Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Streu' Sand darauf! Du kannst dir denken, was für ein Pechvogel er ist, wenn er mich ein Sonntagskind preist, ich sei der Glückliche, ich — das Schoßkind der Fortuna! Aber was soll ich Dir da vieles erzählen? Da hast Du seine ganze Biographie im kurzen. Ich will Dir reinen Wein einschenken. Chaim-Jankiel hat sehr jung geheiratet, bekam einige tausend Rubel Mitgift, begann mit Getreide zu „handeln" und ist natürlicherweise im Laufe eines halben Jahres das bißchen Geld los geworden. „Aufs Korn genommen!" Was tut dann Gott? Er nimmt ihm zu guter Letzt auch die Frau weg. Chaim-Jankiel heiratet zum zweiten Mal, bekommt wieder etwas Geld, beginnt wieder zu „handeln", aber diesmal nicht mehr mit Getreide, sondern mit „Gold", das heißt: eine Schurkenbande prellt ihn um sein kleines Kapital, indem sie ihm angeblich ein Säckchen Gold verkauft, aber in das Säckchen anstatt Gold Sand hineinsteckt. Als er das Geld verloren hatte, machte er sich ein Warengeschäft auf Kredit, begann Geld zu verdienen, wurde aber auf einem Jahrmarkt gründlich bestohlen. Den ganzen Warenvorrat hatte man ihm weggeschleppt, nicht einen Faden zurückgelassen! Da zeigte Gott ein neues Wunder: sein Onkel, ein richtiger Erbonkel Chaim- Jankiels, reich und kinderlos, starb plötzlich in Kamenetz und vermachte ihm einige Häuser und Warenläden. Die Sache war ganz formell in einem Testament niedergeschrieben: ihm und seiner Schwester gesetzlich vermacht. Chaim-Jankiel eilte nach Kamenetz, um den verstorbenen Onkel zu beerben. Er ging schon daran, die Häuser zu verkaufen, als gegen ihn eine Anzeige erhoben wurde, das Testament sei gefälscht. Er wurde infolgedessen eingesperrt und blieb anderthalb Jahr in „Einsamkeit", bis das Urteil gefällt und er mit Not und Mühe freigesprochen wurde. Kurz darauf wurde er aber wieder eingesperrt, weil die Warenläden inzwischen abgebrannt und gegen ihn eine Anzeige eingereicht wurde, er hätte selbst „den roten Hahn aufs Dach gesetzt", trotzdem er keinen blauen Dunst davon hatte! Kurz gesagt, seine Bedrängnis war groß; ausgemartert, hundemüde, elend, ohne eine Kopeke in der Tasche kehrte er nach Hause ^zurück und beschloß, mit Frau und Kindern nach Amerika auszuwandern. Er verkaufte seinen alten Plunder, Hausrat und Bettzeug und machte sich mit der Familie auf den Weg. Es ging alles sehr gut, — aber an der Grenze wurde er angehalten: er hatte keinen richtigen Reisepaß! Er wurde dann per „Etappe" abgeschoben; das „Schieben" dauerte einen ganzen Winter! Zum ersten Sederabend kehrte er nach Ladyzin zurück. Gefoppt, ruiniert, blamiert und am Hungertuche nagend befand er sich wieder in der glücklichen Heimat. Die „Stadt" hat sich seiner erbarmt, Leute taten sich zusammen, haben ein Sümmchen gesammelt, kauften eine milchende Kuh für seine Frau, damit sie so eine Art Milchfrau werde, und ihm ein Pferd und Fuhrwerk, um ihn in den Stand zu setzen, auf dem Lande herumzufahren und altes Eisen, zerbrochenes Geschirr und „vorjährigen Schnee" aufzukaufen. Die Kuh überlegte sich aber die Sache, kam einmal vom Stall, legte sich auf eine Seite und hauchte ihren milchspendenden Geist aus. Den stolzen Gaul hingegen samt dem Fuhrwerk hat ein Unbekannter während einer tieffinstern Nacht aus dem Stall ins Freie geführt, und bis auf den heutigen Tag ist jede Spur verschwunden. Chaim-Jankiel