Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber dieses Streben kann aus dem Qoluth kein Zion machen. Es kann nur ein Streben bleiben und muß sich seiner Unzulänglichkeit immer bewußt sein. Man muß dies wahrheitsgemäß feststellen, wenn es auch das Selbstgefühl der überspannten Optimisten empfindlich verletzen muß. Das Bewußtsein dieser Unzulänglichkeit bildet eben die Voraussetzung des eigentlichen Zionismus. Wenn wir aber von „Unzulänglichkeit" sprechen, so bekennen wir hierdurch, daß doch ein Teil der Arbeit gemacht werden kann. Welcher Teil? Darüber können nur Zeit- und Ortsverhältnisse entscheiden. Aber erstens sind die Verhältnisse wandelbar, zweitens stellen sie sich nicht allen gleich dar. Über diese Schwierigkeit kann man sich durch irgendeine neue Formel hinwegtäuschen, wirklich hinüberhelfen kann man sich nicht. Das Gegenwartsprogramm ist ein Rütteln am Joch, ein hoher Herzensschlag, ein Gedankenflug, ein Genius, der mit dem schwarzen Goluthungeheuer, mit einer stummen, unabwendbaren Macht kämpft, — in der Nacht ... und dabei auch siegend lendenlahm wird. Ob ein Gegenwartsprogramm proklamiert wird oder nicht, — es muß eins geben und zwar für jede Gegenwart. Ob die Mängel und Breschen dieses Programms zugestanden werden, oder nicht, — sie müssen vorhanden sein. Es würde utis beunruhigen, könnten wir sie nicht bemerken, denn das würde unsere Überzeugungvon derRichtigkeit der Diagnose erschüttern. Das Bohren und Grübeln nach dem Absoluten und dem Prinzip der Prinzipien des Gegenwartsprogramms hat eine Scholastik erzeugt, die besonders in manchen intellektuellen Kreisen hoch in die Halme schoß. Wenn man als Büchermensch einerseits die platten Gemeinplätze, die stereotypen Banalitäten schon hundertmal gehörter Agitationsreden, das naive Lallen der Anfänger und anderseits die haarscharfen Definitionen und Spitzfindigkeiten über „das Wesen", „den Kern" und „den Kern des Kernes" liest, so fühlt man sich von ersterm abgestoßen, von letzterm hingegen angezogen. Untersucht man aber die Sache kühler, so sieht man, daß, so unangenehm die eisige Erstarrung einer dürftigen Vereinsmeierei ist, so ist anderseits die Überhitztheit der Kasuistik widerlich, da sich hier eine Scholastik herausgebildet hat, also eine Lust am gegenstandslosen Denken, am Abstrakten und Begrifflichen, eine Spekulationswut, eine Methodik, eine Systematik, bei der die Disputation der Zweck ist. Die Scholastik kennzeichnet sich immer durch das Besserwissen, durch den unwiderstehlichen Drang, das Lineal über des Nächsten Haupt zu schwingen, durch den Instinkt, zu beweisen, daß jedermann Unrecht habe. Alles wird in Frage gestellt, erörtert, in seinen Grundfesten erschüttert: in fünf Minuten zehn philosophische Probleme und zehn Punkte aus der Psychologie. Darum ist die Scholastik am wohlsten im Unergründlichen und Unerschöpflichen. An einem Regennachmittag könnten zweitausend neue Ideen — und Verwirklichungen ohne Zahl — geboren werden. Unbestimmtheit ist der Ausgang und vermehrte Konfusion der Triumph, welcher zur Besserwisserei den willkommenen Anlaß bietet Sie ist spöttisch, tadelsüchtig, und was nicht grüblerisch erscheinen will, kommt ihr fade und spießbürgerlich, fast als ein fossiler Überrest vor. Die Geschraubtheil und Verstiegenheit geistiger Parvenüs. Man wird fragen, was der Zionismus mit der Scholastik ,zu tun habe? Die Frage