Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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DI D D SPRECHSAAL tJ □1 ö (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Offene Aussprache „Worte, die wir beherzigen sollten, und Worte, die widerlegt werden müssen." So beurteilte ich den Bericht in der vorigen Nummer der „Welt" über die „Bemerkenswerte Kundgebung Dr. Nordaus und Dr. Marmoreks" kurz einleitend, die Äußerungen dieser Herren. Eine klare Auseinandersetzung über die Lage des Zionismus ist für die Bewegung von allerhöchster Notwendigkeit, dies wird allgemein empfunden, und dies geht auch aus den Worten der beiden Herren hervor. Um eine Klärung der Lage herbeizuführen, muß von allen Seiten mit Entschlossenheit und gutem Willen, an die Regelung unserer Verhältnisse herangetreten werden. In diesem Sinne erlaube ich mir zu den Reden der Herren Dr. Marrnorek und Dr. Nordau folgende Bemerkungen: Der Zionismus hat seit seinem Bestehen viele große Erfolge gefeiert, große moralische Erfolge. Auch der Abend am 26. Dezember war ein großer moralischer Erfolg. Die zionistische Idee *hat weite Verbreitung gefunden, sie eroberte die Geister und die Herzen, aber zu einer großen Tat hat sich der Zionismus noch nicht aufraffen können. Unsere praktischen Erfolge sind klein. Ich begreife, ich fühle den kaum verhaltenen Unmut eines Mamorek, eines Nordau. Nicht, daß ich unsern moralischen Erfolgen wenig Wert beimesse. Wir, die wir so oft von Imponderabilien sprechen, wissen es zu schätzen, welchen Wert es hat, wenn unsere Idee durch die Welt hallt. Aber unsere materiellen Erfolge, die handgreiflichen Erfolge, auf die wir hinweisen könnten, und nach welchen die Masse mit Recht verlangt, und mehr als nach Worten, diese sind nur klein. Und diese Seite der Frage haben sowohl Dr. Nordau als Dr. Marrnorek nicht genügend gewürdigt. — Wir müssten in der Tat sehr bescheiden sein, wenn wir die paar Millionen, die wir in so vielen Jahren und mit so viel Mühe zusammengebracht haben, als einen großen Erfolg betrachteten. Wir haben Institutionen ins Leben gerufen. Die Bank, den Nationalfonds usw. usw. Dr. Mamrorek klagt darüber, und mit vollem Recht, daß die Institutionen nicht leben, sondern vegetieren. Man könnte fragen: Sind alle die Institutionen lebensfähig? Es ist möglich, daß man an zu viele Gründungen fast zu gleicher Zeit herantrat, und daß man dadurch die schon bestehenden geschädigt hat. Und dennoch glaube ich an die Lebensfähigkeit aller unserer Institutionen, selbst derjenigen, die unter der Leitung des jetzigen E. A. C. entstanden sind, und auf die man in manchen zionistischen Kreisen nicht viel Wert legt. Alle diese Institutionen, die Bank inbegriffen, vegetieren, weil wir ihnen keine Nahrung zuführen, weil wir ihnen nicht genügende Mittel geben. Man verlangt von der Bank, sie soll Dividende geben, und man verlangt von der Bank, sie soll mit ihrem, relativ kleinen Kapital an Aufgaben herantreten, die ganz andere Summen erfordern, als selbst die, mit denen wir in unsern Plänen als hinreichend rechnen. Wenn wir den Institutionen nicht'einmal die bescheidenen Summen zur Verfügung stellen, die sie von uns verlangen, wie sollen sie da gedeihen? Man spricht bis zum Überdruß von Geld, aber solange es nicht gegeben wird, muß davon gesprochen werden. , Man hat der Leitung keine genügenden Mittel gegeben, man hat sie nicht einmal in den Stand gesetzt, Fehler zu machen. Soll man annehmen, daß eine systematische Weigerung stattgefunden hat, dem E. A. C. Geld zu geben? Wenn man unparteiisch urteilt, kommt man zum Schluß, daß ein, freilich unverzeihlicher, Schlendrian, der sich allenthalben eingeschlichen hat, daran Schuld trägt, und dieser Schlendrian muß ausgemerzt werden. Ich will hier kein Loblied auf die Leitung singen, aber für den Rückgang der Bewegung tragen alle Führer im Zionismus die Verantwortung, die Herren Dr. Nordau und Dr. Marrnorek mit inbegriffen, da diese Herren, ob sie ein Amt bekleiden oder nicht, von der ganzen zionistischen und nichtzionistischen Welt als Führer betrachtet werden. Ich mache dem Herrn Dr. Marrnorek keinen Vorwurf, daß er mit der Kritik gekommen ist. Es war Zeit, daß sie gekommen ist. Es war Zeit, daß eine offene Aussprache stattgefunden hat, daß eine offene Aussprache hervorgerufen wurde. Wir wollen hoffen, daß es nicht bei der bloßen Kritik bleiben wird, sondern daß die Herren mit der