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Die Welt · 1909-01-08 · 2 (8.1.1909) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 2 DIE ELT 37 Das Volk schläft noch, sagte ich; aber Schlaf ist der Zustand eines Lebenden. Der Zionismus ist das Aufschreien des totgesagten, neugeborenen jüdischen Volkes. Das Kind wimmert und klagt, es macht seine Kinderkrankheiten durch. Aber das Volk wird erwachen, das Kind wird zum Jüngling heranreifen und männlich seine Freiheit erstreben. Jean Fischer Sehr geehrte Redaktion! Wir bitten Sie, nachstehenden Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte Aufnahme zu gewähren: Unsere zionistische Presse hat in diesen Tagen in einer Reihe von Artikeln aus berufener Feder die mannigfaltigsten Wege zionistischer Propaganda dargelegt und zur Diskussion gestellt und in erster Linie der Agitation durch öffentliche Veranstaltungen und Vorträge das Wort gesprochen. Gewiß ist die wertvollste und sicherste Propaganda die Propaganda des werbenden Wortes, das von der Rednerbühne herab auf eine größere Zuhörerschaft einzuwirken sucht Aber wir möchten heute einer nicht minder nachhaltigen Propaganda das Wort reden, — der Propaganda des zionistischen Buches, das zum einzelnen spricht und vielleicht gerade darum eine um so beredtere Sprache führt. Es ist sehr zu bedauern, daß man dieser Art zionistischer Werbetätigkeit viel zu wenig Aufmersamkeit entgegenbringt. Denn in unserer zionistischen Literatur schlummert eine von vielen nicht gekannte Werbekraft. Welcher Jude, und sei er aus unsern Versammlungen noch so gleichgültig und ablehnend weggegangen, vermöchte sich dem Eindrucke zu entziehen, den ein Werk wie „Herzls zionistische Schriften" auf jedes jüdische Herz ausüben muß! Wie viele mögen es sein, an deren Ohr das gesprochene Wort ungehört verhallt, deren Herz aber von der Sprache gewonnen wird, in der unser großer Führer noch heute durch seine Schriften zum jüdischen Herzen spricht! So wird auch jedes andere zionistische Werk auf seine Leser wirken und Anregungen geben, die nicht weniger nachhaltig sind als die Propaganda des gesprochenen Wortes. Darum haben wir in unserer Ortsgruppe uns diesen Teil zionistischer Werbearbeit zu eigen gemacht, und wir können, — wir dürfen sagen, mit einem gewissen Stolze, — auf die Erfolge hinweisen, die wir damit erzielt haben. Zahlen beweisen. Wer unsern Rechnungsabschluß, in Nummer 42 der „Welt" sich vor Augen hält, wird uns zustimmen. Unser Zeitschriftenkonto weist eine Einnahme von ^409.20 auf, unser Buchkonto eine solche von nicht weniger als Ji 445.30. Das sind Zahlen, die eine deutliche Sprache sprechen. Die Einnahmen unseres Bibliothekkontos haben wir nicht zum wenigsten den Werken des „Jüdischen Verlags" zu verdanken. Wie wenig Beachtung bringt man diesem wichtigen Institut unserer Organisation entgegen! Und doch erweisen sich gerade die Werke des „Jüdischen Verlags" zu wirkungsvoller Agitation besonders geeignet! Wir nehmen unsere nationalen Freudenfeste, zum Beispiel das Chanukkafest, gerne zum Anlaß, um unsern Freunden und Familienangehörigen Geschenke zu machen. Darf der bewußte Zionist, wenn er zur Bücherspende greift, etwas anderes spenden, als ein jüdisches, ein nationales Buch? Denn mit der Freude, die er dem Beschenkten bereitet, verbindet er zugleich ein Stück zielbewußter nationaler Arbeit, fördert zugleich jüdische Kultur und jüdisches Geistesleben und stärkt so den alljüdischen Gedanken. Wir haben heute schon eine Reihe von Werken, die sich zu Geschenkzwecken anläßlich des Chanukkafestes besonders eignen. Gedenken wir also, wo immer sich Gelegenheit bietet, unserer nationalen Literatur! Die Erfolge, die unsere Ortsgruppe erzielt hat, wird jede andere zionistische Vereinigung bei einigem guten Willen in gleichem Maße erzielen können. Königsberg M. L. Sambursky NACHRICHTEN J5^^: Deutschland Die Dessauer Baron v. Cohn-Stiftung und die Palästin aangelegenheiten Die großartige humanitäre Baron v. Cohn-Stiftung in Dessau, die nach verschiedenen Richtungen örtlicher und allgemeiner Philanthropie in großem Stil segenbringend wirkt, hatte schon früher einigekulturelle Institutionen und Wohlfahrtseinrichtungen in Palästina