Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRG. KÖLN, 8. Januar 1909 \2H\nb DÄnnJc« hSD )"ü No. 2. GEGENWARTSPROGRAMME Was unter Selbstbefreiung zu verstehen sei, wurde noch nicht in recht deutlichen Umrissen dem Bewußtsein nähergerückt. Bände könnte man darüber schreiben, wenigstens so viele Bände, wie die der Geschichtsbände, die von den Judenereignissen in ihrer Zerstreuung und Unfreiheit erzählen. Man könnte folgende Formel aufstellen: Selbstbefreiung ist die Ausgleichung der innern und äußern Tatsachen, oder noch genauer: die Angleichung der äußern an die innere Welt. Mit andern Worten: Sich-selbst-gleich-werden. Bernard Lazare war es, der den Zionismus: „L'art d'etre soi-meme" nannte. Nationale Persönlichkeit und freie Eigenart. Für einen Goluth-Juden eine fast unerreichbare Kunst. Um zu werden, was man im tiefsten eignen nationalen Wesen ist, muß man einen großen Teil von sich selbst, von seinem angewohnten Wesen, das zur zweiten Natur geworden ist, überwinden. Die Schwierigkeit besteht darin, daß die äußern Verhältnisse noch so sind, wie sie waren. Er allein, das Subjekt, ist anders, als es war. Noch umgrauen ihn die finstern Qhettomauern. Aber er will frei werden; nun soll er schon frei handeln. Das gedanklich Erreichte soll Realität, die Wiahrheit soll Wirklichkeit werden. Da gibt's kein bestimmtes Programm, keinen vorgefaßten Begriff; man kann nicht genau bestimmen, wie man als national freier Mensch in den verschiedensten Lebensverhältnissen verfahren kann. Es ist unmöglich, das in Paragraphen festzusetzen. Es ist etwas, das einem noch fremd ist, und dennoch die Macht hat, zu leiten; ein Unbekanntes, das erst zu gestalten, jedoch nach ehernen, immanenten Gesetzen zu gestalten ist, aus einem Material, das bereits in uns vorliegt, aber in einer ganz andern Form als die erwünschte: in der unserm Inneren sich aufdrängenden, unabweisbaren Erkenntnis. Das viel vexierte Wort: „Knechtschaft in der Freiheit" hat das Problem nicht gelöst. Es formuliert nur kurz, was man schon lange empfunden und worauf man schon lange hingewiesen hat. Aber auch diese Formulierung ist nicht genügend; das Problem liegt tiefer. Es berührt nicht nur die Emanzipationsjuden, — das ist eine Selbstverständlichkeit, — es berührt auch die Nationaljuden. Es liegt ein Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt in der notwendigen Zerrissenheit einer Übergangsperiode. Die innere Freiheit ist schon da: nämlich in uns als Denkende und Empfindende; sie ist aber auch nicht da, insofern wir in einer geschichtlich ererbten, fremden, feindlichen Tatsachenwelt leben. Man muß den Dingen auf den Grund gehen. Der Gegensatz zwischen der innern Selbständigkeit und der äußern realen Last hat zum Teil auch früher bestanden, und der Kampf, ihn innerlich auszugleichen, bildete auch den Inhalt der Religionsmoral, wie sie sich in der Diaspora so mächtig ausgestaltete. Sie gab den Bedrängten eine innerlich freie Welt und ließ die äußere als vorübergehend und minderwertig erscheinen. Die Emanzipation hingegen vollzieht dieselbe Arbeit — in anderer Weise. Sie erstickt den nationalen Willen, sie entwurzelt die Keime, wo sie nur hervorsprossen und sie sprossen ja nur sehr selten. Wo hingegen weder die erstere noch die letztere Kraft mit großer Macht auftritt, — bei mäßiger Mitwirkung sind sie beide sogar förderlich, — regt sich das unterdrückte Bedürfnis nach nationaler Freiheit und strebt nach einer alles umfassenden Neuordnung der Dinge. Zionistisches Denken und Fühlen betätigt sich von selbst auf verschiedenen Gebieten. Es ist eben eine Weltanschauung. Menschen, die von diesem Bestreben durchdrungen sind, können nicht so handeln wie die andern; sie können aber auch nicht so handeln, wie sie nach Erreichung ihres Ideals der Neuordnung der Dinge handeln würden. Hier kann man mit schönen Worten nicht auskommen. Daher die Halbheit, die Mosaik, der Kaleidoskop des sogenannten Gegenwartsprogramms. Wahnsinnig wäre es, hier die „Alles-oder-nichts"-Theorie aufzustellen. Es liegt schon im Begriffe des Gegenwartsprogramms, daß jede Gegenwart ein Programm für sich erheischt. Dies entbehrt nicht eines grotesken und innerlich tragischen Zuges, aber so ist das Leben im Goluth. Wie soll sich eine vollständige Selbstbefreiung in der Diaspora gestalten? Wir strebten und streben noch heute nach einem organischen Verband aller kulturellen jüdischen Kräfte, nach einer Institution, oder nach Institutionen zur Durchführung der Erkenntnis auf allen Gebieten des Lebens mit dem Bewußtsein der innern Einheit.