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Die Welt · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 3 :- 'DIES AphoristischeTendenzen ausHerzls „Philosophischen Erzählungen" *> Zur Einleitung Man kann über den literarischen Wert dieser „philosophischen Erzählungen" Herzls sehr verschiedener Ansicht sein, zumal, wie das doch nicht anders zu erwarten ist, die einzelnen Erzählungen (insgesamt etwa 20) schon verschiedenwertig sind. Einige aber sind unübertrefflich; auch wenn man sie nur ein einziges Mal gelesen hat, hat sich doch ihr geistiger Gehalt, die philosophische Idee, uns so tief eingeprägt, daß wir sie stets in Erinnerung behalten und sie fast ohne Übergang in jedem Augenblicke uns vergegenwärtigen können. Es ist, als prägten sich diese Erzählungen, wie ein gewaltiges Erlebnis, geradezu in unsere Hirnsubstanz ein und ließen dort, um mit Aug. Forel zu reden, ein unauslöschliches Engramm zurück. Man denke nur an „Solon in Lydien". Gewiß, nicht alle Erzählungen haben diese gewaltige Wirkung; aber allen gemeinsam ist eine andere, die von größter Bedeutung ist, wenn auch nicht für den Literaturhistoriker, sondern nur für uns moderne Juden, die wir uns in die Gedankenwelt des verstorbenen Führers hineindenken müssen, um seine Entwicklung und seine Wirkung zu begreifen. Hat man nämlich eine Erzählung gerade bis zum Schlußpunkt gelesen, dann ist es unmöglich, sofort, ohne Aufenthalt die nächste Erzählung zu beginnen. „Und Eukosmos trank." Solch ein kurzer Schlußsatz zwingt uns eine Pause ab. Und während wir noch ins Buch sehen, da beginnen die Gestalten, die uns bis zum Augenblicke von Fleisch und Blut zu sein schienen, in die Ferne zu rücken; sie nehmen ihr eigentliches eingeborenes Wesen an, über das wir uns bisher keine Rechenschaft haben geben können; sie werden scheinbar durchsichtig, ästhetisch. Und hinter ihnen schwebt das Bild des Träumers Herzl in einer eigenartigen Perspektive. Wenn wir einen Würfel gerade vor uns stehen haben und wir sehen ihn bald nur mit dem rechten, bald nur mit dem linken Auge an, dann erscheint er uns jedesmal nach einer andern Seite hin verzogen. Und gleichsam so einseitig verzogen sehen wir Herzl, — aber nach jeder Erzählung von einer andern Seite. Ja, wer alle diese Einzelbilder in sich zu einem Gesamtbild schöpferisch vereinigen könnte, der wäre der rechte Künstler, der geborene Biograph Herzls. Denn vergessen wir nicht: Herzls Biographie ist noch immer nicht geschrieben. Wie immer die Zeitgenossen einer bedeutenden Persönlichkeit gegenüber, so haben auch wir Gleichgeborene von der geistigen Potenz Herzls noch nicht den sie umfassenden Begriff. Klingt's uns nicht noch in den Ohren, wie jede Partei Herzl für ihre Meinung beanspruchte? Wir haben die geistige Harmonie oder den die Harmonie bestimmenden Grundton in der Herzischen Psyche hoch nicht erkannt. Bald ist er uns, wie Herzl selbst einmal sagt, bekanntlich der Pessimist, bald der Optimist; bald der Aristokrat, dann wieder ein Demokrat; bald ein Verächter des „vulgus", bald sein tröstender Helfer. Hier tönt's wie das hehrste Lied von Frauenhoheit, dort klingt der Spott des Weltmannes durch. Immer sehen wir, wie in jeder der philosophischen Erzählungen, nur ein Blatt dieser duftenden Blüte. — Wer könnte sie uns so schildern, daß wir sie ganz erschauen, uns an ihrem Duft immer von neuem erquicken können?? Ob wohl dieser Künstler schon geboren ist?... Georg Hecht-Leipzig 1887. „Von nichts wird das Publikum so sehr hingerissen wie von sich selbst. Das ist die brutale und alberne Selbstgefälligkeit der Massen, die so leicht zu leiten ist." „Der Pöbel im Parterre will trotz aller Kunsttarttüfferie bei gröbern Instinkten gepackt werden. Das sogenannte „elektrische +) Berlin, bei Gebr. Paetel. 