ist schief gestellt, Der Zionismus hat freilich nichts mit der Scholastik zutun, aber die Scholastik hat mit ihm zu tun. Nämlich sie erzeugt eine so hochentwickelte Raffiniertheit, eine so sarkastisch beißende Kritik, sie verwirft so verächtlich alles, was schon bekannt ist, und verlangt so gebieterisch „das neue Wort", daß am Ende überhaupt nichts mehr übrig bleibt. Sie. verzehrt sich selbst, nachdem sie alles abgegrast, ausgenagt und zum alten Eisen fortgeworfen hat, — die Programme und die Ideen, die Parolen der andern, die sie als Phrasen bezeichnet, und ihre eignen Parolen, die sie heute wie das Zehngebot verkündet, — und schon am nächsten Tag, langweilig, weltmännisch-blasiert, angähnt- und auslacht, wenn sie sie zitieren hört. Sie ist überdrüssig, verärgert, und tadelt in der Regel immer die andern, daß sie nicht „das große, neue, erlösende Wort", das ungekannte, ungeahnte hören lassen. Daß sie sich doch selbst die Mühe gäbe, dieses große Wort zu erfinden! Nein, bei aller Kühnheit der Gebärde und Verwegenheit der Allüre ist ihr Gedanke überaus zahm. Sie hat nicht den Mut offen zu sagen, daß das sogenannte „große, neue, erlösende Wort", sozusagen die Messiasformel, die das Wesen des Wesens usw. entdecken soll, eine der albernsten Phrasen darstellt, mit der eine geistige Selbstentmündigung die Massen foppt, ohne einzusehen, daß sie sich selbst hierdurch ein schmähliches Armutszeugnis ausstellt. Das „große Wort" ist schon da: Zionismus! Es bedeutet eine verheißungsvolle Erneuerung unseres Volkslebens, einen Morgenstrahl sonniger Zukunft, eine Auferstehung. Will man über das Wesen des Volkslebens, der Hoffnung, der Auferstehung, über den Daseinsgrund der Völker und über das Ziel aller Ziele ein endgültiges System schaffen, das mit mathematischer Klarheit jeden überzeugen würde, so kann man getrost bis an der Zeiten Ende Theorien machen. . . Kommt ein großes System wirklich heraus, werden wir uns dankbar belehren lassen. Bis jetzt hat die Scholastik nur ins Blaue hinein disputiert. „Die Luftreisen in den blauen Äther erscheinen zuerst schwindelhaft; allein beim nähern Zusehen entdeckt j man, daß das Gedankenschifflein vorsichtig mit einem Strick festgebunden ist. Den Strick aber liefert die jeweilen für unantastbar geltende Autorität." Wenn man all die strahlenden Schätze, welche die Scholastik . im Laufe der letzten Jahrzehnte angehäuft, in sich * aufgenommen und auf den reellen Wert prüft, so ist man „so klug wie zuvor". Nicht hierdurch wird die . schlummernde Volkskraft geweckt und zu lebendiger Selbsthilfe eingespannt; nicht hierdurch erstarkt man zu neuem Ringen und zu neuen Opfern. Man wird des Grübelns müde und wenn man sich nicht auf das Besserwissen und das Disputieren versteift, kehrt man von der Theorien-Dampfmaschine zur tatkräftigen, frischwogenden, positiven, lebenspendenden Wirksamkeit in schaffensreicher Werdezeit zurück. Nicht weil man selbstgefällig und sorglos, die Zweifelsqualen nicht kennt, sondern weil man von ihnen durchflutet, nicht weil man sich vom Intellektuellen abgelöst, sondern 'weil man mit dem Innersten daran geknüpft ist und weil man nur den Hochmut in sich überwunden hat, — spannt man alle Kräfte an, um das Leben mit dem Ideal, nicht absolut, aber nach Möglichkeit, zu vereinigen. Da gibt's keine Wunder zu vollbringen und kein Universalmittel eines absolut unerschütterlichen