Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-01-08 · 2 (8.1.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316352--51439-3345122
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 2 - -===== DIE2 Systems zu empfehlen. Was ist Selbstbefreiung? Wie gesagt, Bände könnte man über die Theorie schreiben. Das wäre Literatur. Zionismus ist uns mehr: Er ist etwas historisch Gegebenes und lebendig sich Entwickelndes. Ohne Geist ist sein Leben eine Fiktion, er muß Gedankenarbeit machen, aber die Gedankenarbeit darf nicht in Scholastik ausarten. Er muß auch für die Gegenwart Programme aufstellen, aber da gibt's keine Dogmafessel für die Arbeitsmethoden und keine schulmeisterische' Präzisierung. Unerschütterlich bleibt nur das Ziel. N. S Der Amerikanismus und die Juden Von Mathias Acher (Schluß) Die Anwendung aller dieser Beobachtungen und- Folgerungen auf die amerikanischen Juden ergibt sich von selbst, wobei im voraus festgestellt werden möge, daß ich hierbei vorzüglich die Juden osteuropäischer Abstammung mit jüdischer Umgangssprache im Auge habe. Denn die andern bieten ein höheres Interesse nur in der Hinsicht, daß sie das Beispiel einer jüdischen Gruppe darstellen, welche schon im zweitenAssimilationsmilieu weilt. Im wesentlichen aber stellen sie denselben Typus einer potentiellen, aktiver nationaler Lebensfunktionen entkleideten Nation dar, wie etwa die deutschen Juden. In der Frage der Erhaltung der jüdischen Nation in Amerika spielen sie daher, — ganz abgesehen davon, daß ihre Anzahl verhältnismäßig gering ist, — eine unbedeutende Rolle. Die Entscheidung liegt unstreitig bei den ostjüdischen Massen, ob sie sich hier in ihrer starken jüdischen Eigenart behaupten oder diese einbüßen und bestenfalls auf den nationalen Standard ihrer westjüdischen Brüder sinken werden. Mit Rücksicht auf diesen „besten" Fall darf nicht zu viel Hoffnung aus der Tatsache geschöpft werden, daß die ostjüdischen Massen in Amerika einen starken, vielleicht den stärkst entwickelten Trieb, örtlich zusammen zu bleiben, gezeigt haben. Denn in dem Augenblick, wo sie etwa das westjüdische Kolorit annähmen, würde dieser ihr Trieb sicherlich nachlassen, und die Neigung, auseinanderzugehen, würde von Tag zu Tag stärker werden. Die erschlaffende religiöse Gesetzestreue bei den bürgerlich Gearteten und die Abgewöhnung der jüdischen Umgangssprache seitens der Intelligenz und des Proletariats müßte unbedingt wie Sprengstoff wirken. Von weit größerm Belang ist, daß sich als natürliche Folge aus dem Zusammenströmen und Zusammenwohnen ein ziemlich stark ausgestaltetes und reich nuanciertes nationales Kulturleben in den alten und in modernen Formen ergeben hat. Wer aus Europa, auch aus den Ländern des Ostens, herüberkommt und das erstemal durch die jüdischen Straßen von New York wandelt, ist erstaunt und gelegentlich auch hingerissen von dieser kräftigen jüdischen Lebensbejahung, und kann einem Zweifel, ob dies alles nicht doch nur vielleicht ein Eintagsleben ist, nicht ordentlich Raum in seiner Seele geben. Es ist ihm fast unmöglich, seine warme Verwunderung so abzukühlen, daß er aufhören sollte, an die Weiterentfaltung dieser verheißungsvollen Anfänge zu glauben. Wer etwa unmittelbar nach diesen Eindrücken Zangwills Lehre vernimmt, kann £ELT - 27 nicht anders als wenigstens bezüglich der Juden sie verneinen. Da ist noch nichts geschmolzen, noch nichts verschmolzen: Da ist jüdische Art und nur jüdische Art) — ja sogar lebendigere jüdische Art als sonstwo in der Welt. Doch mit der Zeit wird der Blick für gewisse dunkle Punkte in diesem lichten Bilde geschärft. Vor allem ist es die Jugend, die jüngste Jugend, die die Schule besucht oder sie verläßt, deren Betrachtung schwere Sorge weckt. Daß sie an der ziemlich allgemeinen Verflachung und Verwilderung der amerikanischen Jugend teilnimmt, mag an sich noch leichter ins Gewicht fallen. Wenn nur damit nicht eine völlige Abkehr von den Eltern und dem elterlichen Stamm verbunden wäre. Wenn diese kleinen eitlen Narren in ihrer Volksschulweisheit, in ihrem bißchen Englischsprechen, in ihrem „Amerikanertum" nicht Gründe genug sähen, um auf die alte tiefe Intelligenz ihres elterlichen Milieus,, auf Sprache und Sitte der Alten, endlich auf deren „Grünheit" mit ebenso putziger als trauriger Verachtung herabzublicken! Das ist schlimm, sehr schlimm sogar. Wie ich es merkte, habe ich auch nicht einen Augenblick gezögert, in aller Öffentlichkeit das Bild so zu zeichnen, wie ich es sah. Und es ist bemerkenswert, daß sich bei solchen Gelegenheiten niemals eine Stimme gegen mich erhob, ja, daß sogar meistenteils die Versammelten zu erkennen gaben, wie sehr ich ihnen aus der Seele gesprochen, wie ich eine wunde Stelle ihres Herzens berührt habe. Erst als ich in Europa meine Schilderung wiederholte, stellten einige Preßorgane die Sache so hin, als hätte ich in Amerika ganz anders gesprochen. Warum sie das taten, will ich nicht genau untersuchen. Ich will zu ihrer Ehre annehmen, daß es nur aus, übrigens ungerechtfertigterweise beleidigtem amerikanischem oder amerikanischjüdischem Patriotismus geschah. Aber feststellen möchte ich, daß von Zeit zu Zeit in allen diesen Blättern, ob sie nun eine konservative oder irgendeine radikale Richtung vertreten, ganz ähnliche Klagen zu lesen sind, als „Stimmen aus dem Publikum" sowohl als im redaktionellen Teile. Nur daß diese Zeitungen nicht fähig oder nicht bereit sind, daraus wenigstens theoretische Nutzanwendung zu ziehen. Die jüdische Jugend versinkt vor ihren Augen, sie sehen es, sie wissen es, sie geben es zu, — aber von der Verhimmelung jenes Systems, das daran Schuld ist, können sie nicht lassen. Selbst auf halbem Wege kehren sie noch immer zu ihrem Götzen um, — wie z. B. mein im ersten Teile dieses Artikels zitierter Gewährsmann, der für die Entjudung der Jugend die Straße verantwortlich macht, nur um die public school, dieses Hätschelkind des Amerikanismus, retten zu können. Und so führen sie, — vielleicht mehr aus Unvermögen, zu prüfen und zu urteilen, als aus bösem Willen, -— das Volk immer tiefer in die Schlamastik hinein; und können dies um so leichter, als es ohnehin schon im voraus auf ihre Lehren gestimmt ist. Denn es muß gesagt werden, und ich habe es auch in Amerika gesagt, dieselben Alten und Eltern, die über ihre Kinder seufzen und viel darum geben würden, sie jüdischer zu sehen, — verbeugen sich im Grunde selbst vor der Seuche. Will man erfahren, mit welch rasender Eile auf amerikanischem Straßenpflaster die Instinkte, nicht so Sehldes Bluffs, als des sich Bluffenlassens, das Verlieren des kulturellen Augenmaßes und lächerlicher Größenwahn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.