Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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52 DIBBELT No. 3 „So, du willst dich^töten? Gut, gut, ich rate dir nicht ab. Ich sage nur: warte noch ein Weilchen und arbeite einmal mit deiner Verzweiflung. Denn die Verzweiflung ist ein kostbarer Stoff, aus dem sich die herrlichsten Dinge erzeugen lassen: Mut, Selbstverleugnung, Standhaftigkeit, Aufopferung.....Und blicke ich zurück in die Vergangenheit, so meine ich, daß alle großen Menschen der Geschichte einmal am „letzten Ufer" waren und umkehrten, damit ihre Verzweiflung Früchte trage. Alle Erfinder, Propheten, Helden, Staatsmänner, Künstler, — auch alle Philosophen denn man philosophiert nie höher, als wenn man dem Tod ins Auge schaut......" „Ich glaube, die besten Leistungen verdanken wir Martern. .. . Ja, die Ursachen unserer Leistungen sind zuweilen komisch. Und öfter sind sie traurig. Ihr guten Bourgeois habt nicht die leiseste Ahnung, worauf die Lieder beruhen, die euch entzücken, die Taten, die ihr bewundert. Ihr hört, aber versteht nicht den Gesang, der aus den Leiden kommt. Freilich muß auch die Seele danach sein, die, wenn sie recht sehr zerknittert und mißhandelt wird, sich in reinen hohen Ausbrüchen Luft macht." „Für den Ton in einer Gesellschaft sind immer die Frauen verantwortlich, weil die Männer ihnen alles an den Augen absehen, das Hohe wie das Gemeine." „Wer etwas Großes plant, dem nehmen die Menschen alles übel." „Wer die Zukunft vorbereitet, muß über die Menschen der Gegenwart hinwegblicken können» Die bessern Menschen werden kommen." „Zur Größe darf dem Helden eins nicht fehlen: das Verzeihen!" 1898. „......So hat mein Leben Güter in dem, was mich ausfüllt. Es ist der Gedanke an die Zukunft. Wahrlich, es ist Frühling darin. Auch der Gedanke an meinen eignen Vorübergang wird dadurch alles Schmerzlichen entledigt. Und schon bin ich ein Bürger dieser Zukunft, weil ich für sie wirke. Hat nicht er selbst, der große Pessimist, sich immer an seine kommende Gemeinde gewendet? Auch er, glaubte also über die Verneinung hinweg an das Zukünftige. Dieses ist das einzige, wovon man nicht enttäuscht wirdl Der andere ergänzte: Weil man es nie erreicht!" „Eine Wohltat ist die größte Beleidigung, die man Verwandten zufügen kann." 1899. „Wir sind Brüder und sollten auch immer Brüder bleiben. Bist du nicht auch der Ansicht?" „Ich bin ganz derselben Ansicht," entgegnet der andere ernst „Aber — nimm es mir nicht übel — ich glaube, die richtige Brüderlichkeit haben wir nur dann, wenn wir nichts anderes haben." 1900. „Der Unternehmer ist ein rechnender Phantast. Die reine Formel vom Unternehmer ist immer die gleiche, welche Sachen oder Werke man auch an Stelle der mathematischen Zeichen setzen möge." „Man legt bei der Abschätzung bedeutender Persönlichkeiten zu viel Gewicht auf den Charakter und zu wenig auf den Zufall, der sie zur Geltung brachte. Ich meine, auch die großen Männer sind eine Saat, von der nicht alle Keime aufgehen." „Die Größe ist die Ursache des Verfalles!" „Jeder Mensch hat den wichtigsten Teil seines Schicksals in seinem Charakter. Selbst eine Betätigung an durchaus greifbaren Sachen ist nur ein Traum. Der Wille und die Empfindungen sind alles, die Gegenstände sind nichts." „Gesetze können nicht allen Leuten behagen. Der ist ein Tor, ein Träumer, wenn nicht ein Schurke, der durch Gesetze irgendwen zufriedenstellen will. Das Gesetz kann nur auf der Unzufriedenheit aller beruhen." „So sind die Weisen. Das Vorübergehende berührt sie nicht. Sie spielen immerfort mit dem Gedanken der Ewigkeit, wie Kätzchen mit einem Knäuel Wolle." Die „Vereinigung traditionellgesetzestreuer Rabbiner Deutschlands" und der Zionismus Hauptgegenstand der sechsten Generalversammlung der „Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands", die am 28. und 29. Dezember in Marburg a. L. stattfand, bildete die Frage der Stellungnahme des Verbandes gegenüber dem Zionismus. Die Erörterung hierüber gestaltete sich überaus