Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316353--51476-3345160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No. 3 DIEMKE LT 63 in diese Volksuniversität kommen. Das darf ihnen nicht verargt werden. Die Toynbee-Halle gedenkt nunmehr auch in den andern Bezirken Wiens Filialen zu errichten. Sonntag fand im Restaurant Stein ein Vortragsabend statt, der der Schaffung einer Tochterinstitution im neunten Bezirk Wiens vorangehen soll. Wir können die Leiter der Toynbee-Halle zu ihrem Expansionsdrang nur beglückwünschen. Mag die Toynbee-Halle in ihrer jetzigen Gestalt in mancher Hinsicht noch unzureichend sein, sie ist jedenfalls eine Kulturstätte von eminenter Bedeutung. Palästinakommission für Galizien In Lemberg konstituierte sich die vorn Parteitag der galizischen Zionisten eingesetzte Palästinakommission. Die Leitung hat Herr Dr. Abraham Korkis übernommen. Der neue Obmann ist eine sehr populäre und beliebte Persönlichkeit. In den letzten Jahren zog er sich von der zionistischen Alltagsarbeit zurück, da er in der Frage der innerpolitischen Betätigung einen von der Mehrheit der galizischen Zionisten nicht gebilligten Standpunkt eingenommen hat. Nun hat sich Dr. Korkis entschlossen, die Leitung der Agitation und Propaganda für die palästinensischen Institutionen zu übernehmen. Man erwartet schöne Erfolge von seiner Tatkraft und Hingebung. Die neue Palästinakommission setzte sich bereits mit allen zionistischen Organisationen Galiziens in Verbindung. Es wird auch wahrscheinlich gelingen, zwischen der galizisch-zionistischen und der poale-zionistischen Palästinakommission ein Einvernehmen zu erzielen, um parallele Aktionen für gemeinsame Palästinainstitutionen zu ermöglichen. Die Allpolen für nationale Kataster Der jüngst in Lemberg abgehaltene Parteitag der polnischen Nationaldemokraten hat es ängstlich'vermieden, auf die Judenfrage einzugehen. Obgleich es keine Judendebatte gegeben hat, — das widerspricht schlachzizischen Traditionen, — wurde in der Wahlreformfrage ein Beschluß gefaßt, der als ein Versuch bezeichnet werden muß, die politische Botmäßigkeit der Juden Galiziens zu verewigen. Die Allpolen verlangen die Einführung nationaler Wahlkörpe.r zum galizischen Landtag. Natürlich soll es nur einen polnischen und ruthenischen Wahlkataster geben. Die Juden sollen zwangweise in die polnische Wahlkurie eingereiht, majorisiert und derart einer selbständigen Sondervertretung beraubt werden. Ferner soll ein Kooperieren der unterdrückten Nationen — Rutheren und Juden — ein auf allemal vereitelt werden. Damit sind jedoch die Fernwirkungen dieses nationalen Gewaltstreiches nicht erschöpft. Diese „Wahlreform" soll den „Träumereien" von der Anerkennung der jüdischen Nationalität und Sprache den Todesstoß versetzen. Denn eine auf Grund der Landesverfassung der polnischen Nation zugeteilte Bevölkerungsgruppe könnte nur dann nationale Rechte erkämpfen, wenn sie stark genug wäre, um eine Wahlreform zu erzwingen. Dafür werden aber schon die „Demokraten" sorgen, daß die Opposition im Lande für ein Menschenalter dazu verurteilt wird, als ohnmächtige Minderheit in der Landesstube ihr Leben zu fristen. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Die Rabbinerkonferenz in Warschau Für den 12. Januar ist nach Warschau eine Rabbinerkonferenz einberufen, die durch die Form der Einladung sowohl wie auch durch ihr Programm einen heftigen Sturm in der öffentlichen Meinung erregt. Die Konferenz ist einberufen von den „Guten Juden"*). Unter den Rabbinern ist über die Frage der Beschickung oder Nichtbeschickung der Konferenz . ein leidenschaftlicher Kampf entbrannt. Schon die Einladungen zur Konferenz waren durchaus agressiv gehalten. Es war darin die Rede, von den Denunziationen der Gegner, infolge deren bisher die Erlaubnis zur Abhaltung dieser Konferenz nicht erlangt werden konnte. Jetzt aber sei es gelungen, die Erlaubnis zu erwirken, und so werde die Konferenz ungeachtet aller Agitation der Gegner stattfinden zum Wohle des Volkes und zur Ehre der Thora. Aus der ganzen Form der Einladung geht hervor, daß die Konferenz hauptsächlich einberufen ist, um einen Kampf mit einem innern Gegner zu führen. Im ganzen hat man über hundert Rabbiner und „Gute Juden" eingeladen, indessen dürften nicht mehr als 50 Personen daran teilnehmen. Die Rabbiner sind teilweise sehr unzufrieden darüber, daß die „Guten Juden" die ganze Leitung in ihre Hand genommen haben. Außer den polnischen Rabbinern wurden auch viele aus Rußland und Galizien eingeladen. Nach dem Beschlüsse des Organi- *) Wunderrabbiner sationskomitees wird den Vorsitz in der Konferenz ihr Initiator, Rabbiner Ischar Ber Grobard führen. Aus dem Programm der Konferenz, das 39 Punkte umfaßt, heben wir die wichtigsten und interessantesten heraus: 1. Die Regierung soll den Rabbiner jeder Stadt als den Vorsteher der jüdischen Religionsgemeinschaft anerkennen. Dieser soll das Recht haben, jeden, der diese Religion schriftlich oder mündlich beleidigt, anzuklagen. 