Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 DIE^ELT No. 2 um sich greifen, — dann gehe man unter die Besten der Guten, unter die Treuesten der Treuen und beobachte sie: Welche kindische Freude sie haben, wenn sie — nicht etwa Englisch erlernen, das streben sie gar nicht an, nein, nur — in ihr Jiddisch ein paar englische Wörter mengen können! Wie sie sich freuen, wenn man ihre Namen englisch ausspricht! Und namentlich, wie sie sich über das „Grünhorn" lustig machen, — über jene Unglücklichen, die noch nicht lange genug in Amerika sind, um schon europäische und jüdische Kultur und Würde eingebüßt zu haben. Hat man dies alles beobachtet, dann hört man auf, den Kindern zu grollen, die gjewiß nicht entarten würden, wenn sie nicht die unbewußte, uneingestandene, aber mit tausend kleinen Handlungen, Gebärden und Worten täglich bewiesene Zustimmung ihrer Alten fühlten? Wie sollen sie das für groß und schön halten, wofür sie diese höchstens mit Strafpredigten, aber niemals mit ihrer vollen Persönlichkeit eintreten sehen? Wie sollen sie nicht Widerwillen gegen das Judentum haben, wenn ihr kindlicher Scharfblick auch bei jenen, die „gute Juden" zu sein sich bestreben, die geheime Scham herausspürt? Wie immer maifs aber nimmt, ob man auf die Presse (samt der gesinnungsverwandten Intelligenz) zurückgreift, die die Schande nur ausweitet, oder auf die Jugend, die sie sich in der uniformen Schule holt, oder auf die zu empfänglichen Massen, immer kommt man auf dieselbe Ursache zurück, auf die Verheerung der Köpfe durch den sogenannten amerikanischen Gedanken, auf die unglückliche Schmelztiegel-Idee. Eine entschiedene Besserung ist kaum zu erwarten, ehe sich nicht in der ganzen öffentlichen Meinung der Umschwung vollzieht, der aber sicherlich nicht nahe ist und den am allerwenigsten zuerst die Juden als praktische politische Forderung aussprechen dürfen. Damit würden sie sich nur lächerlich machen. Es bleibt ihnen also vorläufig nichts übrig, als die unpolitische Arbeit an sich selbst, als innere Arbeit, als kulturelle Gegenmaßregeln gegen die Assimilation, gegen die Verwandlung von hunderttausenden Ostjuden in Juden gelockerten nationalen Zusammenhangs. Ich habe darüber mit vielen Leuten in Amerika gesprochen und von manchem die Antwort bekommen: „Was wollen Sie? Sie sind schlecht orientiert! Wir haben ganz andere Verhältnisse hier. Bei Ihnen gibt's Assimilanten, bei uns gibt es gar keine. Bei uns kommt die Assimilation ganz von selbst, rein mechanisch infolge des Lebens, infolge der Schule. Da ist nichts zu machen." Im ersten Augenblick frappierte mich die Bemerkung. Bei näherer Untersuchung fand ich aber bald heraus, wie unzutreffend sie ist. Denn erstens ist es nicht wahr, daß unsere europäische Assimilation, oder was man so nennt, nicht von selbst, nicht infolge des Lebens und der Schule komme. Kann man doch überhaupt keine geistige Bewegung einfach machen, irgendwo im Flusse der Tatsachen muß sie doch, und sei sie später noch so stark ins Bewußtsein übergegangen, ihren Ursprung haben. Zweitens kann man doch Leute, die das Fortschreiten der Assimilation mit offensichtlicher Befriedigung konstatieren, ja sogar bewußt vieles tun, um dieses Fortschreiten zu unterstützen und seine Unterbrechung zu hindern, ganz ruhig Assimilanten nennen. Und wenn sie sich selbst nur als Zeugen und schuldlose Werkzeuge der Assimilation bezeichnen, so hat das