lebhaft. Das Referat erstattete Herr Rabbiner Dr. Goitein-Burgkunstadt. Redner gab zunächst eine kurze Übersicht über die Geschichte des Zionismus. Schon R. Hirsch Kalischer s"tjj sei nicht nur aus religiösen und philanthropischen, sondern auch aus nationalen Motiven für die Besiedelung des heiligen Landes eingetreten. Dennoch seien seine Bestrebungen von den bedeutendsten Gesetzesautoritäten warm befürwortet worden. Erst mit dem Auftreten der „sogenannten" Zionisten, die einen jüdisch-nationalen Staat gründen wollten ohne Zion, ohne das Judentum, die unter Ausschaltung alles Religiösen das nationale Prinzip zum ausschließlichen Motiv ihrer Bestrebungen gemacht hätten, seien diese von seiten der Rabbiner bekämpft worden (Protesterklärung vom 6. Juli 1897). Selbst die wärmsten Freunde des Zionismus, wie Oberrabbiner Dünner-Amsterdam, hätten bekannt, daß dem zionistischen Programm die eine Bedingung fehle, „daß die Erreichung des zionistischen Zieles und die Anwendung der betreffenden Mittel nur in Übereinstimmung mit dem traditionellen Gesetze beabsichtigt und ausgeführt werden dürfe". Diese fehlende Bedingung nahm nun der „Misrachi" in sein Programm auf: § 1. Der Misrachi ist eine Vereinigung gesetzestreuer Zionisten, die — auf dem Boden des Baseler Programms stehend — die Aufgabe und Lebensbedingungen des jüdischen Volkes im Festhalten an Thora und Tradition . , . sehen." Gegen dieses Programm sei vom religionsgesetzlichen Standpunkte ein Einwand nicht zu erheben. Wenn dennoch die orthodoxen Rabbiner Ungarns im Jahre 1904 auch gegen den Misrachi eine Warnung erlassen haben, so sei dies aus dem einzigen Grunde geschehen, weil dort das „Trennungsprinzip" maßgebend sei, weil jedes Zusammengehen der Orthodoxie mit der Neologie als gefahrvoll angesehen werde. Dasselbe gelte von der Resolution der Rabbinerkommission der „Freien Vereinigung" in Frankfurt vom Mai 1905. Ein direktes, für die Gesamtheit geltendes Verbot sei damit nicht ausgesprochen. Tatsächlich hätten orthodoxe Rabbiner trotz dieser Warnung erklärt, daß der Misrachi mit den Prinzipien des gesetzestreuen Judentums übereinstimme, daß er sogar zu fördern sei, weil durch ihn die antireligiösen Bestrebungen der sogenannten Kulturzionisten in Palästina am besten hintangehalten werden können. Unter Hinweis auf Aussprüche hervorragender, vaterländisch gesinnter Männer zeigte der Referent, daß auch vom patriotischen Gesichtspunkte aus ein Einwand nicht erhoben werden könne. Er empfiehlt daher die einmütige Annahme folgender Resolution: „Die „Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands" erklärt, daß das Programm des Misrachi in vollem Einklang steht mit den Lehren und Vorschriften des überlieferten Judentums." Nur über diese Fragen hätten die Rabbiner als Gesetzeslehrer objektiv zu entscheiden, nicht aber darüber, ob die Bestrebungen des Misrachi auch gefördert werden müssen, denn es hänge von dem subjektiven Ermessen des einzelnen ab, ob er in dem Zusammengehen mit Antireligiösen eine Gefahr erblicke oder nicht, und er überhaupt die Beteiligung an einer politischen Bewegung für ersprießlich halte. Durch die Annahme dieser Resolution werde der Friede in Israel gefördert werden. Der Korreferent, Herr Rabbiner Dr. Kohn-Ansbach, führte aus: Wenn schon für den Referenten, wie er erklärte, seine Aufgabe keine leichte war, so sei sie für ihn doppelt schwer. Er habe schon vor vier Jahren das Referat über diese Frage übernommen; seitdem sei aber im Zionismus eine derartige Wandlung, in manchen Punkten Stagnation eingetreten; manche Frage befinde sich noch im Flusse, so daß eine Umwertung der Anschauung notwendige Folge sei. Redner kann dem Referenten auch darin nicht beipflichten, daß man quasi neutral an die zionistische Frage herantrete, denn es gebe keine Neutralität; jeder fühlende Jude sei, ob Freund oder Gegner, mit dem Herzen engagiert. Tiefer Schmerz war es, der die Erkenntnis begleitete, daß man aus religiösen Gründen einer so imposanten Bewegung im Judentum