Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316353--51467-3345151
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bei der auf Grund des vortägigen Beschlusses debattelos erfolgenden Abstimmung wurde Absatz 1 mit allen gegen 5, Absatz 2 mit 23 gegen 14 Stimmen angenommen. Anmerkung der Redaktion Aus Rücksicht auf die Würde eines ehrenwerten jüdischen Areopags, der unter dem Gesichtspunkte religiöser Anschauungen den Zionismus mit großem Ernst behandeln zu müssen glaubte, widerstehen wir der naheliegenden Versuchung, die bizarre Art der Kasuistik, wie sie hier mit Formeln, Phrasen und einzelnen aus dem Zusammenhang herausgerissenen Worten geführt worden ist, zu beleuchten. Es ist „Pilpul", in der Form eines Referats und Korreferats modernisiert. Fragen werden gestellt, die eigentlich keine Fragen sind, „Wandlungen" werden erwähnt, die nicht stattgefunden haben. Unserseits wurde vergebens die Neutralität des Zionismus den divergierenden religiösen Parteien gegenüber schon hundertmal hervorgehoben. Der Zionismus, in seinen Grundrissen mit den großen Traditionen des Judentums zusammenhängend, von ihnen getragen und ihren Inhalt bildend, kann sich wegen seiner Größe und Allgemeinheit weder mit dem Konservatismus, noch mit dem Liberalismus, Reform, Orthodoxie, Neo-Orthodoxie, Missnagdismus, Chassidismus u. dergl. verkoppeln lassen: weder identifiziert er sich mit irgend einer bestimmten Richtung, noch bekämpft er eine derselben; er ist für alle Juden bestimmt und umfaßt sie alle unterschiedslos. Wir dächten, die Vertreter der Religion müßten in cieser jüdischen, bekehrenden und einigenden sittlichen Macht einen unschäübareu Beitrag zur Stärkung des Judentums erblicken. Viele haben dies schon eingesehen; die Rückständigen beharren noch in einem Vorstellungskreis, der Diskussionen wie die obenangeführten möglich macht. Das ist ihr gutes Recht. Die Zukunft wird sie eines bessern belehren. Auf eine ausführliche Polemik verzichten wir und begnügen uns, die merkwürdigen Auseinandersetzungen als Anteil für den zukünftigen Historiker zu verzeichnen. Einen positiven Wert hat die Sache schon deshalb nicht, als das abschließende Urteil, das wir ruhigen Blickes und zuversichtlichen Sinnes abwarten, noch nicht gefällt worden ist. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Kurbän-Beiräm Die Türkei ist das Schlaraffenland der Feste. Die Woche ist nicht nur mit drei Ruhetagen, sondern auch das Jahr mit einem islamischen, jüdischen, orthodoxen und gregorianischen Festkalender gesegnet. Wer alles miteinander feiern wollte, der käme aus dem ewigen Kef, dem türkischen dolce far nienti, nicht mehr heraus. Die letzten drei Wochen hatten wir alles hübsch durcheinander: erst Chanuka und römische Weihenacht, dann katholisch und protestantisch Silvester, türkischen Kurbän-Beiräm und griechische Weihnachten; das julianische Neujahr steht uns bevor. Keine andere als die türkische Toleranz kann dies alles nicht nur ertragen, sondern auch mit Anstand und Ehrerbietung begleiten, und das Staatsinstitut soll anderwärts erst noch gefunden werden, das, wie die Konstantinopler Ottomanbank, an den großen Tagen der Christenheit und den Jamim noraim der Juden genau so festlich die Pforten schließt wie an den eignen festlichen Tagen des Islams. Am Vorabend der griechischen Feste ziehen Knaben, gewöhnlich zu zweien, mit riesigen Festlaternen, die ganze mit bunten Papieren beklebte, illuminierte Häuser oder Kirchen darstellen, langsam durch die Gassen, und mit hellen unermüdlichen Stimmchen lassen s;e einen anfang- und endlosen orientalisch-melancholischen Singsang erschallen, der die Abendluft mit ganz eigentümlichen Stimmungswellen anfüllt. Dem Kurbän-Beiräm donnern Kanonen voran. Und wenn das Dunkel herabsinkt, dann flimmern wieder über beiden Ufern des Goldenen Horns und den ganzen Bosporus aufwärts jene weichen, zierlichen Lichterkrönchen um die Minaretschafte, die die Weichheit der Kons'antinopler Nächte wie trauliche, träumende, immerwachende Augen durchblinzeln. Und in den hundert Moscheen drinnen gleißt" wieder die feenhafteste Lichterflut. Der Kurbän-Beiräm ist ein halbjüdisches Fest. Es erinnert an das hebräische Korbän-P£ssach, es hat seine Wurzel in der Opfergeschichte des Hebräers Izchak. Merkwürdig, wie der Islam gerade diese Bibelepisode aufgenommen und ihr den heiligsten aller seiner Feiertage gewidmet hat. Am Vortage des Kurbän-Beiräm bietet Stambul ein eignes Bild. Unter den Strom der Menschen mischen sich unglaublich vieleSchaf e. Da trottet eine Herde schneeweiß gewaschener Schafe blockend über die große Brücke, da hängt ein Widder mit blumen- und bändergeputzten Hörnern gleich einem mutwilligen Buben einem Chomäl über dem Rücken, die