Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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56 Rücksichten in den Besitz eines wertvollen Zugeständnisses gesetzt halte, damit dort eben gar keine Bahnen gebaut würden. An einen Bahnbau der Türken dachte man damals nicht, der Bau der Mekkabahn hafte noch nicht begonnen. Die Erfahrungen und Erfolge des türkischen Ingenieurs und Soldaten bei der Mekkabahn hatten die Blicke schon in der alten Zeit, so nennt man jetzt die Zeit vor der Verfassung, auf den Bau einer Bahn Angora-Ersinghian-Erserum gelenkt; man glaubte aus eigner Kraft in eigner Verwaltung auch diese Bahn bauen zu können, die mehr strategische als wirtschaftliche Wichtigkeit hat. Die Verkündung der Verfassung hat nun auch das Bild ganz verändert. Die Verfassungstürkei fühlt die Kraft, trotz russischen Schmollens Kleinasien mit einem durchdachten Schienennetz zu überziehen. Im Ministerium der öffentlichen Arbeiten ist nach türkischen Blättern jetzt ein Plan fertiggestellt worden, der Beachtung verdient. Seine Durchführung ist möglich und würde wirtschaftlich und strategisch den dringendsten Anforderungen entsprechen. Danach sind mehrere Stichbahnen von den Ufern des Mittel-und des Schwarzen Meeres ins Innere zu baue*. Ein inneres Netz sichert ausreichende Verbindung mit den östlichen Provinzen und reicht bis zu der Bagdadbahn herab. Man hat diese Zukunftsbahnen in folgende Strecken geteilt: 1. Adalia-Isparta, etwa 140 km vom Mittelmeer bis in das Seengebiet aufsteigend und hier an die im Bau befindliche Verlängerung der englischen Linie Smyrna- Aidin anschließend. 2. Samsun -Mersiwan- Amasia-Tokad-Siwas- Ersinghian-Erserum, 900 km, vom Schwarzen Meere in das fruchtbare Hinterland aufsteigend und dann östlich von Siwas bis Erserum mehr strategischen Zweck verfolgend. 3. Tireboli-Gümüschhaneh- 6 if □ □ □ □ □ o ii — Menachem Mendel von Jehupec an seine Frau Scheine Scheindel in Mazepewke. An meine keusche, teure, kluge Frau, Scheine Scheindelleben. Erstens teile ich Dir mit, daßich gottlob gesund und munter bin; gebe Gott, wir sollen voneinander frohe Nachrichten, Heil und Segen und alles Gute vernehmen immer und ewig. Amen, selah. Zweitens gebe ich Dir kund, daß mir erst jetzt die Schuppen von den Augen gefallen sind, und daß ich erst jetzt weiß, was für ein alberner Hans ich früher war. Ich glaubte nämlich bis jetzt, eine Geschichte müsse gemacht werden44. Durchaus ungeschehen, ausgedacht, und je toller ausgedacht, je mehr Lüg-Ente, desto besser. Jetzt habe ich erst das richtige Geheimnis heraus. Eine Geschichte darf man überhaupt nicht machen; „sie muß sich selbst machen1'. Es ist ganz müßig, sich den Kopf zu zerbrechen; es genügt, einen Menschen oder ein Ding genau zu beobachten — dann nehme man die Feder und schreibe los! Du z. B. würdest sagen, die Wirtin dieser Herberge verdiene es nicht, beschrieben zu werden, nicht wahr? Was soll man da über die Wirtin einer Herberge schreiben? — Doch ich sage Dir, sogar das Dienstmädchen, das die Zimmer räumt, verdient beschrieben zu werden. Ist sie doch eine Person, gleich allen andern Personen, und hat sie doch eine Seele gleich Dir und mir und allen andern Menschen. Daß sie ein Dienstmädchen *) Verworfene, verstreute, althochd.: walägon, waigon, wälzen, ziellos sich rollen, hin und her bewegen, umherliegen. [Grimm. | **) Aus dem „Fraind". No. 3 Erserum, etwa 400 km. . Die Bahn verbindet das Schwarze Meer mit dem armenischen Hochland und dient wirtschaftlich-strategischen Zwecken. 