vielleicht seinen tiefern Grund darin, daß sie meist mit ihrem Unbewußtsein dem Gegensatz ihrer eigenen Ideologie, dem Fortleben ihres Volkes, dienen. Und darin enthüllt sich auch die dritte und wesentlichste Unrichtigkeit der obigen Behauptung. Es ist trotz allem und allem nicht wahr, daß die Assimilation in Amerika bis zu jenem Grade steigen muß, wo wir alle Hoffnung auf ein intensiveres Fortleben lassen müssen. Es ist nicht wahr, daß ein Widerstand gegen die Assimilationstendenz vergeblich und der Sieg des Lebens aussichtslos ist. Es ist dies deswegen nicht wahr, weil im amerikanischen Judentum deutlich auch eine entgegengesetzte Tendenz wahrzunehmen ist, und zwar nicht bloß die alte stammliche Beharrungskraft des jüdischen Volkes, sondern eine sie ergänzende, neue steigende, tätige Tendenz; eine Tendenz, die aus den neuen Auffassungen über das Nationale überhaupt, aus dem Borne der jüdischen Renaissancebewegung, namentlich aber auch aus dem neuerstandenen ungewöhnlich massigen, jüdischen Milieu in Amerika fließt. Wohl kommt aus der amerikanischen Schule und von den amerikanischen Straßen eine jüdische Jugend, die zum allergrößten Teile die peinlichste Abkehr vom Judentum bedeutet. Wohl ist auch, wie wir sehen, die alte Generation mitschuldig. Aber auf dem Boden der in den letzten Jahrzehnten in Europa und Amerika geschaffenen neuen nationalen Lebenstatsachen und offenbar auch in unbewußter Ahnung des in Amerika zu erwartenden Umschwunges wächst allmählich eine neue Generation der jüngern Alten hervor. Mit neuen Führern und Forderungen, neuen Wünschen und Empfindungen tritt sie auf, und sie hat natürlich die Eignung, auch eine Jugend in die Welt hinauszuschicken, die sich nicht mehr notwendigerweise vom Judentum abkehrt. Neue Gedanken realer und idealer Einigung, Pläne neuer Massen- und Kindererziehung tauchen auf und leiten wie von selbst zu dieser neuen Jugend hinüber. Das alles widerlegt jedenfalls diejenigen, welche die Unvermeidlichkeit der Assimilation behaupten und verlangen, daß die bisherige Wegrichtung unbedingt eingehalten werden müsse. Soweit menschliche Voraussicht reichen kann, ist ein reichliches Kapital vorhanden, damit sich die Juden Amerikas dem scheinbaren Schicksal des Unterganges entgegenstemmen und es abwenden. Es ist ja nicht ganz unmöglich, daß sich der allgemeine Ideenumschwung in Amerika stark verzögert, und es ist auch möglich, daß der neue Lebenswille an der allgemeinen Entartung amerikanischen Zusammenlebens scheitert. Niemand kann genau berechnen, wie stark dieser neue Lebenswille ist und wie lange er aushalten kann. Aber nur, wer die Mächte nicht kennt, die sich da im jüdischen Volke regen, wird sie unterschätzen. Und nur, wer sich von der Scheidemünze der verschiedenen politischen Durchschnittsanschauungen bestechen läßt, wird die Lebenskraft des Amerikanismus und die Dauer seiner noch werbenden Kraft überschätzen. Gerade die Aufnahme, die das Drama Zangwills, der in jede dieser beiden Kategorien zu gehören scheint, fand, bestärkt die Hoffnung. Möge sie auch wirklich in Erfüllung gehen! Für Amerika, für das ernstlich freie, für das verfeinerte Amerika, für den Völkerhort der Zukunft, würde es sicherlich kein Schaden sein. Und was für das jüdische Volk diese Sicherung eines so beträchtlichen Teiles, vor dessen Verlust es jetzt noch zittern muß, zu bedeuten hätte, das braucht doch nicht erst gesagt zu werden.