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Die Welt · 1909-01-08 · 2 (8.1.1909) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
– (sequence 16)
Language
German
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40 DIE^ELT No. 2 Saloniki (Von unserm Berichterstatter) Saloniki muß auf jeden Juden, der diese Stadt besucht, einen angenehmen Eindruck machen, und sein Interesse in höchstem Maße erregen. Die Juden bilden einen sehr beträchtlichen Teil der Bevölkerung, und die Handelshäuser und Geschäfte sind zum großen Teile in jüdischen Händen. Daher spielen denn auch unsere Brüder in den öffentlichen Fragen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ihr national-jüdisches Bewußtsein allerdings ist wenig entwickelt. Indessen können wir auch hier, wie an andern Plätzen der Türkei, eine entschiedene Wendung zum Bessern in dieser Hinsicht beobachten. So hielt z. B. vor ca. drei Wochen Herr Dr. Florentin, Chefredakteur der spaniolischen Zeitung „El Avenir" im Klub der ehemaligen Schüler der „französisch-deutschen Schule" vor einem sehr zahlreichen Publikum einen zionistischen Vortrag. Dieser Vortrag hat einen tiefen Eindruck hinterlassen und den vor zwei Monaten gegründeten zionistischen Verein „Ahavat Zion" zu energischer Arbeit ermuntert. Auch auf die Schekelsammlung hat der Vortrag belebend eingewirkt. Besonderes Aufsehen erregte der Umstand, daß die Zeitung „Le Progres de Salonique", die sich bisher dem Zionismus mehrfach feindlich gezeigt hatte, diesen Vortrag zum Gegenstand eines Leitartikels machte. Es finden sich zwar unter den hiesigen Juden auch einige Gegner des Zionismus, aber die Mehrzahl der Juden Salonikis, wie überhaupt der Juden der Türkei, ist keinesfalls antizionistisch gesinnt, sondern steht der Bewegung indifferent gegenüber. Sie haben sich bisher mit der Judenfrage überhaupt nicht beschäftigt, gab es ja für sie eine solche Frage überhaupt nicht. Palästina und seine national-jüdische Entwicklung blieben ihnen fremd, es war ihnen das Land unserer Vergangenheit. Weder drang zu ihnen der Ruf von unserm Streben nach Wiederansiedlung im heiligen Lande, noch wußten sie etwas von unserer Arbeit für die Entwicklung und Ausbreitung unserer nationalen Sprache, des Hebräischen. Zeitungen, die den hiesigen Juden all dies hätten erklären sollen, gab es hier nicht. Dem aufmerksamen Beobachter kann heute nicht entgehen, daß unbewußt auch in den Herzen unserer Brüder in der Türkei eine warme Sympathie für unsere Sache vorhanden ist. Ganz richtig haben sie begriffen, daß die Verwirklichung unseres Strebens zugleich dem Wohlergehen des ottomanischen Reiches dienen würde. Im „Journal de Salonique" erschienen kürzlich zwei Aufsätze über den Zionismus aus der Feder N. Sokolows und Dr. Nordaus. Beide Artikel haben auf die hiesigen Juden einen ganz ungemeinen Eindruck ausgeübt, in allen Kreisen wird mit Enthusiasmus darüber gesprochen. Der vor kurzem gegründete zionistische Verein „Ahavat Zion" entwickelt eine rege Tätigkeit und gewinnt immer neue Mitglieder. Vor zwei Wochen fand eine Sitzung des Vereins statt, bei der auch Herr Zabotinsky anwesend war und auf Wunsch der Mitglieder über seine jüngst unternommene Palästinareise sprach. Seine Ausführungen fanden lebhaften Beifall. An den Feiern, die hier aus Anlaß der Parlamentseröffnung am 17. Dezember stattfanden, nahmen die Juden lebhaften Anteil. Der Chachambaschi Jakob Meir wurde bei seinem Eintreffen auf dem Festplatze von der Menge ehrfurchtsvoll begrüßt. Der Bürgermeister von Saloniki, I. Naar, ein Mitglied der jüdischen Gemeinde und unter den Juden Salonikis sehr angesehen, hielt eine geistvolle Ansprache. Den ganzen Tag und bis spät in die Nacht dauerten die Kundgebungen. Der Chefredakteur des „Journal de Salonique" sprach am 26. Dezember im Klub ehemaliger Schüler der französisch-deutschen Schule über die Frage der Organisation der türkischen Juden. Die Rede fand lebhaftes Interesse, schon hat man mit den vorbereitenden Schritten zur Bildung einer Organisation der Juden der Türkei begonnen. Dieser Tage wird hier der hebräische Kindergarten des Hilfsvereins der deutschen Juden eröffnet. Die Leiterin ist hier schon eingetroffen. Dieser Kindergarten kann