mit Subventionen bedacht. Die neue Entwicklungsphase, in die die Palästinaarbeit resp. die Kolonisation und die jüdisch-kulturelle Renaissance dort eingetreten ist, entging nicht dem weitausschauenden Blick des Kuratoriums, zu dem die Herren Geheimer Kommerzienrat Hugo Blumenthal, Geheimer Kommerzienrat August Trubmann, Hofbankier Merker und Rechtsanwalt Ascher gehören. Um über die Lage der jüdischen Bevölkerung Palästinas, den Stand der jüdischen Siedelungen und Institutionen Auskunft zu erhalten, hat das Kuratorium der Stiftung beschlossen, Herrn Kantor Blitz nach Palästina zu delegieren. Herr Blitz, der mit dem Charakter unseres Volkstums so eng vertraut und der so intensiv das jüdische Volksleben empfindet, hat nicht die Aufgabe, in kühler, fachmännischwissenschaftlicher Weise Untersuchungen anzustellen, sondern sich durch unmittelbares Inbeziehungtreten mit Land und Leuten ein lebendiges Bild über die Bedürfnisse und die Möglichkeiten zu verschaffen. Dieser Orientierungsversuch kennzeichnet den Anfang eines lebhaftem Interesses, das das Kuratorium, in klarer Erkenntnis der neuen Situation, den palästinensischen Angelegenheiten widmet. Es steht zu erwarten, daß die Ergebnisse dieser Orientierung sich in der Zukunft in größern Zuwendungen für palästinensische Zwecke verdichten werden. Antisemitismus in der Schule Heilbronn. Einen Fall von Intoleranz, der sich vor mehreren Wochen an der höheren Mädchenschule zutrug, brachte in der Sitzung des Gemeinderats am 30. Dezember 1908 der Gemeinderat Betz, der schon früher wiederholt Fälle ähnlicher Art erfolgreich bekämpft hat, zur Sprache. Nach der gegebenen Darstellung beschwerte sich die Frau eines Rechtsanwalts bei einem Lehrer der höhern M'tdchei.schule darüber, daß ihr Töchterchen neben einem Judenmädchen sitze, was sie fernerhin nicht dulde. Der verständige Lehrer sei auf dieses Ansinnen zunächst nicht eingegangen, später aber sei die Versetzung — offenbar auf Druck von höherer Stelle — tatsächlich erfolgt. Der Vorsitzende, Oberbürgermeister Dr. Göbel, sagte zu, den Fall untersjehen zu lassen. Wenn man auch zugunsten der Frau annehmen wollte, was übrigens nicht zutrifft, daß das beleidigte Kind nicht d:e Eigenschaften einer liebenswürdigen Nachbarin hätte, so dürfe nie und nimmermehr die Zugehörigkeit zu irgendeiner Religionsgemeinschaft den Grund zu solch intolerantem Verlangen in einer simultanen Schule geben. In den jüdischen Elternkreisen herrscht schon lange das Gefühl, daß Licht und Schatten in der höhern Mädchenschule recht ungleich verteilt sind. Österreich (Von unserm Berichterstatter.) Einweihung des Nationalhauses in Czernowitz In Czernowitz fand die feierliche Einweihung des Jüdischen Nationalhauses statt. Es sprachen die Rabbiner Weiss und Dr. Rosenfeld, die Festrede hielt Abg. Dr. Mahler. Abordnungen von der jüdischen Bevölkerung aus mehreren Städten brachten ihre Glückwünsche dar. Das Dreimillionenbudget In der Sitzung des Kultusvorstandes der jüdischen Gemeinde Wiens unterbreitete Herr Frank den Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben' der Wiener Kultusgemeinde. Die Ei.mahinen betragen rund 3 Millionen Kronen. Trotzdem ergibt sich ein Defizit von 80000 K. Herr Frank plädierte für die Forderung einer staatlichen Subvention, da bekanntlich der jüdische Kultus im Staatsbudget stiefmütterlich behandelt wird. Der Referent machte sich eine Forderung des Jüdischen Klubs zu eigen. Jüdischer Mädchenklub Unter diesem Namen besteht seit einem Jahre in Wien ein Verein jüdischer,- Mädchen. Die letzte Generalversammlung nahm eine Abänderung der Statuten vor, wonach der Klub auch den Zweck verfolgt, jüdische Emigranten zu unterstützen. Es ist erfreulich, daß jüdische junge Damen aus sogenannten „bessern" Kreisen Wiens sich um ihre nationalen und sozialen Pflichten zu kümmern beginnen. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Die Protestbewegung gegen die Unterdrückung der Juden in Finnland Die neuen Polizeimaßnahmen gegen den Aufenthalt der Juden in Finnland haben mit Recht einen Entrüstungssturm in all jenen westeuropäischen jüdischen und allgemeinen Kreisen herauf-

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