Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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beschworen, die noch nicht ganz den Judenverfolgungen gegenüber indifferent geworden sind. Der himmelschreiende Mißstand, daß das liberal sein wollende Finnland nicht nur an all den beschränkenden Gesetzen gegen die Juden festhält, sondern noch das Häuflein Juden (200 Seelen), die im Lande wohnen, durch allerlei Polizeischikanen drangsaliert, läßt sich durch keine Sophisterei beschönigen. Nachdem die englische Presse begonnen hat, über diese Barbareien zu sprechen, sah sich ein finanzieller Agent der finnischen Lokalregierung in London veranlaßt, den Dementierapparat in Bewegung zu setzen. Mit glatten Worten, um die Tatsachen sich drückend in verschnörkelter Form, wurde in einer Zuschrift an die Presse ein Beschwichtigungsversuch gemacht. Den Anlaß zu dieser Bemühung des Agenten mag hauptsächlich der Umstand gegeben haben, daß für finnische Zwecke jetzt eine Anleihe in London gesucht wird. Das „Russisch-Jüdische Komitee" in London scheint nicht geneigt zu sein, durch die Finanzkapazitäten, die in ihm vertreten sind, diese Anleihe zu fördern. Früher konnte man dies vermuten; jetzt ist die Sache in die Öffentlichkeit gebracht worden. Der Finanzberichterstatter des großen Cityblattes verzeichnet mit hämischen Glossen die Tatsache, daß das „Russisch-Jüdische Komitee" gegen die finnische Anleihe Stimmung macht. Zwischen den Zeilen konnte man herauslesen, daß dieser Angriff gegen Lord Swaythling gerichtet ist, da Lord Swaythling bekanntlich an der Spitze dieses Komitees steht und zu gleicher Zeit eine führende Rolle in der englischen Haute Finance führt. Lord Swaythling blieb die Antwort nicht schuldig. In einem offenen Schreiben an die „Times" gibt er mit rühmenswertem Freimut die Tatsache zu, daß er und seine Freunde, sowohl als Juden wie auch als Engländer, die dem Ideal bürgerlicher Freiheit huldigen, nicht gewillt sind, finanziell die Geschäfte einer Regierung zu fördern, die in bezug auf die Juden den elementarsten Anforderungen der Gerechtigkeit Hohn bietet. Ob diese an sich außerordentlich sympathische Erklärung des Lord Swaythling die finnischen Kreise zur Besinnung und Einsicht bringen wird, — bleibt abzuwarten. Einsetzung einer Kommission zur Prüfung der Judenfrage in Rußland Wie die „Nowoja Russj" meldet, wurde im russischen Ministerium des Innern auf Anordnung Stolypins eine Kommission zur Prüfung der Judenfrage eingesetzt. Den Vorsitz in dieser Kommission führt Departementsdirektor Weyman. Der Kommission wurde das ganze Archivmaterial unterbreitet, das über diese Frage bis jetzt gesammelt wurde. Die Hauptaufmerksamkeit der Kommiss on soll den Druckschriften Pobjedonoszews und Plehwes über die Judenfra^e zugewendet werden. Nach Beendigung der Arbeit der Kommission soll eine Vorlage über die Lösung der Judenfrage ausgearbeitet werden. Frauenkongreß in Petersburg Aus Petersburg wird geschrieben: Auf dem gegenwärtig in Petersburg tagenden Kongreß russischer Frauen wurde auch ein Referat über die Stellung der jüdischen Frau von Frau Lerner ve lesen. # Dieses Referat mußte zweimal vorgetragen werden, da die Polizei beim ersten Vortrag nur sehr wenig Publikum zugelassen hatte. Der Vortrag behandelt die Lage der jüdischen Frau im allgemeinen unter besonderer Betonung der Aufklärungsbestrebungen der jüdischen Frauen. Der ganze Kampf der jüdischen Frau für die Aufklärung, ihr Kampf mit der jüdischen Orthodoxie und ihr Drang zur wissenschaftlichen Bildung wird in allen seinen historischen Phasen dargestellt. Am Schluß ihres Vortrags erörtert die Referentin die entsetzliche Lage der Juden überhaupt, die Pogrome der letzten Jahre usw. Der Vortrag rief große Debatten hervor. Unter anderm machte Frau Jannowska den russischen Frauen den Vorwurf, daß sie sich den Judenpogromen gegenüber so gleichgültig verhalten hätten. Darauf antwortete Frau Kuskowa, eine Russin, die russische Frau habe sich überhaupt bis jetzt entgegen der vielfach herrschenden Meinung, an der Gegenbewegung gegen die Konterrevolution wenig beteiligt. Natürlich verlief die Sitzung auch nicht ohne einen antisemitischen Zwischenfall. So meinte eine Frau Schwetzowa, daß die Juden sich ganz unnötig beklagten, und stimmte darauf die alte antisemitische Melodie an, die Juden seien Ausbeuter usw., wozu all >rdings angesichts der eben gehörten Schilderung der entsetzlichen Notlage von vier Fünfteln aller russischen Juden ein besonderer Mut gehörte. Trotzdem wurde in der Judenfrage folgende Resolution angenommen: „Da die Lage der jüdischen Frauen mit der allgemeinen Lage des jüdischen Volkes verbunden ist, kann sie nur im