4. Mersiwan-Angora, etwa 400 km, bringt Angora östlich mit dem Meere in Verbindung und bildet eine Teilstrecke der großen Linie Konstantinopel-Erserum. 5. Eregli-Kaisarie-Siwas, etwa 600 km, Hauptverbindung zwischen der nördlichen und der südlichen Westostlinie. 6. Hanli (80 km südwestlich von Siwas)- Malatia-Charput-Diarbekr-Bitlis-See von Wan, etwa 1000 km, eine große, mitten in Kleinasien sich von der Querlinie abzweigende mittlere Westostlinie, die verwilderte, unerschlossene aber zukunftsreiche Gebiete durchlaufen wird. 7. Diarbekr-Urfa, etwa 280 km, bringt über Urfa die Bagdadbahn mit dem neuen System in Verbindung. Die .Regierung denkt daran, einige dieser Bahnen in eigner Verwaltung zu bauen. Schon seit einigen Jahren ist die Strecke zwischen Angora und Erserum zum Gegenstand eingehender Studien des Generalstabs gemacht worden, wobei einige Eisenbahningenieure behilflich waren. Für den Bau anderer Linien sollen bereits Angebote eingelaufen sein; man spricht von 12 000 Franken kilometrischer Bürgschaft. Die guten Freunde, die wortreich versicherten, daß sie die Eisenbahnen in der Türkei umsonst ohne Kilometerbürgschaft gebaut haben würden, sind noch ausgeblieben, man erwartet sie. Hic Rhodus nie salta. Für die Strecke Panderma- Balikesre-Soma, etwa 270 km, soll ein Angebot einer belgischen Gesellschaft vorliegen ohne Bedingung der Bürgschaft. Diese Strecke, die kürzeste Verbindung nach Smyrna, bedarf allerdings der Bürgschaft nicht. : r:=^s CT" -^ o □ □□□□□ JJO cv- - JJ o und Du eine Wirtin bist, na — das war einfach Bestimmung! Sie war für dieses Geschick geboren; wäre sie für ein anderes Geschick geboren, dann wäre sie eine Wirtin und Du ein Dienstmädchen. . . Der Fall liegt genau so wie bei mir und Brodski. .... Wäre Brodski z. B. als Menachem-Mendel und Menachem-Mendel als Brodski geboren worden, dann wäre eben Brodski Menachem-Mendel, und Menachem- Mendel — Brodski gewesen. Nun wirst Du doch fragen: was liegt denn eigentlich daran? Ja, es liegt viel daran: dann hätte ich die Millionen und hätte ich sie gehabt, ich wüßte schon was zu tun! Trotzdem glaube doch nicht, daß ich mir geringer vorkomme, wenn ich keine Millionen habe. Ich weiß nicht einmal, ob ich mit denjenigen, die Millionen besitzen, tauschen würde; vielleicht würde ich tauschen, vielleicht auch nicht; denn was sind eigentlich Millionen? Mumpitz! Heute sind sie in dem Besitze des einen, morgen in dem Besitze des andern, und hat mich Gott mit einem Federkiel gesegnet — was frage ich nach der Welt? Möchte doch, jemand versuchen, mir meine Feder zu nehmen oder mir zu befehlen: schreibe nicht! Aber das ist schon ein bißchen — wie man sagt: „Philosophie"; sprechen wir lieber vom Geschäft, d. h. vom Schreiben selbst. Du willst ja wissen, welche Beschreibung ich jetzt mache. Ich will es Dir kurz mitteilen:. In der Herberge wrohnt zusammen mit mir ein junger Mann aus Ladyzin, ein gewisser Chaim-Jankiel, ein Schlemihl, wie kaum ein ähnlicher existiert hat, seitdem der liebe Gott Schlemihle schafft! Was er nur anfängt, ist ein Unglück; was er anrührt — Punktum! FEUILLETON „VERWALGERTE BRIEFE" *> Von Schalom Aleichem |Aus dem Jüdischen übersetzt von H. H.| I.