Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 2 DIE EqKELT 41 Gesellschaft wäre, die für die Erziehung der Jugend sorgt, dann hätte man wenigstens hoffen können, daß das ganze junge Geschlecht französisch sprechen und in einem Geiste erzogen sein wird. Jetzt aber haben wir doch auch deutsche und englische Schulen. Beobachtet unsere Kinder auf der Straße: die einen sprechen Französisch, die andern Deutsch, andere wiederum Englisch. Wenn ihr mit eurer Arbeit uns Nutzen bringen wollt und nicht ein Geschlecht erziehen, welches die Zersplitterung unter den Juden des Landes nur noch vergrößern, die gegenseitige Entfremdung verstärken soll, dann ist es nicht genug, noch eine oder zwei Stunden in der Woche mehr Hebräisch in euren Schulen unterrichten zu lassen, sondern ihr müßt die hebräische Sprache als die Sprache der Schule, die Sprache des Unterrichts und des Umgangs, die Sprache der Lehrer und Schüler untereinander einführen. Ich verdächtige nicht die Alliance IsraeJite, wie es andere Leute tun, daß sie eine fanatische Verfechterin der französischen Sprache ist. Ich bin im Gegenteil fest davon überzeugt, daß das einzige Leitmotiv ihrer Tätigkeit ist, den Juden Gutes zu tun, ihnen Nutzen zu bringen. Aber gerade in diesem Falle dürft ihr euch nicht länger weigern, die hebräische Sprache als Umgangs- und Unterrichtssprache in euren Schulen einzuführen. Ich glaube, daß die Erfahrungen, die wir auf dem Gebiete der Erziehung in den letzten Jahren in unserm Lande gemacht haben, den hinreichenden Beweis erbracht haben, daß es sehr wohl möglich ist, in hebräischer Sprache zu unterrichten und gute Juden und tüchtige Menschen zu erziehen. In Nr. 52 des „Ha'zwi" setzt Ben-Jehudah seine Auseinandersetzung mit der Alliance-Kommission fort und weist nach, welchen Schaden die Alliance, trotzdem sie zweifellos von den besten Intentionen geleitet war, mit ihren Schulen der jüdischen Bevölkerung gebracht hat. Die Alliance war nämlich die erste, die den Unterricht einer fremden Sprache eingeführt hat und in späteren Jahren ihr ursprüngliches, von der Entwicklung der Verhältnisse in Palästina überholtes Unterrichtsprogramm nicht aufzugeben bereit war. Da aber die jüngeren Organisationen bei ihren Schulgründungen die Alliance zum Vorbilde sich wählten, führten auch sie als Unterrichtssprache in ihren Schulen nicht diejenige ein, die der palästinensischen Bevölkerung entsprechen mußte, sondern die Sprache des Landes, in welchem die betreffende Gesellschaft ihren Sitz hatte. Dies gilt hauptsächlich von der Evelina de Rothschild- Schule, die von der Anglo Jewish Association unterhalten wird, und im Anfange ihres Bestehens die französische, sodann die englische Sprache beim Unterricht anwendete. Auf diese Weise wurde die an sich schon vorhandene Sprachenverwirrung unter der jüdischen Bevölkerung Jerusalems nur noch bedeutend vergrößert. Abgesehen von allen idealen Motiven ist aus rein praktischpädagogischen Gründen die Abschaffung der französischen Unterrichtssprache unbedingt notwendig. Auch die Alliance muß zugebeni daß endlich und letzlich nur ein geringer Prozentsatz der Zöginge ihrer Schulen nach dem Auslande zieht und dort von der Kenntnis der französischen Sprache einen Nutzen haben kann. Dagegen haben die Mehrheit der Zöglinge, die später Handwerker, kleine Händler u. dgl. werden, und ganz besonders die Schülerinnen, niemals Gelegenheit, ihre französischen Sprachkenntnisse - zu verwerten, und sie vergessen nach ganz kurzer Zeit, wenn sie die Schule verlassen haben, das Französische, das sie mit soviel Aufwand an Zeit und Mühe erlernt haben. Dies gilt natürlich noch in höherem Maße vom Englischen, das die Mädchen in der Jerusalemer Rothschild-Schule lernen. Aus pädagogischen Rücksichten muß daher in den niederen Elementarklassen lediglich hebräisch gelehrt werden, französisch dagegen sollen nur jene Kinder lernen, die diese Sprache in ihrem spätem Berufe brauchen können. ~ j•■. *. . ~. . Von einem Sturme, der sich gepen GegendiefreieEinwanderung den amerikanischenHandelsminister Oskar Strauß erhebt, und von den Gegnern der freien Einwanderung ausgeht, berichtet „The Boston Advocate": Wenn die aus Washington kommende Prophezeiung eintrifft, wird Oskar Strauß sein Amt als Staatssekretär des Handels unter dem neuen Präsidenten Taft wohl nicht beibehalten. Es liegt dies, wie genaue Kenner der Verhältnisse zu wissen behaupten, nicht etwa daran, daß Mr. Taft wünscht, den Posten anderweitig besetzt zu sehen, sondern es wird von gewisser Seite ein Druck auf Mr. Taft ausgeübt, um ihn zu zwingen, sich nach einem andern Sekretär für diese wichtige