Vorderbeine um seinen Hals und die Hinterfüße um seine Hüften geschlungen. Dort gar fährt in majestätischer Groteske ein girlandenumwundenes Wolltier im zweispännigen Fiaker. Einen unvergeßlichen Anblick aber bot die riesige, hochaufgebaute Freitreppe der Jeni-Dschämi, der Sultane-Valide"-Moschee, die von oben bis unten auf allen Stufen von Hunderten der frommen Tiere bestanden war, unter denen kein einziges Menschenkind sichtbar wurde, und die einem gottlosen Spötter wie eine von Kirkes Zauberrute verwandelte Andächtigengemeinde erscheinen konnte. Auf dem Antlitz all dieser frommen Vierfüßler aber lag eine ahnungsvolle Melancholie, als fühlten sie, daß die Menschen sie nur darum geschmückt und mit so viel respektvoller Zärtlichkeit behandelt hatten, um heute noch unerbittlich ihr rotes Blut mit ihrem Leben hinrinnen zu lassen. Unzählige Tausende von Widdern werden am Abend des Beiräm geschlachtet in der ganzen islamischen Millionen weit, zum Andenken an den heiligen Widder, der sich Abraham darbot, als er sein Liebstes, sein Kind, dem Ewigen zu opfern bereit war. Und alle die unzähligen Tausende Widderfelle fielen jahrelang dem Staatsschatz als Beisteuer zum Bau der heiligen Hedschäsbahn anheim. Nur dieses Jahr wurde die Maßregel aufgehoben. Parlamentarische Ferien Die Volksvertreter feiern, wofern ihr Heim nicht zu weit ist,, ihre Weihnachten und Beiräm am häuslichen Herde. Die Erinnerung an das große Sultanbankett im Jildis nahmen sie mit sich, und es mag sein, daß mancher von ihnen in diesen Tagen der Muße von dem Zauber und Rausch, dem sie verfallen waren, sich einigermaßen ernüchtert. Daß das eintritt, dafür hat die Presse gesorgt, sie, die nie schläft und schlummert, die Hüterin dss Volkes. Sie hat die Besorgnis geweckt, das Volk könne sich mit Banketten und Schmeicheleien einlullen lassen, es könnte die Liebenswürdigkeit des Souveränserwidern, und die eifersüchtige Wahrung seiner Souveränität vergessen; es könnte der Gedanken in ihm aufkommen: nun sei alles gut und nichts mehr zu besorgen. Sicher ist diese Befürchtung grundlos. Der Türke hat keine Neigung zu Strohfeuer-Enthusiasmus und gehört auch nicht zu denen, die ein angefangenes Werk inmitten verlassen oder eine Waffe vor endgültigem: Abschluß des Kampfes, oder auch nur im Frieden, aus Händen legen. Die Jungtürken wissen viel zu gut, daß es nur die Überredungskunst ihrer Gewalt war, der siedas „freiwiliigeGeschenk" ihrerFreiheit verdanken, und daß nichts als die Aufrechterhaltung dieser Kraft die absolute Dauer dieser Freiheit verbürgt. Darum war zweifellos auch bei den Bankettgefeierten neben dem Gefühle der Befriedigung und des Entzückens im Winkel ihres Herzens das zweite wirksam: chasakwe-emoz; sei stark und gefestigt! Nicht umsonst wird nach wie vor dem Bankett, fast jetzt mehr als zuvor, von einer gründlichen Revision der Konstitution gesprochen. Die- Bewilligungen aus der Periode vor 30 Jahren können den Ansprüchen des großgewachsenen, mündiggewordenen Volkes nicht mehr genügen. Dieser Überzeugung gibt nicht bloß die jungtürkische und die Nationalitätenpresse Ausdruck, sondern suchen auch die Deputierten in freiwilliger Ferienarbeit unter der Wählerbevölkerung Raum und Intensität zu geben. Die Nationalitätenfrage Es ist wahr, es wartet der ottomanischen Volksvertretung ein Berg von Sorgen und Arbeit. Aber so nahe und dringlich auch alle die Fragen, die äußere Politik und das Verbleiben und Fallen des Großwesiers, die Revidierung der Konstitution, die Hungersnot in Anatolien und die Geldbeschaffung auch immer erscheinen mögen: die wahre Sorge, das Urproblem', mit dem die Türkei zu ringen haben wird und von dessen glücklicher oder unheilvoller Lösung nicht weniger als ihr Bestehen abhängt, ist die Nationalitätenfrage. Darum ist Kreta wieder auf dem Tapet. Das Türkentum glaubt zu fühlen, daß die ottomanischen Griechen in ihrem Innern mehr nach ihrem kulturellen Mutterlande als ihrem politischen Vaterland gravitieren- Und kein zufälliges Zusammentreffen ist es, wenn eben auch bereits die Schulkonflikte in Mazedonien beginnen. Die türkische Regierung und das Jungtürkenkomitee fordern Berücksichtigung des türkischen Sprachunterrichts in dem griechischen Schulprogramm; die Griechen, vertreten durch den Bischof, lehnen ab und bestehen entschieden auf ihrer ganzen kulturellen Freiheit. Die „auswärtige" Angelegenheit Kreta wird, je nachdem sie ausfällt, die Schärfe oder die Friedlichkeit des entstehenden Kampfes bestimmen. Die endgültige Annexion kann zu einem Hasse führen, der, wenn er sich weder in Krieg noch Boykott entlädt, gefährlich nach innen fressen kann und die innere Ruhe des Reiches, vielleicht auf immer, töte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.