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Die Welt · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nach Hume befaßt sich die Politik „mit den Menschen in ihrer sozialen Vereinigung"; nach Ratzenhofer ist sie „die Dynamik der sozialen Kräfte". In diesem Sinne kann ebenso gut eine innere wie eine äußere, eine Parteipolitik, sogar eine Kulturpolitik gedacht werden. Es ist Karikatur, den politischen Zionismus so aufzufassen, als ob er sich in der Rolle eines staatlichen Machtfaktors gefiele, der seine Diplomatie hätte und seine Politik machen würde. Möge man uns doch wohlweislich ein solches Hochstaplertum nicht in die Schuhe schieben! Die Politik des Zionismus ist, wie jede andere, „die Kunst des Möglichen", die Dynamik, die Lehre von der Bewegung, von der Benutzung der vorhandenen Kräfte für seinen Zweck. Ein abstrakter Zionismus kümmert sich um die Verhältnisse nicht; ein politischer trägt den Verhältnissen Rechnung. Der Zionismus erklärte sich als ein politischer, indem er die Genehmigung der Machtfaktoren nachzusuchen beschlossen hat. Das ist ein klarer, logischer und notwendiger Standpunkt, auf dem wir stehen müssen. Es ist ein großer Vorteil, daß wir von nun an sicherlich all die Machtfaktoren in der Türkei selbst haben werden. Vor der Erreichung der Sicherheiten bedeutet die Politik den Komplex der Maßnahmen, Vorbereitungen und Bemühungen zu diesem Zweck; nach der Erreichung dieses Zweckes wird sich erst ein recht weites Gebiet für ihre Tätigkeit erschließen: dieRegelung der Verhältnisse in derGemeinschaft unter dem Gesichtspunkt dermöglichsten Harmonie der Interessen, der Ordnung der äußern Beziehungen zwischen den Gesellschaftsmitgliedern und der Beziehungen dieser zum sozialen Ganzen. Politik im Zionismus bedeutet planmäßiges, auf eine Grundlage des Rechts hinzielendes großes Handeln. Bekanntlich hatte diese Formel einen ganz spezifischen Inhalt: sie war gegen das Kleinliche und Zersplitterte gerichtet, das die Vorstufe zum neuen Zionismus kennzeichnete. Nun sind die Gegner fortwährend bemüht, das Wort „Politik" so darzustellen, als ob es ein aggressives eigenmächtiges Handeln der Juden bedeuten würde. Möge doch eine ehrliche Gegnerschaft dieses komische Wahngebilde aufgeben und einsehen, daß der Zionismus nur insofern politisch ist, als er sich in engster und innigster Verknüpfung und Zusammengehörigkeit mit der Weltpolitik, d. h. mit den Gegebenheiten der Staatsverhältnisse und Rechtsbeziehungen befindet. So ist auch das Wort „Separatismus" mancher Mißdeutung ausgesetzt. Es wird bisweilen als ein zu reaktionären Gelüsten gehörender Begriff des Zurückbleibens im Gang des allgemeinen Fortschritts, dann aber auch als zum politischen Gebiet gehörend so verstanden, daß es ein Bestreben, sich von einem Staatsgebilde loszureißen, bedeutet. Man könnte den Separatismus in der ersten Bedeutung den antikulturellen, in der zweiten den antistaatlichen nennen. Von diesen beiden kann beim Zionismus nicht die Rede sein. Wenn bei uns von einem Separatismus die Rede sein kann, so bedeutet dies nichts anderes als Persönlichkeit, nationale Persönlichkeit, das Streben nach höchster Ausprägung wahrhaft eignen Wesens, das natürliche Sehnen nach einer Hebung und Herrlichmachung der eignen Rasse. Das ist nicht ein Sichlostrennen von der allgemeinen fortschreitenden Kultur: es ist eine organische Erscheinung der letztern, es ist die