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Die Welt · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 3 DIE^KELT 61 eine in Budapest statt. Die Versammlungen nahmen überall einen sehr günstigen Verlauf. Insbesondere der Abend in Kassau war direkt grandios; diese Versammlung war von mehr als 2500 (!). Personen besucht. Amerika Von der Agitationsreise Mr. Fromensons Die Ankunft Mr. A. H. Fromensons in Denver, Colo. am 11. Dezember gab Gelegenheit zu einer sehr ausgedehnten Diskussion über den Zionismus. Die lokalen Zeitungen brachten ohne Ausnahme -spaltenlange Interviews mit Herrn Fromenson. Natürlich waren auch die Gegner nicht untätig. Rabbiner William Friedmann vom Reformtempel brachte gleichfalls in Zeitungsartikeln seine von der zionistischen abweichende Meinung zum Ausdruck und hielt am ersten Vortragsabend Herrn Fromensons in seiner Synagoge eine sehr heftige Predigt gegen den Zionismus von der Kanzel herab, in der er die alten Einwände gegen den Zionismus vorbrachte : Palästina sei ein unfruchtbares Land und nur gut, um dort zu sterben, „wir sind gute Amerikaner und wollen nicht, daß das1 Judentum in einen kleinen Winkel irgendwo im Osten verbannt werde, die Juden sind keine Nation" usw. Zur selben Zeit hielt Herr Fromenson vor einer zahlreichen Menge einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag im Beth Hamidrasch Hagodol über das Thema, „Naionalismus und seine Verantwortung". Am folgenden Tag brachten die Zeitungen große Berichte über beide Reden und äußerten sich im allgemeinen nicht günstig für den Zionismus. Am Samstag abend sprach Herr Fromenson im jüdischen Viertel, das dort Colfax genannt wird. Die Versammlung fand in der chassidischen Schule statt, und das Gebäude war bis vor die Türen mit Zuhörern gefüllt. Mr. Fromenson sprach diesen Abend in Jiddisch. Am darauffolgenden Abend sprach Herr Fromenson im Frauenklub und wiederlegte hier vor einer sehr zahlreichen und bedeutsamen Versammlung die Einwände des Rabbiner Friedmann. Obgleich die Zuhörer zu einem großen Teil nicht Zionisten waren, hinterließ der Vortrag doch einen so starken Eindruck, daß allein an diesem Abend über 800 Mark für zionistische Zwecke gesammelt wurden. Bezeichnenderweise erschien über diese Veranstaltung auch, nicht eine einzige Zeile in der Presse, so daß die außenstehende Öffentlichkeit von der Wiederlegung des Herrn Rabbiners nichts erfuhr. Später fanden mehrfach Privatempfänge für Herrn Fromenson statt. Bei einer Abendveranstaltung im Hause Dr. John Eisners, eines Mitglieds des Reformtempels, war Rabbiner Friedmann einer der Gäste und es entspann sich infolgedessen eine sehr lebhafte Debatte über den Zionismus, an der sich alle Anwesende beteiligten. Der Gesamteindruck des Abends war, daß auch an diesem Abend dem Zionismus neue Freude gewonnen worden seien. An einem der folgenden Abende sprach Herr Fromenson sodann in der Bnei Brith Loge und am darauffolgenden Sonntag wieder im Colfax. □ □ D SPRECHSAAL □ □ □ (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Sehr geehrte Redaktion! Gestatten Sie mir einige Bemerkungen zu der „bemerkenswerten Kundgebung Dr. Nordaus und Dr. Mannoreks". Es ist in der Tat für uns Zionisten bemerkenswert, daß unser allverehrter Dr. Nordau den Standpunkt einnimmt daß in der neuen türkischen Verfassung unser „Charter", Herzls Charter, enthalten sei. Nordau sagt weiter: „Die türkische Regierung wird allen Völkern, die im Reiche leben, gleiche Rechte gewähren, und wir werden in Palästina dasjenige Maß von Freiheit und Recht erstreben und erhalten, wie es unser Volksinteresse erfordert." Das ist nicht nur Nordaus Auffassung, sondern wohl aller Zionisten, auch der, die schon eine Weile verzweifelten und sich halb oder gar ganz von uns gewandt hatten, — das ist auch die Auffassung vieler, die jetzt erst zum Zionismus gekommen sind, weil sie erst jetzt unter diesen Verhältnissen an eine Arbeitsmöglichkeit und den Erfolg des politischen Zionismus glauben, — das ist auch die Auffassung weiter Kreise, die zwar noch immer den Zionismus ablehnen, aber jetzt eine lebhafte praktische Arbeit in Palästina in Anbetracht der neuen Verhältnisse inaugurieren wollen. Die Auffassung hat aber zwei Voraussetzungen, denen auch Nordau in seiner Jahresrevue in der „Neuen Freien Presse" Ausdruck gibt 1. Daß die Partei des Prinzen Sabaheddin sich durchsetzt, die Partei des Dezentralisationsprinzips, nach dem diejenigen