Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316353--51477-3345161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
die Kommission ihre Arbeit beginnen. Von jetzt ab werden die zwei jüdischen Deputierten für ihr Auftreten in der Duma nicht mehr allein verantwortlich sein, weil sie jedesmal nach den Beschlüssen der Kommission handeln werden. — Das Warschauer „Unser Leben" berichtet über einen Vortrag des zionistischen Wanderpredigers J. Nissenbaum folgendes: „Vorigen Samstag hat der bekannte Redner Reb Itzchok Nissenbaum in seiner Predigt, die er in der Schule ,Moriah' hielt, darauf hingewiesen, daß die jüdische Intelligenz die Gelegenheit nicht wahrnimmt, die jetzt in der Türkei eingeführten Verfassungsfreiheiten zu benützen und nichts tut, um die jüdische Lage, den jüdischen Handel und die jüdische Industrie in Palästina zu festigen. Die Rede hat einen so mächtigen Eindruck gemacht, daß, als der Redner zu Ende war, viele der Zuhörer vergessen hatten, daß sie sich in einem „Mokaum Kodausch" (geweihte Stätte) befanden und laut mit Bravorufen und Klatschen zu applaudieren begannen." England (Von unserm Berichterstatter) Zionismus an den Universitäten Vor einiger Zeit berichteten wir über die Gründung jüdischer Studentenvereine an den Universitäten Oxford und Cambridge. Das Erfreuliche an diesen Gründungen ist, daß. sie spontan ohne Zutun von außen seitens nationalgesinnter Studenten erfolgten, die auf diese Weise ihrer zionistischen Überzeugung Ausdruck geben wollten. Ihr Beispiel hat bereits Nachahmung gefunden. An der Universität in Leeds hat sich ein jüdisch-nationaler Verein gebildet, und auch die Studenten an der Universität in Manchester haben sich soeben zu einem zionistischen Vereine zusammengefunden. Es besteht die Möglichkeit, daß, sich all diese Vereine demnächst zu einem Verbände zusammenschließen. Diese Welle des Nationalismus hat das Mißfallen der „Jewish World" erweckt, die sie eine „mißleitete Bewegung" nennt. Die Seiten dieser Wochenschrift sind jetzt mit Zuschriften angefüllt, in denen diese Frage für und wider erörtert wird. Indessen sind die meisten der Korrespondenten den Neugründungen freundlich gesinnt. Rüben Brainin in London Herr Rüben Brainin weilt zurzeit in London, teils um dort eine Reihe von Vorlesungen zu halten, teils zum Zwecke des Studiums von Bedingungen des jüdischen Lebens in diesem Lande. Seine erste Vorlesung hielt er verflossenen Sonntag im Paviliontheater vor einer großen Versammlung, der Dr. Gaster präsidierte. Das Thema dieses Vortrages war die Renaissance der hebräischen Sprache, die er in meisterlicher Weise behandelte. In beredter und enthusiastischer Sprache erläuterte er die Bedeutung des Mebräischen für das jüdische Leben und die jüdische Schule, und zeigte, wie sie sich als lebende Sprache in jüngster Zeit verbreitet hätte in vielen Orten, wo sie bis dahin nur eine tote Sprache gewesen. Er beschrieb die hebräische Literatur als die mächtigste Schöpfung des jüdischen Volkes während der ganzen Diaspora, und er legte der jungen Generation dringend ans Herz, diese wichtige Kulturschöpfung zu pflegen. Brainin schloß mit einem eindringlichen Appell für unsere nationalen Ideale und wurde stürmisch applaudiert. Er beabsichtigt, demnächst in London einen zweiten Vortrag zu halten und wird auch Manchester, Leeds und Glasgow zu demselben Zweck besuchen. Die Herzlgesellschaft hat Herrn Brainin eingeladen, ihr Gast bei einem Diner zu sein, das sie ihm zu Ehren geben will. Ehrung eines indischen Juden Anläßlich der Neujahrsehrungen, die König Eduard vollzogen hat, hat Herr J. E. Sassoon aus Bombay den Titel eines Baronets erhalten. Herr Sassoon ist der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Bombay und Präsident der dortigen Ortsgruppe der Anglo- Jewish Association. Er ist der Leiter einer großen Baumwollspinnereiindustrie, die ihre Beziehungen durch die ganze Welt hat und beschäftigt fast 12000 eingeborene Arbeiter. In Bombay hat er ein großes Hospital errichtet, die Synagoge und jüdische Schule gebaut und kürzlich erst £ 66.000 (über 1*4 Million Mark) zur Errichtung einer Hochschule gestiftet. Abnahme der jüdischen Einwanderung Der Jahresbericht des Jews' Temporary Shelter, der soeben erschien, zeigt, daß die Zahl der Einwanderer im letzten Jahre im Vergleich zum vorhergehenden abgenommen hat. 1907 betrug die Zahl der Einwanderer, die den Shelter passierten, 2247, aber im Jahre 1908 nur 1907. Hiervon gingen 677 nach verschiedenen Teilen Südafrikas, 