Parole kommen werden, um eine große Aktion einzuleiten, wie es der große historische Moment erfordert. Sie werden Gefolgschaft finden, sogar wenn sie Fehler machen, wenn sie auch keine Wunder erzeugen werden. Ich habe sogar die Empfindung, daß das E. A C. nichts besser verlangt, als von allen Führern kräftig sekundiert zu werden. Erheben Sie frisch die Fahne! Das Volk schläft noch immer, es wird Ihnen nicht folgen, wie es Herzl nicht gefolgt ist. Aber diejenigen, die erwacht sind, werden folgen! Wenn Sie uns einen Schritt vorwärts bringen, auf dem Wege nach Zion, so genügt es. Die von Dr. Nordau gemachten Erklärungen über unsere Politik, werden ihren Eindruck nicht verfehlen und auf die Ri chtung unserer Politik bestimmend einwirken; jedoch glaube ich, daß wir den einen Grundzug immer behalten müssen, daß wir nach wie vor, auch der neuen türkischen Regierung gegenüber, bei jeder Gelegenheit unsere Ziele öffentlich klarlegen. — Dr. Nordau hat in seiner Rede ein umfassendes Arbeitsprogramm nicht gegeben. Dr. Marrnorek sprach von den Schlagworten: „Praktische Arbeit" und „Politischer Zionismus" und fragt: Wo ist hier der große Gedanke? Unter „praktischer Arbeit" verstehen wir die schrittweise ökonomische Eroberung des Landes. Die Argumente, die bisher dagegen angeführt wurden, das Fehlen der rechtlichen Basis usw., kommen jetzt in Wegfall, da das neue türkische Regime definitiv etabliert ist. —- Wenn man an die Ausführung selbst des größten Gedankens schreitet, dann muß jede einzelne Arbeit prosaisch anmuten. Der große Gedanke muß bloß die Seele aller dieser praktischen Arbeiten sein. Freilich, wenn manchen unserer Unternehmungen diese Seele fehlt, dann hat Herr Dr. Marrnorek Recht, dagegen seine warnende Stimme zu erheben. Dr. Marrnorek sprach von der Unduldsamkeit in unserm Lager; das ist ein Kapitel, über welches alle grade denkenden Zionisten mit ihm vollständig übereinstimmen werden. — Auf meiner Reise nach Paris sprach ich einen Franzosen; das Gespräch kam auf Spanien, welches unaufhaltsam zurückging, während die andern Völker Europas vorwärts stürmten. Der Franzose hat während seines längern Aufenthaltes in Spanien nach den Ursachen geforscht, und gefunden, daß die Quelle des Übels die Uneinigkeit sei. In den Freiheitskriegen gegen Napoleon waren alle nationalen Energien geeint tätig, kaum war die Freiheit errungen, wollte jeder der Führer seine Ideen zur Geltung bringen, und alle, die es im Grunde ehrlich meinten, bekämpften einander, daher rührt der Rückgang Spaniens, das fast bis an den Rand des Ruins gekommen war. Ich lasse es dahingestellt sein, ob dieses Urteil richtig ist. Es interessiert uns nicht besonders. Wenn die Spanier sich heute zusammennehmen, können sie noch alles gutmachen. Wir aber werden alles verlieren, wenn Uneinigkeit in unserer Mitte herrscht. Für uns steht alles auf dem Spiel. Noch sitzen wir nicht in unserem Lande. Die verschärften Gegensätze, genährt durch Unduldsamkeit, können uns aufreiben. Ich wünsche dem jüdischen Volk, daß unsere Führer es über sich bringen mögen, einig vorzugehen. Einig vorgehen? Das ist ja fast ein banaler Gedanke. Und doch wird der große Gedanke nicht Wirklichkeit werden, wenn wir d m uneinigen jüdischen Volke nicht das Beispiel der Einigkeit zu geben vermögen. Der große Gedanke. Dr. Nordau sagte, und welcher Zionist hat es nicht mit ihm empfunden: „Wir haben die Brücken hinter uns abgebrochen, wir können nicht mehr zurück, wir müssen vorwärts." — Dr. Nordau sagte: „Wir stehen vor einem "Entweder— oder", es geht um die Existenz des jüdischen Volkes." Und Dr. Nordau sprach am 26. Dezember von dem unbeugsamen Willen, zu leben, der unsere Führer befähigte, die schweren Schritte bei den Regierungen zu unternehmen. Hat das jüdische Volk Lebenskraft genug, seinen Willen durchzusetzen? Oder ist der Zionismus das letzte Aufflackern des Willens, zu leben, eines dem Untergang geweihten, und vergebens gegen das unabwendbare Verhängnis kämpfenden Volkes? Auf diese Frage haben die Zionisten, die Träger des nationalen Gedankens, zu antworten. In dieser Frage liegt die große Tragik des Judenschicksals. Sein oder Nichtsein? Die Beantwortung dieser Frage liegt nicht außerhalb uns, sie liegt in uns. Wahrlich, der Gedanke ist groß genug, und wenn wir ihn auch nicht bei jeder Gelegenheit aussprechen, er verläßt uns niemals, er ist unser Leitstern, unser Leben, — der große Gedanke.