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Die Welt · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 3 DIE^ELT 55 Darin liegt die Bedeutung der ungeheuren Massenversammlung, die heute auf dem Platte der Ahmed-Moschee stattfand. An hunderttausend Türken hatten sich zum Protest gegen den Anschluß Kretas an Griechenland zusammengefunden. Bedeutende Männer des Neu-Osmanentums hielten flammende Reden. Es ist dringend zu wünschen, daß der Sturm vorübergehe. Bntlädt er sich, so beginnt eine Periode des Chauvinismus auf beiden Seiten, die das neue Regime vom alten nicht allzu stark unterscheiden wird. — Auch in Syrien wird die Nationalitätenfrage lebendig, und das Pariser „Journal" bringt eine Proklamation syrisch-arabischer Ansprüche, die an separatistischer Schärfe nichts zu wünschen übrig lassen. Die Libanonrepublik ist noch in Parteien gespalten, deren zentralistische und intransigeant-autonome Ideen sich unversöhnlich gegenüberstehen. Die einen wollen engen Anschluß an Konstantinopel und Wahl von Abgeordneten ins allgemeine ottomanische Parlament, die andern strenge Abscheidung wie bisher und Ignorierung der zentralen Reichsvertretung. Bisher ist die zweite Gruppe noch in bedeutender Übermacht, und von der Entsendung von Libanon-Deputierten verlautet keine Silbe. Inzwischen wirkt der Zentralisationsgedanke unterirdisch weiter. Es gibt Leute, die für Prinz Sabaheddin prophezeien. Im Schöße des anscheinend chauvinistischen Jungtürkentums selber scheint man im Pnnzip seiner Idee nicht gerade absolut und für immer feindlich. Nur die Zeit für ihre Durchführung scheint dort verfrüht, und man will sich auch nur in langsamen Stufen ihrer Verwirklichung nähern. Max Nordau hat am 1. Januar in der „Neuen Freien Presse" schön und stark wie selten für die Dezentralisation gesprochen. Er hat der Türkei ihr Schicksal vorausgesagt, wie es sich gestalten wird mit oder ohne sie. Seine einleuchtenden Sätze sind hier nicht unbemerkt geblieben; die bedeutendsten Türkenblätter haben sie zitiert, natürlich besonders die Nationalitätenpresse sie wie köstliche Perlen aufgefangen. Constantinopolitica Der Chachanibaschi ist noch nicht gewählt. Die für vergangenen" Donnerstag angesagte Waad-ruchmi-Sitzung hat nicht stattgefunden. Rabbi Hamon, der Rosch Beth-din, hafsie wegen Krankheit, „Diplomatenkrankheit" nach den Worten des „Tiempo", in letzter Stunde absagen lassen. Eine neue ist für Dienstag den 12. vom Kaimakam angeordnet worden; aber der Rosch Beth-din hat in seinem ersten Schreiben bereits von seinem schlechten Befinden „im Winter" gesprochen; das läßt vermuten, daß man die Feststellung der Kandidatenliste bis auf weiteres noch nicht wird erwarten dürfen. Die Erregung über den Rabbinerbrief ist noch nicht geschwunden. Dr. Gaster in London hat seinen Namen zurückgezogen; aber die andern Rabbiner, an die die Alliance sich gewandt hatte, um die Authentizität ihrer Unterschrift festzustellen, haben ihr Eintreten gegen Nahum vollauf bekräftigt. Von der einen Seite wird nun der Schritt der westeuropäisch-orthodoxen Rabbiner als unbefugte Einmischung in türkische Angelegenheiten bezeichnet, auf der andern als Pflicht alljüdischer Gemeinbürgschaft verteidigt. Die Chancen für die Wahl des Kaimakams Nahum zum Großrabbiner liegen augenblicklich folgendermaßen: alles hängt von der Anerkennung seiner Kandidatur ab; streicht ihn der Waad, wie die Orthodoxen verlangen, als seiner religiösen Stellung nicht genügend, von der Liste, so muß er als gefallen gelten; erfolgt das nicht, so ist seine Wahl wie vorher sicher; Smyrna hat Wähler in der Hauptstadt ernannt, die ihm günstig gesinnt sind, und so würden zu den Konstantinopeler Stimmen, die ihm bleiben, noch einige auswärtige kommen. Diese Sachlage erklärt es, warum die orthodoxe Partei ihre Hauptaktion jetzt vor der Waad-ruchmi-Sitzung entfaltet, und warum;man auf diese so sehr gespannt ist. Die ganze Pro- und Contra-Kampagne wäre noch beschämender für das Judentum, als sie schon jeUt ist, wenn es wirklich nur um Sieg oder Fall von Personen ginge. Nein, es ist in Wahrheit ein großer Prinzipienkampf. Alliance oder Nicht-Alliance, das ist hier die Frage; mag die Alliance nun kämpfend eingreifen oder nicht, — ihre Gegner und Freunde nehmen es so. Ihre Vergangenheit wirft jetzt bedeutungsvolle Schatten. Was als ihre schweren Fehler bezeichnet wird, das kommt nun zur Wirkung und schafft ihr erbitterte Feinde. Sie hat es noch heute in der Hand, durch Reform in ihrem Innern allen Protest gegen sich aus der Weft zu schaffen. Die Kommission der Alliance hat den