Landesteile „zu einer relativen oder sogar absoluten Autonomie gelangen: die eine ausgesprochene Präponderanz eines bestimmten Volksstammes aufweisen" (Berliner Tageblatt vom 4. Januar 1909) — und also 2. daß der jüdische Volksstamm in Palästina „eine ausgesprochene Präponderanz aufweist". Das erste hängt nicht von unserm Wollen und Wünschen ab. Wie steht es mit dem zweiten? Nun, wir wissen ja nur zu gut, daß wir vorläufig in unserm Lande noch sehr die Minderheit bilden und daß von dieser Minderheit ein noch sehr großer Teil es noch immer nicht für richtig erachtet, die türkische Untertanschaft zu erwerben. Was müssen wir also „politisch" erstreben? Doch nicht etwa uns um die tatsächliche Utopie bemühen, jetzt eine Autonomie in Palästina für uns zu erringen, sondern wir müssen sehen, unsere Position in Palästina zu stärken, zu kräftigen. Dr. Marmorek sagt sehr richtig: „Wir müssen die Bedingungen schaffen, welche uns die führende Rolle im Lande ermöglichen". Wie soll das geschehen? Nach dem kurzen Bericht in der „Welt" meint Dr. Marmorek: „Wir müssen nicht bloß trachten, jüdische Bauern in Palästina ansässig zu machen, sondern die kulturelle und wirtschaftliche Präponderanz im Lande zu erlangen", und fährt dann fort: „Die erlangen wir nicht dadurch, daß wir die Anzahl der im Lande wohnenden Juden um einige Tausend vermehren, sondern wenn wir die richtigen Elemente ins Land schicken, die kulturfördernd wirken.* Ich hoffe, hinter dem „nicht" in diesem Satze fehlt nur durch Versehen des Berichterstatters das Wörtchen „nur". Denn Dr. Marmorek kann unmöglich annehmen, wie es sonst den Anschein gewinnt, als wäre die Präponderanz möglich, ohne die Vermehrung der Judenzahl im Lande. Zur ausgesprochenen Präponderanz gehört doch wohl nicht nur die Anwesenheit von einigen „richtigen Elementen", sondern das „in der Majorität sein". Einige richtige Elemente" haben wir doch schon an verschiedenen Orten der Welt, in verschiedenen Staaten. Was uns aber überall fehlt — nach einem alten Grundsatz aller zum Territorialismus und zum Zionismus führenden Argumentation — ist, daß wir irgendwo die Majorität bilden, daß wir speziell in Palästina die Majorität bilden. Wir politischen Zionisten haben jetzt also ein lebhaftes Interesse daran, daß die Zahl der Juden in Palästina sich nicht nur um einige Tausend vermehre, sondern um viel, viel mehr, — wenn wir nicht zu spät kommen wollen. Nebenbei bemerkt, werden wir auch dann nicht als der im Lande vorherrschende Volksstamm gelten, wenn wir, wie es jetzt vielfach der Fall ist, nur die Arbeitgeber aus unsern Reihen stellen werden, und nicht auch die Arbeitnehmer. Ich glaube, daß das bei allen Nationalökonomen für die Jetztzeit unbedingte Geltung haben wird. Natürlich aber kann es anderseits nicht etwa Aufgabe des Zionismus sein, ein Schiff zu chartern und auf diesem Auswanderungslustige zu verladen und anstatt nach Galveston oder Canada nach Palästina zu dirigieren. Das ist wohl bei allen politischen und unpolitischen Zionisten selbstverständlich, und wenn jemand dagegen kämpft, so kämpft er gegen ein Nichts, gegen ein Phantasiegebilde. Wir haben nur die Bedingungen zu schaffen, wie Dr. Marmorek sagt. Ja, wir müssen sie schaffen, — das ist heute unsere wichtigste Aufgabe, nachdem wir durch die türkische Verfassung den Charter quasi haben. Wie schaffen wir aber die Bedingungen? Durch die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten. Das heißt: nicht indem wir das, was wir an Geld erlangen, hinlegen und faul werden lassen, weil wir auf einen großen Moment warten wollen, in dem wir es im Ganzen brauchen können und ach, wie wenig ist es nur im Ganzen! sondern indem wir es produktiv verwenden, indem wir es in dieser Produktivität vergrößern, indem wir mit ihm Tausenden und Zehntausenden in Palästina Arbeits¬ und Lebensmöglichkeit schaffen, indem wir unser Nationalvermögen durch diese Arbeit vermehren, unsere Kraft stärken. Das kann man alles aber nur, wenn man das Kapital „in kleinen Unternehmungen engagiert". In kleinen, sehr verehrter Herr Dr. Marmorek, weil es zu großen nicht reicht, in kleinen, die darum noch lange nicht kleinliche zu sein brauchen, und — soweit ich die kleine Reihe zionistischer Unternehmungen überschaue, durchaus nicht kleinlich sind. Und Sie wissen es doch auch selbst, Herr Dr. Marmorek, aus Ihren bahnbrechenden wissenschaithchen Forschungen,

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