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Die Welt · 1909-01-08 · 2 (8.1.1909) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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die Geschicklichkeit der jungtürkischen Taktik, darin dokumentiert. Dinge, von deren Behandlung man ernste Gefahren erwartete, sind dem leidenschaftlichen Atem der Tribünenbehandlung entzogen und in klugen Vorbesprechungen kühl und entgegenkommend erledigt worden, so daß nach 'außen hin nichts als eine vollzogene Tatsache und eine allgemein befriedigende Anmutigkeit zutage trat. Der Protest der Nationalitäten gegen eine staatliche Kontingentierung und Uniformierung des gesamten türkischen Schulwesens, die aus der ursprünglichen Fassung des Satzes über die Erziehung herausgelesen wurde, kam in einem diesbezüglichen „Wunsche" der Griechen bei der Kommissionsberatung zum Ausdruck. Und um des Friedens und der ersprießlichen Fortarbeit willen ist ihm Rechnung getragen worden. Die Thronredeantwort besagt nunmehr, daß nur die bis jetzt vom Staate selbst gegründeten und dem Unterrichtsministerium unterstehenden Schulanstalten einheitlich auf nationaler und patriotischer Grundlage zu reformieren sind. Somit sind die von den Griechen, Juden und andern Nationalitäten unterhaltenen Schulen als Privatanstalten festgestellt und mit der verlangten Freiheit für die Wahl der Unterrichtssprache und des Schulprogramms ausgestattet. Diese Erledigung der Frage kann auch unser, das jüdische, nationale Gewissen, beruhigen. Hoffen wir, daß kein späterer Rückschritt die eröffneten Aussichten wieder verkürzen oder sperren wird. Türkische Toleranz Ein kleines Faktum, aber ein symptomatisches. Eines, das sich bei ähnlicher Konstellation in einem Parlamente des zivilisierten Europa wohl kaum so hätte gestalten können. Wie bereits berichtet, hat der Anspruch der Christen auf Einführung der Sonntagsruhe im ottomanischen Parlament den Widerspruch des islamischen Blocks gefunden. Daß kein religiöser Haß hinter diesem Widerspruch stand, hat sich nun klar erwiesen. Als das Parlament in die Ferien desKurban-Bairam ging und über den Tag seines Wiederzusammentritts verhandelte, wurde von griechischer Seite die Bitte laut, die Ferien, wegen dazwischentretender orthodoxer Festtage, um zwei Tage zu verlängern. Diesem Ersuchen, das ohne Prätension in maßvoller und würdiger Weise zum Vortrag kam, wurde sofort, ohne Opposition, in tolerantester Form, durch einstimmigen Beschluß der Kammer stattgegeben. Das Volk beim Sultan zu Gaste Am letzten Abend des Jahres 1908 hat im Palaste des Kalifen und Padischah die Versöhnung zwischen Volk und Herrscher stattgefunden. Es war wie ein Wiederfinden zwischen Vater und Kindern, eine Erneuerung alter, durch das Schicksal und tückische Hemmungsgeister zerrissener Liebesbande. Die Einführung der Konstitution am 24. Juli ließ an einen revolutionären Zwangsakt, die Parlamentseröffnungsfeier vom 17. Dezember an ein Triumphfest des siegreichen Volkes glauben; der 31. Dezember brachte einen wahrhaften restlosen Zusammenschluß. Die Deputierten, die im Jildis zu Gaste waren, waren durch die ihnen gebotenen Ehrungen, noch mehr durch die ganz außerordentliche persönliche Liebenswürd:gkeit des Sultans wie berauscht und geblendet. Der Sultan nannte den Tag den ersten wahrhaft glücklichen seines Lebens; er sprach mit den Vertretern des Volkes wie mit seinen Brüdern; man dsängte sich um ihn und küßte ihn; .er konnte sich der fließenden Tränen nicht erwehren. In einer Ansprache, die man eine zweite Thronrede nennen kann, gab er dem Volke bindende Versicherungen, die selbst den radikalsten Demokraten befriedigen mußten. Und in Worten, durch die die Rührung zitterte, wurde allen Rassen und Religion en des Riesenreiches gleiche Schutz- und Freiheitsbürgschaften geboten. Der Abend hat nicht nur auf die Gäste, sondern auf das ganze ottomanische Volk einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Es ist kein Zweifel, daß der Haß der vor der neuen Ära zwischen Volk und Herrscher stand, samt dem Mißtrauen, das immer noch einen neuen Raub der errungenen Freiheiten fürchtete, in raschem Schwinden begriffen ist. Selbst die, welche die Liebesbezeugimgen des Sultans gegen sein Volk mehr als Resultat intelligenter Überlegung, denn als wirklichen Umschwung in seiner Gemütsverfassung anzusehen geneigt sind, glauben de facto doch an den „neuen Padischah" und lernen den „alten" vergessen. Die beängstigenden Schatten der Vergangenheit, die grausigen Erinnerungen an Tod und Kerker verblassen und sinken -zugrunde. Die türkische Nation ist keine