639 nach Kanada, 85 nach Argentinien und 77 nach den Vereinigten Staaten. Die Hauptmassen der nach Kanada Wandernden bestand aus jenen rumänischen Flüchtlingen, die unter den Auspizien der Jewish Colonisation Association ausgewandert sind. Die Abnahme in der Zahl der Auswanderer ist der Krisis auf dem Arbeitsmarkt in den Vereinigten Staaten und Kanada zuzuschreiben, die sonst im allgemeinen das Endziel der im Shelter Verpflegten bildeten. Von den 1907 Auswanderern waren 1086 Frauen und Kinder, deren Mehrzahl auf dem Wege zu ihren Gatten und Vätern in Amerika und Südafrika war. Von den 821 männlichen Auswanderern waren nur 69 ohne Gewerbe oder keines Handwerks kundig, und nur 206 waren mehr als 40 Jahre alt. Der bemerkenswerteste Umstand im Laufe des Jahres war außer der Ankunft von großen Massen rumänischer Flüchtlinge die Tatsache, daß die Beamten des Shelter auf Ersuchen der Sanitätsbehörden des Hafens von London überhaupt alle Einwanderer in Empfang nahmen und untersuchten, die aus einem russischen Hafen der Ostsee kamen, wo innerhalb der letzten sechs Monate Cholera vorgekommen war. Und obgleich 1121 Besucher des Shelter aus jenen Teilen Rußlands kamen, war doch nicht ein einziger Krankheitsfall unter ihnen zu verzeichnen. Tod eines jungen Künstlers Im frühen Alter von 31 Jahren starb Henry Ospovat, ein ausgezeichneter Künstler von brillanten Eigenschaften. Er illustrierte die Ausgaben einer ganzen Reihe englischer Klassiker, und eine Ausstellung seiner Karrikaturen in London erregte irn verflossenen Frühjahr allgemeines Aufsehen. Die Kirchenverwaltung der württembergischen israelitischen Religionsgemeinschaft Am Montag den 4. Januar, ^bends 8 Uhr, fand im Europäischen Hof Stuttgart eine sehr zahlreich besuchte Versammlung von Mitgliedern der israelitischen Kirchengemeinden von Qroß-Stuttgart statt, um zu dem von der Regierung im Sommer 1908 veröffentlichten Entwurf einer neuen Kirchenverfassung der israelitischen Religionsgemeinschaft Stellung zu nehmen. Nach einem Referat der Herren Wolf und Kauffmann wurde folgende Resolution nahezu einstimmig angenommen: Der von der Regierung veröffentlichte Entwurf einer neuen Kirchenverfassung der israelitischen Religionsgemeinschaft ist in Anbetracht dessen, daß der Grundsatz einer völligen Trennung von Staat und Kirche derzeit als undurchführbar erscheint, als eine brauchbare Grundlage für die Kirchenverfassung anzusehen, sofern er gegenüber dem bisher geltenden Rechte Verbesserungen bringt: Durch Einführung eines gerechteren Steuersystems in Form von Zuschlägen zu den direkten Staatssteuern, durch Erleichterung des Geschäftsgangs der Gemeindeverwaltung mittels Ausschaltung der oberamtlichen Aufsichtsinstanz und vornehmlich durch Zulassung gewählter Vertreter zu den bisher dem Einfluß der Religionsgenossen allzusehr entzogenen Oberkirchenbehörde. Es ist aber zu fordern, daß — unbeschadet der Aufrechterhaltung der wesentlichen Orgaeisationsgrundlagen — für die Selbstverwaltung und das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgenossen und der Gemeinden ein wesentlich größerer Spielraum als dies im Entwurf vorgesehen ist, geschaffen wird, daß insbesondere die Gemeindekollegien in der Bestellung des Vorsitzenden freie Hand und hinsichtlich der Berufung der Rabbiner und Vorsänger ein Mitbestimmungsrecht, sowie in finanzieller Beziehung eine größere Bewegungsfreiheit erhalten, sodann daß der Einfluß der zur Oberkirchenbehörde gewählten Mitglieder nach Zahl und Tätigkeit weiter verstärkt wird. Die Einrichtung eines Gemeindeausschusses dürfte sich aus praktischen Gründen nicht empfehlen. „Eine Beschränkung des passiven Wahlrechts auf Reichsangehörige erscheint geboten, (!) für das aktive Wahlrecht ist mindestens eine angemessene Niederlassungszeit der Ausländer zu fordern. Eine Ausdehnung des aktiven Wahlrechts auf die weiblichen steuerzahlenden Mitglieder der Gemeindeentspricht der Gerechtigkeit. Schließlich ist zu wünschen, daß die Bestimmung des Art. 55 des Gesetzes vom 25. April 1828 betr. das Erscheinen der Israeliten an Sabbaten und Feiertagen vor Gerichten und Behörden in geeigneter Form, etwa als Instruktion an die Staatsbehörden, beibehalten wird. Die Regierung wird nicht umhin können, dieser einmütigen Kundgebung der israelitischen Bürgerschaft von Groß-Stuttgart, welche ein gutes Drittel der gesamten israelitischen Bevölkerung Württembergs in sich begreift, bei der endgültigen Gestaltung der Verfassung die gebührende Beachtung zu schenken.