sehr vieles für die Entwicklung der hebräischen Sprache am hiesigen Platze tun, wenn er in der Art der palästinensischen Kindergärten eingerichtet wird und man den kleinen Kindern nicht noch eine weitere Sprache dazu aufbürdet. SSC^JREVUE DER PRESSEjIgDiil Die Allianceschulen in Palästina Anläßlich der Inspektionsreise der Schulkommission der Alliance Israelite Universelle veröffentlicht Ben-Jehudah in Nr. 50 des Haz wi einen beachtenswerten Artikel, den wir hier auszugsweise wiedergeben wollen: „Gewiß — meint Herr Ben-Jehudah — lernt man in den Schulen der Alliance in unserm Lande viel mehr Hebräisch als in den Schulen dieser Gesellschaft in andern Ländern, und die Mitglieder der Kommission werden sicherlich den hebräischen Unterricht in ihren hiesigen Schulen auf einer beachtenswerten Stufe finden. In der Tat, im Hebräischen als einer heiligen Sprache, der Sprache der Gebete und der Bibel, sind die Kenntnisse der Schüler der Allianceschulen in Palästina beinahe ausreichend; würden die Schüler der Allianceschulen in den andern Orientländern auch etwas weniger Hebräisch verstehen, dann wäre ich auch zufrieden. Dies war immer Ursache des Mißverständnisses zwischen mir und Herrn Bigart (I. Sekretär der Alliance, der seit vielen Jahren in der Alliance tätig ist und von dem die Leitung der Schulen in hohem Maße abhängt. Anm. d. Red.). Herr Bigart, dem nationale zionistische »Schwärmereien, fern sind, ein praktischer Mann, der in den Schulen der Alliance nur einen praktischen Zweck sieht, die Juden der Orientländer zum Kampf ums Dasein vorzubereiten, ihre ökonomische Lage zu verbessern, war noch niemals bei uns im Lande, kennt nicht die Verhältnisse, die hier herrschen, und begriff deshalb niemals meine Forderungen in bezug auf die hebräische Sprache in den Allianceschulen Palästinas. Eher waren ihm schon die Forderungen der jüdischen ,Fanatiker' anderswo in der übrigen Türkei oder Bulgarien begreiflich, da dort die Schüler und insbesondere die Schülerinnen tatsächlich außer dem Lesen und einer notdürftigen Übersetzung einiger Sätze aus der Bibel und weniger Gebete nichts verstehen. Dies sah ich mit eignen Augen in den Allianceschulen in Konstantinopel, und dies konstatieren wir hier an den Schülern, welche aus türkischen Städten nach der Handwerkerschule in Jerusalem oder der landwirtschaftlichen Schule in Mikweh-Israel kommen. Dagegen begreift er nicht, was man noch gegen den Unterricht der hebräischen Sprache in den palästinensischen Allianceschulen einzuwenden hat. ,Nous ne voulons pas faire de ces jeunes filles des rabbines', schrieb mir in seinem Briefe Herr Bigart." Von der jetzigen Kommission erwartet Ben-Jehudah, daß sie die hebräische Sprache nicht lediglich als Sprache der Gebete auffassen, sondern ihre wahrhafte Bedeutung für Palästina zu würdigen wissen wird. „Wenn in Palästina eine allgemeine Kultur in einer allgemeinen Sprache vorhanden wäre, die stark genug wäre, alle neuen Elemente schnell zu verarbeiten und sie in eine einheitliche Form zu bringen, wie dies z. B. in Amerika der Fall ist, dann wäre vom Standpunkte des praktischen Nutzens aus kein Platz für einen erweiterten hebräischen Unterricht." „Aber es ist so nicht in diesem Lande! Es gibt hier keine vor allen andern vorherrschende Sprache. Auch die Eingeborenen sprechen verschiedeneNationalprachen: Arabisch, Griechisch, Armenisch. Jede Nation pflegt eifrig ihre eigne Sprache. Die Juden aber kommen hierher von allen Enden der Welt und sprechen die verschiedensten Sprachen. Hört mal ihren Gesprächen auf der Straße zu; sie sprechen da Sephardisch, Aschkenasisch, jemenitisches Arabisch, marokkanisches Arabisch, Persisch, Grusinisch und Bucharisch. Dazu kommen noch unsere Intelligenten hinzu mit Französisch, Deutsch, Russisch. Ich frage nun die Mitglieder der Kommission: Kann bei dieser Verwirrung ein gemeinschaftliches, öffentliches Leben sich ausbilden? In einer kleinen Gesellschaft von zwanzig Personen werden zehn Sprachen gesprochen, und einer versteht den andern nicht. Welche einzige Sprache gedenkt ihr nun dieser Menschenmenge aufzuoktroyieren? Wenn wenigstens die Alliance, wie einst, auch jetzt die einzige

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