erfuhr dann, einer seiner Freunde in Bratzland habe ein paar Rubel erschnappt und suche einen Associe für sein Geschäft. Er ließ sich mit ihm in eine Korrespondenz ein; der Freund ging auf den Leim, sie kamen zusammen, schlössen eine Kompanie und begannen nach einem Geschäfte auszuspähen. Eines Tages hörten sie, ein edler Pole, Ex-Gutsbesitzer, habe eine Kollektion verschiedener Waren, Apothekermittel u. dergl., die er zu Schleuderpreisen verkaufen will. Sie reisten sofort zum Polen, kauften ihm das Geschäft spottbillig ab und begannen es auszukramen. Sie hätten wirklich eine Menge Geld verdienen können, aber ein Unglück passierte: in der Apotheke schütteten sie ein Pulver aus, ein furchtbar scharfes und ätzendes Pulver. Sie begannen beide zu niesen und konnten drei Tage und drei Nächte lang das Niesen nicht unterdrücken. Und nicht nur sie, sondern jeder, der in die Apotheke gekommen ist, begann zu niesen, und nicht nur in der Apotheke, sondern auch in ihrer Nähe, jeder der nur vorbeiging, mußte niesen; die ganze Straße, beinahe die ganze Stadt hielt sich an einem Niesen. Da hat die Polizei gegen sie ein Protokoll aufgenommen; die Apotheke wurde geschlossen, und sie mußten im stillen in der Nacht die ganze Ware herausführen und sich mit dem Zeug nach einer andern Stadt schleppen. Unterwegs aber ereignete sich ein neues Unglück: unter der Ware befand sich nämlich ein Kistchen mit Schießpulver gefüllt; als sie zur Bahn kamen, und als man begonnen hatte, den Kram auf den Güterwagen zu laden, explodierte das Pulverkistchen, zertrümmerte den Wagen und schoß einem Stationsgendarmen ein Bein ab, so daß die Kaufleute kaum mit dem nackten Leben entkommen konnten. Das war ein Glück, daß es ihnen überhaupt gelungen ist, auszukneifen. Der Associe ist schier vor Schrecken gestorben; Chaim- Jankiel hingegen faßte Mut und reiste nach Berditschew. In Berditschew frisch und wohlbehalten eingetroffen, associierte sich Chaim-Jankiel abermals mit einem Unternehmer, und sie gründeten zusammen eine Zündhölzchenfabrik. Alles ging gut, nur die Zündhölzchen wollten keineswegs brennen, wie kräftig man sie auch reiben mochte. Das waren Zündhölzchen, die jede Feuerprobe bestehen konnten, ja, den größten Brand hätte man mit ihnen löschen können. Wegen des feuchten Holzes, das kein Feuer fing. Richtig auf dem Holzweg waren die Fabrikanten . . . Chaim-Jankiel reiste dann nach Jehupec zurück und bekam eine Anstellung auf einem Transportschiff als Gehilfe. In der ersten Zeit ging es ihm gar nicht übel, aber ein neuer Zufall ereignete sich: das Schiff wurde leck, und als es unterzugehen begann, warf Chaim-Jankiel sich und alle seine Hoffnungen über Bord und hatte es einem Wunder zu verdanken, daß er gerettet wurde. Ein Dampfer ging zufällig vorbei; der Kapitän bemerkte den mit dem Tode ringenden Chaim-Jankiel, ließ ihn auffischen und beförderte ihn nach Krementschug. Dort machte er die Bekanntschaft eines Mannes, der Leiser-Jossel hieß. Das war ein fideles Haus! Sie begründeten zusammen eine Zigarettenhülsenfabrik, und das wäre ein ausgezeichnetes Geschäft gewesen; das Unglück aber wollte, daß Leiser-Jossel ein leidenschaftlicher Schachspieler war, und er selbst, d. h. Chaim-Jankiel ist bekanntlich auch ein großer Liebhaber dieses Spiels. Sie spielten dann Tag und Nacht Schach, und die Zigarettenhülsen wurden ihrem eigenen Geschick über-