revolutionäre. Das Volk will seinen Padischah. Und hält er ihm, was er schwörend und in Tränen versprochen, so wird in wenig Tagen derselbe Herrscher, den vor nicht zu langer Zeit, Haß und Flüche von seinen Untertanen trennten, ihre schwärmerische Verehrung und kindliche Liebe haben. Die friedliche Entwicklung des ottomariischen Reiches kann unter keinen günstigeren Auspizien erfolgen. Gabella rediviva Während die große ruhmreiche ottomanische Revolution in so erhebender Weise ausklingt, hebt im Innern unserer Gemeinschaft die kleinliche jüdische Revolution ihr Haupt von neuem. Die Empörung der Fleischer gegen die Gabella, die anscheinend völlig unterdrückt war, ist von neuem und unter erschwerenden Bedingungen aufgeflammt. Die aschkenasischen Fleischer haben den Kampf eröffnet. Sie haben einen eigenen Schochetin ihre Dienste gestellt, und sich so dem Zwangsmittel, das früher das Schächtverbot des Großrabbinats darstellte, mit Erfolg entzogen. Der Minister des Innern hat diesmal eine Intervention zugunsten des Konsistoriums und polizeiliche Maßregeln zur Eintreibung der Fleischsteuer und Verhinderung der unerlaubten Schichtung bis auf weiteres abgelehnt. Hilmi Pascha will erst die ganze Frage über die unglückselige Gabella studieren, ehe er ein Einschreiten dekretiert. Hiermit ist die Lage für die Konstantinopeler Gemeinde, g.;n/, besonders aber für das Konsistorium und den Großrabbiner, geradezu bedenklich geworden. Die Gemeindekassen bleiben leer, jede kommunale Aktion ist unmöglich. Wie aus dem Wirrwarr herauszukommen sein wird, ist nicht abzusehen. Der Chachambaschi Wahrhaft traurig steht diese, im Grunde genommen für die ganze Judenheit doch hochwichtige Frage. Keine Klärung und keine Beruhigung! Die Wellen des Kampfes wogen auf und nieder. Auf den Brief der westeuropäischen Rabbiner soll ein ähnlicher des Brisker Raws gefolgt sein. Die sonderlich zionisierend gefärbte Fassung des erstgenannten Protestes gegen ChaTrn Nahum hat in Kreisen, die für antizionistische Stimmungsmache empfänglich sind, Gerüchte aufkommen lassen, als wäre der Zionismus mit diesem orthodoxen Einschreiten zu identifizieren. Jeder Vorurteilslose, der die völlige Neutralität unserer Partei und ihrer Vertreter hier wie anderwärts dieser Angelegenheit gegenüber festzustellen Gelegenheit hat, wird die Haltlosigkeit solcher Gerüchte auf den ersten Anblick erkennen. Die Sitzung des Wa'ad ruchmi, die über die Sanktionierung der Liste der bekannten fünf Kandidaturen oder die eventuelle Verwerfung eines der aufgestellten Namen entscheiden soll, wird am Sonntag, den 11. Januar, erfolgen, wenn nicht von einer der beiden Seiten ein neuer gewollter Aufschub herbeigeführt wird, der wieder Zeit gibt, die Chancen der einen oder der andern Partei zu — verderben. Die Gabellakrise ist der ohnehin erschütterten Position des gegenwärtig amtierenden Rabbi Nahum alles andere als günstig. Man darf gespannt sein, wie die verworrene Situation sich endlich entfaltet. Ein;;Verband türkischer Juden" Erfreulicherweise bietet durchaus nicht die gesamte türkische Judenheit ein solch trauriges Bild. Was in Analogie der plötzlichen aufstrebenden Entwicklung der türkischen Nation zu erwarten war, ist tatsächlich eingetreten: ein merkliches Aufsprießen und Aufblühen auch jüdischer Zukunftswerte. Wie nach Erwachen aus langem Schlafe regt es sich allerorten. Am allermeisten in Salonik. Diese merkwürdige Stadt, die Geburtsstätte der türkischen Freiheitsbewegung, wird anscheinend auch der Kernpunkt für den Aufschwung der orientalischen Judenheit werden. Soeben ist auch dort der lange erwartete, bedeutungsvolle Gedanke einer politischen Organisation der Juden des ottomanischen Reiches aus ihrer eigenen Mitte heraus ans Licht getreten. Die öffentliche Sicherheit in den Reichsprovinzen Der Minister des Innern Hussein Hilmi Pascha hat einer Deputation gegenüber folgende Erklärung getan: „Ich werde der Kammer einen Geset?esvorschlag auf Schaffung von geordneten Gemeinden unterbreiten. Jede Kommune wird einen Friedensrichter haben, der Streitfälle bis zu einer Objektshöhe von 2000 Piaster (400 Franken) entscheiden wird. Ferner werden Gendarmerieschulen in den Hauptwilajets gegründet werden. Auseinanderliegende kleine Dorfschaften werden zu Gendarmeriebezirken vereinigt werden.4' Diese Reform des öffentlichen Sicherheitsdienstes wird auch für Palästina, insbesondere unsere jüdischen Dörfer, in denen gerade in jüngster Zeit die Araber zuweilen Freiheit mit Zügellosigkeit übersetzen möchten, nicht ohne Belang sein.

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