Zusammenhang mit der Gleichberechtigung aller Juden eine Besserung erfahren. Da ferner die Juden die am meisten unterdrückte Nation in Rußland sind, die sogar das Minimum bürgerlicher Rechte, das alle andern haben, entbehren, spricht sich der Frauenkongreß für die Abschaffung jeglicher Beschränkungen, die auf den Juden lasten, aus." Judenaustreibungen Verschiedene jüdische Bevölkerungskreise Rußlands sind jetzt von der Gefahr bedroht, aus ihren Wohnorten ausgewiesen zu werden. In der Gouvernementsstadt Kursk sind es 75 Familienväter, die auf Grund eines Ministerialzirkulars bis jetzt dort ungestört wohnten. Die dortige echtrussische Handwerkerverwaltung hetzt gegen diese „rechtlosen" Juden und verlangt kategorisch die Austreibung derselben. Auch Handwerker werden nicht verschont, da die Verwaltung die Auslieferung der betreffenden Zeugnisse an jüdische Handwerker verweigert. Sie schickt sie nach der Polizei, die dann ihres Amtes waltet, d. h. die Unglücklichen — zu dieser Jahreszeit! — abschiebt. In Armarir (Kubaner Bezirk, asiat. Rußl.) verhängte die Polizeibehörde das Austreibungsedikt über das Häuflein der dort lebenden wenigen Juden. Die Verhältnisse liegen dort anders als in Kursk. Die dortigen Vertreter des Handels und der Industrie befürworten die Austreibung nicht. Im Gegenteil, sie verwenden sich für die Juden, deren Nützlichkeit sie anerkennen. Jetzt weilen Delegierte der Armawirer Juden in Petersburg, um von der Zentralregierung eine Verlängerung ihres Aufenthalts zu erbitten. Von den Juden in Buchara Aus Petersburg wird geschrieben: Die Juden in Buchara, von denen man sonst wenig hört, stehen gegenwärtig im Mittelpunkt einer aus mehreren Gründen nicht uninteressanten Diskussion. Sie wandten sich nämlich vor kurzem an den Ministerrat in Petersburg mit dem Ersuchen, das Gesetz vom Jahre 1900 zurückzunehmen oder es einstweilen zu suspendieren bis die allgemeine jüdische Frage in Rußland geregelt werde. Das genannte Gesetz vom Jahre 1900 stellt die Juden aus Buchara den übrigen russischen Juden gleich, d. h. es unterwirft sie derselben Rechtslosigkeit und denselben Beschränkungen, denen die übrigen russischen Juden unterworfen sind. Da nun aber die Juden in Buchara hauptsächlich Kaufleute sind, und die Waren zum allergrößten Teile aus Rußland beziehen, so sind sie gezwungen, von Zeit zu Zeit in die Zentren der russischen Industrie zu reisen, um dort persönlich ihre Einkäufe zu machen. In der letzten Zeit hat man ihnen aber dabei große Schwierigkeiten bereitet. Das Gesuch der Juden aus Buchara hat nun, wie gesagt, eine sehr lebhafte Diskussion hervorgerufen, weil mit dieser Frage auch die Interessen eines großen Teiles der russischen Exportindustrie eng verknüpft sind. Nach der russischen Handelsstatistik beziehen die Juden aus Buchara jährlich ungefähr für 30 Millionen Rubel (etwa 65 Millionen Mark) russische Waren und verbreiten sie in Mittelasien, in Afghanistan und auch in Persien. Sie stellen somit die Vermittler zwischen dem europäischen Rußland und Asien dar. Die Moskauer Kaufmannschaft unterstützt deshalb das Gesuch der bucharischen Juden, weil die große Moskauer Textilindustrie direkt auf den Absatz der Bucharischen Juden angewiesen ist. Würde man den bucharischen Juden jetzt verbieten, in Rußland zu reisen, so würden jedenfalls die Moskauer Firmen am meisten darunter leiden, vielleicht sogar ihr Absatzgebiet gänzlich verlieren, zugunsten der englischen oder einer andern ausländischen Industrie. Neue jüdische Monatsschrift Vom Januar 1909 ab erscheint in Petersburg in russischer Sprache eine neue jüdische Monatsschrift „Jewreskij Mir" (Jüdische Welt), an der eine Anzahl bekannter russisch-jüdischer Schriftsteller mitarbeiten werden, so z. B. A. Anski, Dubnow, Portugalow, Ratner, Sew u. a. Der „Jewreskij Mir" betrachtet es als seine Aufgabe, die objektive Untersuchung der wissenschaftlichen, sozialen und politischen Fragen im Judentum zu fördern, künstlerische Darstellungen des jüdischen Lebens zu geben und an der Entwicklung der nationalen Kulturwerte des Judentums mitzuarbeiten. Die neue Monatsschrift, die nach ihrem Programm durchaus den Stil einer vornehmen Zeitschrift aufweisen wird, will ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich dem Leben der russischen Juden widmen, die jetzt eine komplizierte historische Krisis erleben, sie will aber auch gleichzeitig über die tatsächlichen Ereignisse und die kulturelle Schöpfungskraft der jüdischen Nation in der ganzen Welt allseitig berichten. So wird das neue Organ besonders auch der Emigrationsbewegung und dem Heranwachsen zweier neuer jüdischen Zentren in Amerika und in Palästina reges Interesse schenken.