Verwirklichung des menschlichen Fortschritts in der individuellen Form des Volkes. Nicht das Rückständige, sondern das Eigne, nicht das den Gesamtstaat Zersetzende, sondern das ihn Ergänzende, nicht das Sichlosreißen, . sondern das Sichreinerhalten trotz allerWechselbeziehungen und notwendiger Zusammenhänge, nicht der nationale Dünkel und Obermut, sondern die Selbstachtung, der selbstbewußte, wollende, eigne Geist, mit seinen Zwecken und Ideen. Es sei zum Schluß in gedrängter Kürze zusammengefaßt: Die Staatsgründereigelüste, die man dem Zionismus zuschreibt, sind Dichtung; die Politik und der Separatismus sind Wahrheit, nur wird diese -Wahrheit durch Begriffsverwirrung in einen Zusammenhang mit Gedankenreihen gebracht, die unsern Zwecken schnurstracks widersprechen. Demgegenüber muß die wahre Bedeutung der Begriffe, wie wir sie auffassen, immer wieder ins helle Sonnenlicht gerückt und dem Bewußtsein der Öffentlichkeit nähergebracht werden. N. S. Nationale Ackerbauschulen in Palästina „Nicht das Schwert des Ritters, sondern der Pflug des Bauern eroberte das Land", wurde einmal* über alte deutsche Kolonisation gesagt. Nicht das historische Recht eines Volkes auf sein Land ist das einzig Ausschlaggebende. Die Herrschaft fällt jenem Volke anheim, welches das Land bebaut und urbar macht. Jene Kulturvölker, welche Kolonisation treiben, haben längst die Wahrheit jenes Satzes erkannt. Sie trachten zur Kolonisation ein Menschenmaterial heranzuziehen, in dessen Händen die Eroberung des Bodens eine Eroberung für immer ist, so daß das besiedelte Land sich selbst weiter erhalten kann und keiner Stützung von außen her mehr bedarf. Zu diesem Zwecke wurden z. B. in England besondere Kolonialschulen gegründet, deren Aufgabe es ist, ein junges Geschlecht für selbständige Kolonisationsarbeit heranzubilden, und auch in Deutschland wurde in Witzhausen bei Jena eine Kolonialschule eröffnet, mit der Aufgabe, Landleute für die Kolonien in Südafrika auszubilden. Diese stellt das Programm auf, „daß der junge deutsche Mann bei der Frage nach Berufswahl und Zukunftsplänen, statt der Aussicht auf feste Besoldung, spätere Pension usw., soziale Unabhängigkeit, selbständige Vermögensbildung und möglichsten Anteil an Bodenbeherrschung, an freier Scholle unter seinem festen Fuße aus eigner Kraft erstrebe". Wenn Völker, welche einen Bauernstand besitzen, dem sein Beruf ein natürliches Erbteil, in Fleisch und Blut übergegangen ist, sich so um die Ausbildung eines tüchtigen Menschenmaterials bekümmern, wie sollte dies erst uns obliegen, die wir keinen Bauernstand haben, die wir dieses Menschenmaterial erst neu schaffen müssen. Nun gelingt aber der Versuch, Erwachsene erst zu Bauern zu machen, durchaus nicht, und wenn er ein wenig glückt, so kostet dies die Kolonisten ungeheuer viel Opfer und Mühen, und selbst dann bilden diese noch nicht den richtigen Grundstock, um darauf den Bau unserer Zukunft zu errichten. Unsere Kolonisten zeigen gewiß auf mannigfachen Gebieten der Landwirtschaft Eifer und Fleiß, aber aus manchen Gründen, die hier im einzelnen aufzuzählen unmöglich ist, können sie doch nur als „Übergangsbauern", als „erste Schwalben" gelten. Die meisten sind schon mit ausgeprägter städtischer Lebensrichtung zur Landwirtschaft übergegangen. Nun kann sich der Städter allerdings manche technische Handfertigkeit aneignen, sich

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