1900. EELT - 51 Fluidum", das durch den Zuschauerraum zittert, ist wunderbar das gleiche bei allen Darstellungen." „Ich begehrte sie, weil sie von andern begehrt wurde. Das ist die lächerliche Gewalt, die das Urteil der andern auf das meinige übt." 1888. „Um die Massen zu bewegen, muß man sie annähernd verstehen. Die Menge unterscheidet sich nicht nur durch die Zahl vom einzelnen; die Menge ist aus dem einzelnen gar nicht zu erklären. Hundert schläfrige Dummköpfe sind in der Vereinigung unberechenbar und gefährlich wie ein Mann von Geist! Hundert geistreiche Leute zusammengenommen sind zuweilen ein Dummkopf. Die Menge ist bekanntlich großmütig und boshaft, intelligent und albern, tollkühn und feig — alles in demselben Augenblick — sie weicht einem Milchkarren vorsichtig aus und geht in die Bajonette hinein, sie lacht über einen Witz und versteht keinen Spaß . . . „0, man braucht die Weiber nur zu amüsieren, dann hat man sie gewonnen." „(Eine Illusion) . .. Das ist unersetzlich, und doch ist man um so besser dran, je weniger man davon besitzt." „Wenn du etwas Gutes tust, so verbirg deine Beweggründe sorgfältig." „Boshaft und grausam wird man erst in der Schlacht.* 1889. „Wenn ich das Schulbeispiel der wahren Liebe zu geben hätte, ich wüßte kaum ein deutlicheres. Denn hier ist alles Illusion, Traum, Einbildung, Ein Hauch, ein Blick, ein Lächeln genügt. . . . Und wenn ich's recht bedenke, — was ist das Leben aller sensitiven Menschen anderes als die Reise nach einem Lächeln?" „Denn nichts ist den Leuten sympathischer als die Dummheit." „Eine Frau kann nie einen Mann lieben, über den alle Leute lachen." 1890. „Zu den allgemeinen Betrachtungen gelangt man von den verschiedensten Seiten." Und doch kam mir der Ernst — von meinem Sohn. Noch als er in der Wiege lag, heilte er mich von allerlei spöttischen und leichtfertigen Anschauungen. Die Kinder sind unsere größten Lehrmeister. Er lehrte mich eine sinnvolle Liebe zum Leben. Denn mein Leben war er, meine unbegrenzbare Fortsetzung, die Bürgschaft, daß ich immer unter der Sonne wandeln würde, als mein Sohn, mein Enkel, immer jung, immer :chön und stark, in zunehmender Veredlung .... Gar manche Lehre der Menschlichkeit verdankte ich seinem stammelnden Kindermund. Und mit seinen unverdorbenen Augen gewöhnte ich mich, die köstlich verjüngte Welt anzuschauen . . . ." „In manchen Fällen handelt es sich bloß um die erste Lüge. Das andere folgt von selbst, man hat nicht mehr die Willensfreiheit. Man ist im Sumpf, und je heftiger man sich anstrengt, hinaus zu gelangen, desto tiefer sinkt man ein." „Die tausend Jahre alten Abgedroschenheiten werden unendlich interessant, sobald sie uns selbst widerfahren." 1892. „Vollkommenheit ist unerträglich." „Das Leben ist schön, — nur muß einem etwas dazu fehlen ... Man liebt nur das, was man nicht haben kann." „Habe die Ansicht, daß es nur eine Radikalkur gegen den Spleen gibt: die Ehe. Dieses Mittel wagte ich nicht, Ihnen vorzuschlagen. — Und warum? — Das Mittel schien mir zu grausam." 1896. „Nur die Canaille denkt an ihr Behagen. Wer ein Mensch ist, will und soll erkennen, und er klärt sich im Leiden." 1*

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