größten Teil der Schulrevisionen am hiesigen Orte vollendet. Wie verlautet, ist sie mit dem Stande des Hebräisch-Unterrichts an den Allianceschulen der Hauptstadt höchst unzufrieden. Wie einschneidend die durch dieses Resultat veranlaßten Änderungen im Schulplan ausfallen werden, steht einstweilen noch aus. Hoffentlich wird kein „Religions"- und Gebetunterricht wie in Deutschland, sondern eine lebendige Sprach- und Schreiblehre daraus werden. — Dr. Wellisch ist mit nahezu vollständiger Einstimmigkeit von der Aschkenasim-Gemeinde zum Mitgliede des Waad umumi gewählt worden. Jahresfest des „Makkabi" Der „Jüdische Turnverein Makkabi" (Agudath Machbi le-hithamluth), der früher nach altem Stil der Israelitische hieß, hat mit seinem Fest am 2. Januar bewiesen, daß die jüdische Bevölkerung Konstantinopels seinen neuen Charakter nicht abweist, sondern begriffen und gebilligt hat. Man hatte Boykott vorausgesagt, aber der Saal, der übervoll war, ließ nichts divon merken. Der Vorsitzende, Abrarnowitz, dem die Nationalisierung des Vereins zu verdanken ist, gab im Eingang knapp und klar eine Darlegung der neuen Prinzipien, der Bedeutung seines neuen Namens und der Hoffnungen auf seine neue Ära. Daß der nunmehr streng jüdisch-nationale Geist nicht etwa einem ottomanischen Staatsbürgertum Eintrag zu tun braucht, bewies ein bedeutsames Faktum: Ein Adjutant des Sultans, Major Selim Siro Bej, wohnte nicht nur dem Feste bei, sondern hielt sogar einen langen Vortrag, dem eine prachtvolle, patriotische Improvisation des Redners „an sein Schwert" vorausging. Musikalisches und Theater sorgten natürlich für Kurzweil. Die Leistungen des Turnvereins kamen in interessanten, zum Teil sehr schwierigen Pferdübungen und Pferdpyramiden der Männerabteilung zum Ausdruck. Höchste Begeisterung aber weckten die Vorführungen der Knaben, die einer glücklichen Idee des Turnwarts Ziffer Leben gaben. Eine blau und weiß matrosenartig gekleidete Schülertruppe mit roten Fes auf den Köpfen gab Marsch- und Freiübungen mit Flinten zum Besten; die Schußitellungen und -ausfälle im Stand, Kniestand und Liegen weckten Stürme von Beifall. Selim Siro Bej, der eine große Turnbewegung in der Türkei zu organisieren imBegriff ist, gedenkt, ähnlicheSchülerübungen allgemein einzuführen. Seine Worte, daß er hoffe, bald recht viele vortreffliche jüdische Soldaten und Offiziere im Heere zu sehen, waren keine Phrase. Zionistische Besuche Vergangene Woche verließ uns Herr Jabotinski, der vor und nach seiner Palästinareise einige Wochen in der Türkei zubrachte und mit zwei ganz hervorragenden Reden in Konstantinopel und Saloniki für die Nationalisierung der ottomanischen Juden Bedeutsames vollbrachte. Sein Name ist in der Türkei schnell heimisch geworden; seine Absicht, wieder hierher zurückzukehren, weckt nicht nur bei unsern Freunden, sondern allenthalben Befriedigung. Gegenwärtig weilt Herr Ussischkin in der Stadt am Goldenen Hörne, um sich persönlich über alle den Zionismus und die jüdische Arbeit in Palästina interessierenden Fragen unter dem neuen Aspekt des Konstitutionalismus zu informieren. Fast täglich gibt es jetzt Durchzügler nach Palästina. Vorwiegend sind es junge russisch-jüdische Ingenieure oder Industrielle, die hinüberwollen, um nach Arbeit für ihre intellektuellen Kräfte und Kapitalien Umschau zu halten. Mit den neuen Möglichkeiten kommen die neuen Arme und Köpfe. Die Palästinaliebe ist mächtig wie niemals. Die Verfassungsrevision Konstantinopel, 12. Januar: Auf den Antrag des Konstantinopeler jüdischen Abgeordneten Faraggi, nach dem die Verfassung im Sinne der Ministerverantwortlichkeit, der Wählbarkeit eines Teiles der Senatoren und der Aufhebung des Verbannungsrechtes des Sultans abgeändert werden soll, nahm die Kammer einstimmig und unter begeisterten Beifallskundgebungen die Verfassungsrevision im Prinzip an. Konstantinope', 13. Januar (Privattelegr.). In der heutigen Sitzung des Waad ruchmi wurde die Kandidatur Haim Nahums für giltig erklärt. Damit erscheint seine endgiltige Wahl zum Chacharnbaschi so gut wie sicher. Eisenbahnpläne Die „Kölnische Zeitung" schreibt: Vor einigen Jahren hatte die Türkei, das heißt der Sultan, mit Rußland ein Abkommen schließen müssen, das den Bau von Bahnen in einem östlich von Angora — Kaisarie liegenden Gebiet Kleinasiens russischen Unternehmungen vorbehält, falls nicht etwa die Türkei selbst dort Bahnen bauen wolle. Seitdem ist kein einziger russischer Plan an die Pforte herangetreten; man darf annehmen, daß Rußland sich aus strategischen 2*

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