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Die Welt · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 3 diei|kelt 53 fernbleiben müsse; tiefer Schmerz habe auch den Außenstehenden bei der Krisis im Zionismus ergriffen; tiefe Erregung bemächtigte sich eines jeden, der das rastlose Ringen der misrachischen Bewegung im Zionismus zu beobachten Gelegenheit habe und darüber weine, daß ihn innere Gründe mit zwingender Gewalt abhalten, dieser Bewegung sich anzuschließen. Desto größere Bedeutung habe die Aufgabe, sich jederzeit über Umfang und Beweiskraft der Gründe klar zu sein. Hier sei zunächst folgendes zu bemerken: Wenn die Anschauung Herzls (Judenstaat, S. 100): „Wir erkennen unsere historische Zusammengehörigkeit nur am Glauben unserer Väter", von Herzl selbst als zureichende Umschreibung des Begriffs Nation dem Zionismus zugrunde gelegt worden wäre, dann wäre sicher im gesetzestreuen Lager eine prinzipielle Gegnerschaft gegen den Zionismus niemals erstanden. Denn air die andern Motive, welche gegen den Zionismus ins Feld geführt würden, ohne aus religiösen Bedenken abgeleitet zu sein, hätten sich nicht als stichhaltig erwiesen. Bei der späteren Herzischen Definition: „Die Nation ist eine historische Gruppe von Menschen, die „erkennbar" zusammengehören und durch einen gemeinsamen Feind zusammengehalten werden", hätte es einer Definition des Wortes „erkennbar" im Sinne der oben zitierten Herzischen Erklärung bedurft, und die Basis für eine Kooperation wäre gegeben gewesen. Da also die Differenz rein religiöser Natur sei, wäre es zunächst am Platze gewesen, die Frage auf dem ureigensten Gebiete der Halacha in Angriff zu nehmen, u. zw. in dem Sinne, ob in dem Zutritt zum Zionismus ein riTQy nDiy H"» pP-CE vorliege; hierbei hätte statuiert werden müssen, ob die Zionisten alsn-yrj; nDlj? anzusehen seien und ob der Zutritt zum Zionismus einen y^Q involviere. Redner erklärt sich allein für inkompetent zur Beantwortung einer derartig komplizierten Frage. Die „,-n>Dy\ das sei schon des öftern ventiliert worden, liege in der prinzipiellen Ausschaltung des religiösen Moments, in der Statuierung eines rein nationalen Judentums, in welchen] die Religion einen integrierenden Teil nicht bilde. Hier täte sich die Kluft auf zwischen' der Schöpfung Herzls und den frühern analogen Versuchen, wie z. B. dem des Rabbi Hirsch Kalischer y?. Wenn einmal dieser rein nationale Zionismus als „Rückkehr zum Judentum" von Herzl selbst angesprochen wurde, so sei ferner darin eine lange vor der Hochflut der durch Harnack ausgelösten Bemühungen — vielleicht unbewußt — versuchte Lösung des Problems zu erkennen, das „Wesen des Judentums" darzustellen. Sei es aber dies, so sei der Standpunkt des reinen Nationalismus um so mehr zu bekämpfen. Das gesetzestreue Judentum beantworte bekanntlich diese Frage von einem diametral entgegengesetzten Standpunkte aus. In Parenthese sei hier noch folgendes zu bemerken: Man habe sowohl für die Bekämpfung des Zionismus als auch für die Indulgenz gegen denselben opportunistische Momente ins Treffen geführt, allerdings opportunistisch im besten Sinne des Wortes. Man habe auf der einen Seite gesagt, bei absolut neologen Parteigängern des Zionismus habe derselbe eine Hinneigung zum religiösen Leben gezeitigt, auf der andern Seite, der Zionismus habe verwirrend gewirkt und eine Laxheit in der Betätigung der religiösen Pflichten, ja sogar eine vollständige Negierung derselben hervorgerufen. Aus dieser Wahrnehmung wurde das geflügelte Wort geprägt: Der Zionismus sei nw^n riv ^HEC Deinen PN fcCüD*'» man naDe daraus eine Verschiedenheit der Stellungnahme im Osten und Westen hergeleitet. Allein abgesehen davon, daß es sehr feiner psychologischer Untersuchungen bedürfe, um die ausschließliche Ursächlichkeit des Zionismus für die oben skizierten Erscheinungen zu deduzieren, wäre es nach Ansicht des Redners verkehrt, Opportunitätsmomente als Kampfesmittel pro oder contra anzuwenden; denn man müsse dann konsequenterweise ebenso die Emanzipation als unheilvoll verwerfen, wie den Antisemitismus gutheißen. Es seien deshalb immer nur solche Tatsachen heranzuziehen, welche in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Zionismus stehen. Hier sei aber die Schwierigkeit vorhanden, die sich aus dem Abstraktum „Zionismus" ergebe. Was gilt als Tat des Zionismus? Vielleicht nur das, was der Kongreß beschließt, was das Engere Aktionskomitee unternimmt?! Es gebe sehr zu denken, daß die meisten Gründungen, welche von einzelnen Zionisten — es entziehe sich der Kenntnis des Redners, wie weit im gegebenen Falle ein Mitwissen der offiziellen Organe des Zionismus anzunehmen sei — geschaffen wurden, wie z. B. das bekannte Gymnasium in Jaffa, religiös destruktiv wirken. Eine Unterstützung des letztern wäre im religiösen Sinne ein Crimen. Nun hoffe der Misrachi, er könne, wenn er, zur Föderation erstarkt, einen Sitz im Aktionskomitee erhalten haben werde, seine Anschauungen mit