Abteilung umzusehen. : Eine starke Opposition gegen Mr. Strauß ist von denjenigen, welche eine Beschränkung und Erschwerung der Einwanderung wünschen, in Szene gesetzt worden. Diese behaupten, daß Mr. Strauß häufig die Einwanderungsgesetze durch zu laxe Handhabung verletzt habe, daß er an verschiedene Hafenoffiziere Anordnungen erließ über seine Ansichten und Wünsche in bezug auf eine gewisse Elastiziiät in der Auslegung der Bestimmungen. Außerdem sagen sie, daß prinzipiell kein Einwanderer, wie Mr. Strauß selbst einer ist, mit der Handhabung der Gesetze betreffs der Einwanderung betraut werden dürfe. Mr. Strauß ist wahrscheinlich nicht unterrichtet um den Sturm, der sich um sein Haupt erhoben hat. Die Juden, welche mit Einwanderungsverhältnissen vertraut sind, haben nicht gefunden, daß Mr. Strauß sehr zuvorkommend die Gesetze gehandhabt hat. Im Gegenteil, sie haben immer gesagt, daß Mr. Strauß durch seine strenge Unparteilichkeit eher ein Hindernis als eine Hülfe in Sachen der freien Einwanderung sei. So kommt es, daß diejenigen, die für eine freie Einwanderung sind, Mr. Strauß durchaus nicht sympathisch gegenüberstehen, während die Gegner der freien Einwanderung seine geschworenen Feinde sind. Französische Führerschaft Wir lesen in der letzten Nummer des „Jewish Comment": Ein hervorragender Ausländer machte neulich auf die Tatsache aufmerksam, daß die größten jüdischen Organisationen augenblicklich sich unter der Kontrolle der französischen Juden befinden, und daß es keine französischen Juden gibt. Um eine nähere Erklärung gebeten, verwies er auf die Ica und die Alliance IsraeJite Universelle, die den Stempel „Made in France" trügen und nach französischen Ideen geleitet würden, daß indessen nach Abzug der Russen und Afrikaner von der französischen Judenheit nur eine dahinsiechende Gemeinschaft ohne Hoffnung und ohne Energie übrig bliebe. Und doch bildeten zurzeit die Ideen dieser Juden den Leitfaden für die Juden der ganzen Welt. Wir möchten diese extreme Meinung nicht teilen, und wir vermuten stark, daß sie teilweise auf dem schlechten Verhältnis beruht, das jetzt zwischen Alliance und Hilfsverein herrscht. Nichtsdestoweniger ist es wahr, daß kein Grund dafür vorhanden ist, daß Frankreich heute die Führerschaft unter den Juden einnehmen soll.... Die französische Philosophie des Judentums von heute, soweit sie von den beiden obengenannten Organisationen vertreten wird und sofern man von der Kritik ausgehen darf, die sie überall da findet, wo sie mit russischem oder orientalischem jüdischen Leben in Berührung kommt, scheint ohne Zusammenhang mit den Grundsätzen zu sein, die unter den Juden herrschend sind. Was die profane Seite anbetrifft, so ist Frankreich auf ihr erfolgreich genug gewesen, und es gibt eine lange Liste von Ruhmestaten zu seinen Gunsten, insbesondere auf dem Gebiete der Erziehung. Aber wir leben in Zeiten, wo der religiöse Inhalt des Judentums wieder sein Recht geltend macht und wo denn doch mehr verlangt wird, als landwirtschaftliche Ausbildung oder die Lehre von den drei R's., so notwendig das auch sein mag. Das Judentum hat sich zu lange mit geistigen Dingen beschäftigt, um ein Programm anzunehmen in dem sie keinen Platz haben. Der Geist des Westens mag dem des Ostens widerstreben und mag darum den neutralen Boden ökonomischer und weltlicher Erziehung bevorzugen; Osten ist Osten und Westen ist Westen aber nur bei Rudyard Kipling, und die Annäherung zwischen beiden Welten ist heute die vorherrschende Idee in manches Mannes Gedankengang. Wenn irgend etwas im trägen träumenden Osten von Wert ist, wünschen wir zu wissen, was es ist ... . —. Weder das Judentum von Amerika noch das von Deutschland ist willens, all dies beiseite zu setzen und, indem es einen närrischen Kreis zieht, zu sagen, der Westen könne dem Osten nur begegnen, indem er ihm Französisch oder das Schreinerhandwerk beibringt. . . . Um auf den Sprecher zurückzukommen, mit dem wir diese Ausführungen begannen, müssen wir sagen, daß die französischen Juden keine jüdische Geistesbotschatt zu erfüllen haben, und wenn dies wahr ist, ist ihre Führerschaft kein Ding, zu dem wir uns beglückwünschen können. Bei der Administration der „Welt" in Köln sind eingegangen: Für die Misrachi=SchuIe in Palästina: Frankfurt a. M.: Dr. F. gratuliert zur Hochzeit Adler- Rotschild J6 3—, B. Stern kondoliert Herrn H. Struck Jt\.—.....................JC 4.~ Briefkasten der Redaktion Vielen Einsendern: Vereinsberichte, die ausschließlich das Ergebnis der Vorstandswahlen enthalten, haben für unsern Leserkreis kein Interesse und werden daher grundsätzlich nicht aufgenommen.