Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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50 DIE^KELT No. 3 sein mögen, die „neuen Mächte" werden zugelassen, und oft wird dadurch wirklich manches Widersprechende aufgehoben und das wenigst Bestrittene als Majorität durchgesetzt. Denn es äst ein Irrtum, wenn man glaubt, alles in einer ... .Wiener, Warschauer oder Berliner Gemeinde machen zu können, wenn man die Zügel in die Hände bekommt. Nur muß die Möglichkeit geboten werden, die Grenzen des Könnens in Evidenz zu bringen. Deshalb ist das Verfahren des Ostrazismus nicht nur eine moralische Schwäche, nicht nur ein Zerrbild der Volkspolitik, sondern auch eine arge Abweichung von den Bahnen praktischer Klugheit. Es ist auch seicht und bureaukratisch, wenn der Zionismus ausschließlich nach der Stimmenzahl, mit dem Rechenstift in der Hand, geschätzt wird. Einsichtige müßten begreifen, daß es sich hier weniger um so und so viele Stimmen, als um einen neuen moralischen Faktor handelt, der, aus den Tiefen des Volkes hervorgegangen, der Träger gewisser Bestrebungen geworden ist. Dieses Verständnis fehlt dem alten Regime fast überall. Es beruht auf alten Fiktionen und Illusionen. Es ist die Schöpfung der Mittelmäßigkeit und Oberflächlichkeit. Eine Gemeinde ist da, deshalb müsse man sie erhalten. Für Glaubensfeste ist dies begreiflich; für Schwankende bedeutet das ganze höchstens eine Anstalt, einen Verein, kurz eine Tatsache. Dieses Philistertum hat ein zweites Korrelat in einer gewissen Berufstheologie. Was ist ein jüdischer Berufstheologe? Ein jüdischer Berufstheologe — wir meinen nicht den wirklichen Rabbiner oder Gelehrten — ist nur dadurch möglich, daß unser Hebräisch, unsere Literatur etwas Unverstandenes, Abschreckendes, eine Art Archäologie, geworden ist. Das Charakteristische des Berufstheologen ist die Teilnahmlosigkeit gegen die echten, wahren Objekte seiner Phantasie: die jüdischen Massen, wie sie leben und weben. Zufolge einer eigentümlichen Tragik oder Komik des alten Regimes wird nämlich stets um Gemeinden, Vereine, Leitungen und Statuten gekämpft, mit weitgehender Verachtung jener konkreten Dinge, um derentwillen die Gemeinden eigentlich existieren, durch welche allein sie gerechtfertigt sind. Wo das alte Regime hingegen einen höhern Standpunkt politischerWeisheit erschwungen hat, verstand es in seinem eignen Interesse die Notwendigkeit, sich dem Zionismus zu nähern. Will ja auch das alte Regime trotz all seiner Schwächen das Judentum erhalten, und können ja auch wir es trotz unseres rücksichtslosesten Enthusiasmus in der Diaspora nicht so gestalten, wie wir es in seiner Vollkommenheit in Zion sehen wollen. Ein gründlicher Antagonismus der jüdisch empfindenden Vertreter des alten Regimes und der Zionisten in bezug auf die Gemeindeaufgaben in der Diaspora erweist sich daher als Schein. Das alte Regime, die Handhaber der Verwaltung, haben ein Interesse daran, daß das notwendig Neue, anstatt Störungen hervorzurufen, sich transformieren und niederschlagen soll in fester Form; sie haben ferner ein Interesse daran, daß eine Begeisterung für jüdische Dinge hervorgebracht und daß den „Neumächten" die Rolle des Vorwärtstreibens und der Neuschöpfung zufalle. Natürlich müssen diese Neumächte nicht nur einen „Plan für Palästina" haben, — ja, für uns ist dieser Plan der eigentliche Zionismus, aber für die Einflußnahme auf die Gemeinden kommen noch andere Postulate und Maßstäbe in Betracht, — sondern auch ein regeres und tieferes Judentum, als das des alten Regimes. Zwischen einem blutleeren Gebilde eines seichten Zionismus und den soliden, festgebauten, festen historischen Goluthmächten wäre der Kampf allzu ungleich. Was also fehlt, ergibt sich klar: eine geistigjüdische Überlegenheit, die über die Gemeinden, über die Handhaber der Verwaltung, durch bezwingende Belehrung hinausragt. Ist das Volk im Goluth, so muß auch das Gegenwartsprogramm des Zionismus, aus dieser Lage hinausstrebend, dieser Lage Rechnung tragen. Das ist wirkliche Kunst. Nicht ein Kunstbestreben, sondern Wahnwitz wäre es, beispielsweise aus einem Stein einen Luftballon machen zu wollen. Das Kunstwerk ist eine weise gelinde Vergewaltigung der vorgefundenen Wirklichkeit. Diese Wahrheit gilt auch für die große Kunst der Volksführung Nur bei dieser Methode wird Umschaffung und Neuschaffung des Stoffes die Frucht sein. In der Diaspora wirken wir befreiend, aber nicht freiheitlich; zweckmäßig, aber nicht vollkommen! Wie sollen wir uns am meisten jüdisch-national erhalten? Nichts ist einfacher, als diese Frage zu beantworten, die Antwort liegt in der Frage selbst. Wir müssen das Maximum von Zweckmäßigkeit und Angemessenheit erreichen, die es uns möglich machen, uns zu erhalten. Um in dieser Beziehung Kritik zu üben und Ratschläge zu erteilen, muß man Objekt und Inhalt vollständig beherrschen. Freilich bedarf der eigentliche Zionismus für sein eigentliches Ziel in Palästina der großen Mittel, der ungeheuren Opfer und Anstrengungen u. dg]., und die Erreichung des Zieles ist außerordentlich schwierig. Aber die Verwirklichung des Gegenwartsprogramms ist noch schwieriger. Es bedarf nur einer einzigen, aber einer außerordentlich seltenen undm schwer zu erreichenden Macht: nämlich der Obermacht des Geistes. Schekelzahler, Aktionär, Plantateur und Kolonisateurkann man werden, oder wenigstens kann man es durch die entsprechende Kraft und Ausdauer fördern, aber um „eine Gemeinde zu erobern", oder sogar um die leichtere Form eines Zusammenschlusses mit dem alten Regime zustande zu bringen, muß man mehr Jüdisches, als die andern besitzen und mehr das Jüdische vertreten können. Sonst sind die Niederlagen sicher und auch die seltenen Triumphe nicht für die Dauer, ^flj Um zu solchen Kräften zu gelangen, muß man im Zionismus das jüdische Geistesleben mehr — als dies anderwärts geschieht, pflegen, mehr lernen, höher das Wissen schätzen. Und sollte es mit der Zeit wirklich möglich werden, „die Gemeinden zu erobern", so wird man in den Gemeinden das zionistische Programm — nicht durchsetzen. Der Zionismus \fräre in den Gemeinden lediglich der Geist; Zionisten würden die Gemeinden ebenso praktisch leiten, wie die andern. Wer bürgt aber dafür, daß diese Arbeit national sein würde? wird man einwenden. Nun, hier tritt eben die Oberzeugung ein: alle Arbeit, die innerlich befreite Juden für ihre Brüder machen, ist nationale Arbeit. Sie ist nicht vollkommen national, aber sie ist die Vorbereitung, die Anleitung, um das Nationale für die Stammeseinheit, für eine absolute Sonderexistenz in der Zukunft zu reinigen und auszuschälen. Die Furchen werden für die Saat gezogen. N. S.