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Die Welt · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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lassen und arbeiteten sich selbst „so lang und so breit" aus, bis nur leere Kistchen ohne Hülsen geblieben sind. Kein Mensch weiß bis auf den heutigen Tag, was überhaupt aus den Hülsen geworden ist. Mit leeren Händen reiste dann Chaim Jankiel nach Jekaterinoslaw, wo er sich dem Terraingeschäft widmete. Er kaufte mit einem Deutschen zusammen ein Grundstück, von dem man sagte, es sei Qoldboden; ein Millionär sollte er werden, man behauptete sogar, jemand habe ihm schon 150000 Rubel für das Terrain geboten. Da brach aber die „Krisis" aus, und er mußte die Segel streichen; kaput war er! Er wandte sich nun den Steinkohlen zu; er fand irgendwo einen Ausländer, mit dem er sich associiert und zusammen einen Schacht spottbillig gemietet hat. Kaum hatte die Arbeit begonnen, und siehe — da sprudelte eine Quelle heraus, eine förmliche Sintflut! Zwei Maschinen mußte man aufstellen, die Tag und Nacht das Wasser pumpten, aber so viel auch gepumpt worden ist, es kam immer das Doppelte heraus. Er spuckte dann auf den Schacht und machte mit einem Chemiker ein Geschäft mit Eidottern. Der Chemiker sollte nämlich aus den Eidottern irgendein Ding herstellen, dessen Benennung ich bereits vergessen habe, aber es sollte ein sehr kostbares Ding sein. Da aber frische Eier zu teuer sind und das Geschäft sich dabei nicht gut kalkulieren ließ, so war es notwendig, verdorbene und zerschlagene Eier aufzukaufen. Zum Unglück waren die Eier in jenem Jahre knapp, und verdorbene und zerschlagene konnte man überhaupt nicht auftreiben. Die Firma mußte deshalb frische Eier kaufen und wurde dadurch ganz ruiniert. Der Chemiker nahm die Beine in die Hände und kniff aus. Er ließ Chaim Jankiel mit den eingekauften Eiern zurück. Hätte wenigstens Chaim Jankiel die Eier rechtzeitig, als sie noch frisch waren, verkauft, so hätte er ein bißchen Geld herausschlagen; er hielt aber die Eier in der Fabrik und wartete auf einen neuen Chemiker, der dasselbe Geheimnis besitzt, aus den Eiern das kostbare Ding herzustellen. Er konnte jedoch einen solchen Chemiker nicht finden; die Eier wurden verdorben und zerschlagen und sie verbreiteten zuletzt einen so fürchterlichen Gestank, daß die Polizei wieder ein Protokoll aufnahm und ihm befahl, auf seine Kosten die Eier aus der Stadt hinauszutransportieren und in den Fluß zu werfen. Er mußte dann nachts durch ein Fenster hinausspringen und die Flucht ergreifen — möge sich Jekaterinoslaw mit den Eiern helfen, wie es kann! Chaim Jankiel reiste dann nach Rostow am Don und machte dort mit den „Fischjuden" Bekanntschaft. Zu seinem Unglück war aber das Jahr sehr schlecht, und der Prinzipal, bei dem er in Stellung kam, stand vor dem Bankerott. Er hatte ihn mit der Ware nach Odessa geschickt. Das haben die Gläubiger erfahren, und ließen Chaim Jankiel samt der Ware festnehmen., Sie hätten ihm den Garaus gemacht; nur gelang es ihm nach großen Schwierigkeiten, sie zu bewegen, wenigstens ihn freizulassen. Er tummelte sich dann einige Zeit in Odessa umher, fand keine Arbeit, denn in Odessa sind ja die Zeiten sehr schlecht. Er kam also nach Jehupec zurück, suchte ein Geschäft und konnte keins finden. Was sagst Du dazu? Nicht wahr? Ein glücklicher Hase? Er behauptet selbst von sich, daß, kaum kuckt er in einen Teich, im Nu alle Fische aussterben. Zum Unglück ist er noch ein Pfiffikus und ein fröhlicher Kerl. Ein ganz interessanter Kauz. Er ist so ganz rund, kurz und dick, rot mit rotem Haar und funkelnden Äuglein, und ruhen tut er nie! Die Mütze trägt er immer auf einer Seite, sein Hirn arbeitet stets und ist unaufhörlich mit „Kombinationen" geladen. Für alles in der Welt hat er eine „Kombination". Für mich hat er eine „Kombination", < ich solle Zigaretten kaufen und er soll sie rauchen, was ich auch mit Vergnügen tue, weil ich weiß, daß er nebbich „keinen Groschen bei der Seele hat". Würde ihm die Wirtin nicht wenigstens einmal im Tage aus Erbarmen das Essen geben, er würde vor Hunger umkommen. Übrigens sagt man nur so „vor Hunger umkommen". Chaim Jankiel ist ein Mensch, der nie vor Hunger sterben wird. Er wird allemal eine „Kombination" finden, wie Geld zu verdienen ist und ich glaube sogar, daß er noch einmal viel Geld haben wird. . . . Jetzt, nachdem Du schon einen Begriff davon hast, wie ich schreibe und was ich beschreibe, wird es Dich nicht mehr wundern, warum man mir dafür Geld bezahlt. Das ist aber noch nicht der hundertste Teil von meinen Beschreibungen, die in den Redaktionen herumliegen. Mit der Zeit w7erde ich sie Dir alle in kurzen Worten mitteilen. Vorläufig gebe Gott Glück und Gesundheit. Wenn Gott will, werde ich Dir im nächsten Briefe ausführlicher schreiben. Grüße unsere Kinderchen, sie sollen leben, Schwiegervater und -Mutter und jeden besonders freundlich von mir, Deinem Mann Menachem-Mendel P. J. Die Hauptsache vergessen. Ich wollte Dir schon einigemal mitteilen, daß man von mir auch von Warschau verlangt, ich möchte meine Beschreibungen hinschicken, und man verspricht mir dafür schweres Geld. Nun weiß ich aber nicht, was ich tun soll. Ich habe vor der Petersburger Redaktion Angst, sie könnte sich noch beleidigt fühlen, und es ist auch „der Welt gegenüber" nicht recht und nicht schön; die Leute werden noch sagen, Menachem-Mendel tanze auf zwei Hochzeiten. D. O. : 0000000|| fr O O O Jj AUS DER BEWEGUNG Deutschland Posen: Am 27. Dezember veranstaltete die hiesige Ortsgruppe einen Makkabäerabend, an dem sich etwa 400 Personen beteiligten. Nach einem stimmungsvollen Präludium auf deni Harmonium, vorgetragen von Herrn Finkel, dem Chordirigenten des Synagogenchors, feierte Herr Rechtsanwalt Dr. Kollenscher das zionistische Makkabäerideal in schwungvoller, zündender Rede. Herr Kantor M o o o o l o o j\ 2> o o o o o o o Feldmann brachte Zionslieder zum Vortrag, während Herr Oberkantor Leibowitz besonders mit Jargonliedern lebhaften Beifall auslöste. Fräulein Martha Wolf söhn brachte „Beruiia" von Loewenfeld zum Vortrag. Frau Fi nke Istein produzierte auf dem Klavier mit gewohnter Meisterschaft die jüdische Rapsodie. Den Schluß des deklamatorischen Teils bildeten die wirksamen Vorlesungen: der Menora von Herzl, einer Szene aus den Makkäbäern von Otto Ludwig und des Schlußkapitels von Altneuland, in denen Herr

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