Erfolg zur Geltung bringen. Aber abgesehen von der Unwahrscheinlichkeit hinsichtlich der Prävalenz einer Stimme in einer derartigen Korporation, wäre damit nach Lage der Verhältnisse höchstens „Parität" erreicht,' d. h. gleichheitliche Unterstützung etwa der Unternehmungen des Misrachi und derjenigen der Kulturzionisten, wie sie genannt werden. Auch ein solcher Zustand entkräfte noch nicht die Bedenken religiöser Natur, welche den Zutritt zum Zionismus verbieten. Nur eines wäre imstande, die Sympathien mit der misrachistischen Bewegung in die Praxis umzusetzen. Es bedürfe wohl nicht langer Erörterungen, um darzulegen, wie heiß auch unser Wunsch ist, die kolonisatorischen Bestrebungen blühen zu sehen, wie sehnlichst auch wir die ökonomische Lage unserer Brüder in Erez Jisroel und der Heimatlosen des Ostens gebessert sehen möchten. Nun habe aber der Misrachismus bezüglich dessen Grundidee schon einen scheinbaren Sieg erfochten; das sei die wiederholt gegebene feierliche Erklärung, der Zionismus werde nichts unternehmen, was gegen das Religionsgesetz verstößt. Wenn diese Erklärung eine kleine Erweiterung erfahren würde, die nämlich, daß sie lautet: „im Namen des Zionismus werde nichts unternommen werden usw."; wenn ferner diese Erklärung entweder in den Leitpunkten zum Baseler Programm oder sonst irgendwie offiziell programmgemäßen Ausdruck finden würde, dann stünde vom religiösen Standpunkte aus einer Förderung der auf Jischub Erez Jisroel gerichteten Bestrebungen des Misrachi nichts entgegen. Redner ist nicht in der Lage, heute schon ein abschließendes Urteil auch über das geplante Schulwerk des Misrachi zu äußern, da gerade hinsichtlich der Umgestaltung des Unterrichts im heiligen Lande noch viele andere Momente mitsprächen, die außerhalb des Rahmens der heutigen Tagesordnung stünden. Er hege aber die Hoffnung, daß innerhalb des Misrachi die rabbinischen Autoritäten stark genug seien, um diese Klippen rechtzeitig zu erkennen bzw. zu vermeiden. Redner resümiert: er habe sich bemüht, die Frage nach rein religiösen Momenten zu behandeln und das Minimum festzustellen, welches der sonst heute generell-uniform nicht leicht möglichen Stellungnahme zum Zionismus zugrunde zu legen sei. Er wünsche dem Misrachi den wirklichen Sieg in dem oben bezeichneten Umfang, und das werde sicherlich dem Zionismus zur Regenerationsquelle dienen. An die Referate schloß sich eine vielseitige, mehrstündige Diskussion an, in der die entgegengesetzten Standpunkte zur Darlegung gelangten. Eine Gutheißung des nichtmisrachischen Zionismus wurde von keinem Redner beantragt. Während dagegen von einigen Seiten der Anschluß an den Misrachi befürwortet wurde (Levy-Neustettin, Cohn-Rawitsch) und andere erklärten, daß die Möglichkeit einer korporativen Stellungnahme gegenüber dem Misrachi seitens der Vereinigung noch nicht gegeben sei (Bamberger- Hanau, M. Hildesheimer-Berlin, Wreschner-Samter), wurde von dritter Stelle unter Hinweis auf das nun einmal bestehende Übel eines destruktiven Zionismus bedingungsweiser Förderung des Misrachi das Wort geredet (Hoffmann-Berlin, M. Horovitz-Frankfurta.M.), von anderer Seite für das praktische Verhalten mit Rücksicht auf die vielfachen Variationen der zionistischen Bewegung jede Normierung abgelehnt (Liebermann-Königsberg i. Pr.) und endlich die Konstituierung des Misrachi als eine selbständige Organisation gefordert (Lerner-Altona, Bondi-Mainz). In vorgerückter Abendstunde wurde ein Antrag auf Schluß der Debatte angenommen. Mit Rücksicht auf die große Zahl der eingebrachten Resolutionen und die Wichtigkeit des Gegenstandes wurde die Abstimmung vertage und behufs Herbeiführung eines positiven Resultates der Vorstand beauftragt, bis zum folgenden Vormittag auf Grund des Verlaufs der Diskussion und der vorliegenden Anträge eine Resolution auszuarbeiten, welche voraussichtlich Annahme in der Versammlung finden würde. Am zweiten Verhandlungstage wurde zunächst die Beratung über den Zionismus fortgesetzt. Der Vorstand schloß sich in seiner Vorberatung der am Schluß des Korreferates dargelegten Anschauung an, nach welcher, abgesehen von den Möglichkeiten, die in der Entwicklung des Zionismus geborgen liegen, der Weg vorgezeichnet werden könne, welcher den Zutritt zum Misrachi ermöglicht, und legte demgemäß der Versammlung folgende Resolution vor: „1) Angesichts der Wandlung, welche die Tendenzen des Zionismus seit Festsetzung des Baseler Programms erfahren haben, sowie der Unbestimmtheit ihrer zukünftigen Gestaltung erscheint die Möglichkeit einer generellen Stellungnahme nicht gegeben. 2) Die Förderung der auf Jischub Erez Jisroel gerichteten Bestrebungen des Misrachi erscheint dann statthaft, wenn derauf dem VI. Kongreß abgegebenen feierlichen Erklärung, der Zionismus werde nichts unternehmen, was gegen das Religionsgesetz verstößt, im offiziellen Programm des Zionismus präziser Ausdruck gegehen sein wird."

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