spalierobst zieht, Gemüse pflanzt, Wege säubert. Die hierzu nötige körperliche Arbeit wird der Frau nicht schaden, im Gegenteil, sie wird sie kräftigen, wird sie frisch erhalten und vor frühzeitiger Unbeweglichkeit und Altern bewahren. Durch all dieses wird auch in dem Manne der Sinn für Anmut und Schönheit geweckt werden. Man sieht also, daß sich reiche Arbeitsmöglichkeiten eröffnen. Aber wir brauchen Mitarbeiterinnen und Geld, wenn wir auch nur einen kleinen Teil alles dessen erfüllen wollen, was uns als erstrebenswert vorschwebt. Darum bitten wir alle, die ein warmes Herz für Palästina, für die kulturelle Not unserer Brüder und Schwestern haben und zu ihrer Beseitigung beitragen wollen, um ihren Anschluß. Die Mitgliedschaft ist nicht auf Zionistinnen beschränkt, aber wir hoffen vor allem auf die tätige Hilfe unserer Gesinnungsgenossinnen. In dem Maße, in dem sie uns zuteil wird, werden wir Großes und Gutes zu schaffen vermögen. Möge darum niemand zurückstehen. Resa Hirsch