2. Alle Verleger, Verfasser und Drucker von Druckschriften, die geeignet sind, der Moral oder dem Judentum zu schaden, machen sich strafbar. Alle derartige Druckschriften, die vom Auslande kommen, unterliegen der Konfiskation. 3. Die Rabbiner sind berechtigt, alle Zuwiderhandlungen gegen die jüdische Religion nach den Vorschriften des „Schulchan Aruch" zu bestrafen. Bei der gerichtlichen Verhandlung soll der Rabbiner nur verpflichtet sein, die entsprechende Bestimmung des „Schulchan Aruch" zu zitieren. 4. In allen rituellen Angelegenheiten hat der Rabbiner das entscheidende Wort und ist berechtigt, für deren Nichtachtung Strafen aufzuerlegen. 5. Alle Rabbiner eines Gouvernements wählen ein Komitee aus drei Rabbinern, das wenigstens zweimal jährlich zusammentreten und alle Fragen des Judentums beraten soll. Die Kosten dieser Organisation trägt die jüdische Bevölkerung des Gouvernements. 6. Jede Rabbinerernennung und jede Ernennung eines Religionslehrers unterliegt der Zustimmung dieser Kommission, die den Kandidaten zu prüfen hat. 7. Es soll eine Zeitung als offizielles Organ für alle Interessen des Judentums gegründet werden. Diese Konferenz, über deren reaktionären Charakter nach dem oben Mitgeteilten kein Zweifel obwalten kann, unterscheidet sich dadurch sehr von den üblichen russischen Rabbinerkonferenzen, daß sie sich ausschließlich mit religiösen Fragen und solchen der Rabbinerorganisation beschäftigen und alle sozialen Fragen aus ihrem Programm ausscheiden will. Die Warschauer Jüdische Gemeinde steht der Veranstaltungablehnend gegenüber, weshalb auch die Warschauer Rabbiner daran nicht teilnehmen werden. Vom Odessaer Palästinakomitee Die Generalversammlung des Odessaer Palästinakomitees wird am 27., 29. und 28. Januar a. St. in Odessa stattfinden. Die Tagesordnung umfaßt folgende Punkte: 1. Allgemeiner Uberblick über die Lage und die Aussichten der jüdischen Kolonisation in Palästina. 2. Der Landkauf in Palästina und seine Organisation. 3. Die Entwicklung von Industrie und Handwerk in Palästina und die Schaffung von Kreditanstalten. 4. Die Arbeiterfrage in den Kolonien und Städten. 5. Schul- und Erziehungswesen in den Kolonien und* Städten. 6. Soziale, hygienische und juristische Hilfe in Palästina. 7. Die Organisation von Informationsbureaus in Odessa, Konstantinopel, Syrien usw. 8. Der Garten „Gan Schemuel" in Chederah. 9. Die Verbreitung von Informationen über die Kolonisation Palästinas und d e Tätigkeit des Komitees. 10.^Maßnahmen zur Vermehrung der Mittel der Gesellschaft. 11. Änderung der Statuten der Gesellschaft. Zur Judenfrage in Finnland Vor wenigen Tagen begab sich eine Deputation der Helsingforser Juden zum Vizepräsidenten des finnländischen Senats in der Angelegenheit der jüdischen Familien, welche von der Polizei aus Finnland ausgewiesen werden sollen. Der Vizepräsident antwortete der Deputation, daß diese Familien bis zum Sommer in Finnland verbleiben können. Auch soll nach seinen Worten in der nächsten Session des Senats die Judenfrage behandelt werden. Eine jüdische Beratungskommission bei der Duma Wie bekannt, hat der jüdische Deputierte Nisselowitsch im Bericht über seine Tätigkeit in der Duma sein Bedauern darüber ausgedrückt, daß es keine jüdische Organisation gibt, welche die Meinungen des jüdischen Volkes in Rußland vertreten und ausdrücken könnte. Aus diesem Grunde sind die wenigen jüdischen Deputierten in der Duma genötigt, auf ihre eigene Verantwortung zu handeln. Schon einigemal versuchte Nisselowitsch sich an die Vertreter der größeren jüdischen Organisationen mit dem Vorschlag zu wenden, sich zu vereinigen und eine Kommission zu schaffen, welche die Fragen, die in die Duma eingebracht werden, behandeln und jedesmal die Taktik der jüdischen Deputierten in der Duma bestimmen sollte. Vor kurzer Zeit fand endlich eine solche Beratung statt- Es nahmen an ihr 8 Personen teil, welche als Vertreter der großen jüdischen Organisationen erschienen! Gleich nach den Ferien wird

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.