Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 1 DIE^ELT 17 mitglied des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Herr Dr. Winter, zum Ausscheiden aus dem Vorstand veranlaßt wurde, weil er im Eisenacher Wahlkreise sich in der Stichwahl für einen Antisemiten ausgesprochen hatte. Dieser Fall hat mit dem vorliegenden nicht die geringste Ähnlichkeit; denn Herr Dr. Winter erklärte sich für einen Antisemiten. Herr Dr. Lövinson hat lediglich zugesagt, einem Kandidaten der Freisinnigen Volkspartei seine Stimme zu geben. Nach alledem wird sich ein jeder überzeugen, wie ungerecht die Angriffe gegen den Vorstand gewesen sind. Wer jetzt noch behauptet, der Vereins vorstand habe sich direkt oder indirekt, mittelbar oder unmittelbar für einen Tauf Juden erklärt oder verwandt, wird sich den Vorwurf der Infamie gefallen lassen müssen. Es ist beschämend, daß Männer, die es angeblich mit dem Judentum gut meinen, so von der Wahrheit abweichen, wie es hier leider vorgekommen ist, und die politischen Leidenschaften so weit steigern können, daß sie jeden Blick für das Reale und Mögliche verlieren. In der letzten allgemeinen Versammlung in Berlin am 9. Dezember, ÜJien Bericht an ariderer Stelle veröffentlicht wird, wurde sowohl der Standpunkt des Herrn Justizrats Lövinson als auch der des Vorstandes durch folgende Erklärungen präzisiert: I. Erklärung des Justizrats Dr. Lövinson. 1. An der Aufstellung der Kandidatur des Herrn Dr. Mugdan habe ich in keiner Weise mitgewirkt; ich habe von ihr nicht früher erfahren, als bis sie in den Zeitungen bekanntgemacht wurde. 2. Meine Tätigkeit vor der Wahl beschränkte sich lediglich darauf, daß ich erklärt habe, für den Kandidaten zu stimmen, der von der politischen Organisation, welcher ich angehöre, ordnungsmäßig proklamiert war. Ich habe auch gestattet, meine dahingehende Stellungnahme öffentlich kundzugeben. Mehr habe ich nicht gestattet. Etwaige Überschreitungen der Erlaubnis sind, wenn überhaupt, nur durch die Hitze des Wahlkampfes zu erklären. 3. Bei der Agitation habe ich mich nicht beteiligt. Ich habe keine Versammlung besucht, keinen Wahlaufruf verfaßt oder unterschrieben, niemanden gestattet, meinen Namen unter einen solchen zu setzen. 4. Ich habe mir diese Zurückhaltung auferlegt nicht bloß, weil ich durch eine persönliche Agitation, wie ich bestimmt wußte, bei vielen von mir geschätzten und mir nahestehenden Glaubensgenossen Anstoß und Befremden erregt hätte, sondern auch, weil mir zu einer solchen Agitation bei der Person des Kandidaten die Neigung fehlte. II. Vorstandserklärung. Der Vorstand des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bezeichnet die Unterstellung, daß er in irgendwelcher Weise die Wahl des Herrn Dr. Mugdan begünstigt habe, als eine böswillige Erfindung. Der Vorstand hat den Grundsatz absoluter Neutralität, wie in allen nicht gegen Antisemiten geführten Wahlkämpfen so auch bei dieser Wahl, streng befolgt und deshalb das von beiden kämpfenden Parteien an ihn gerichtete Ersuchen, in den Kampf einzugreifen, abgelehnt. Von den an der Wahl beteiligten Vorstandsmitgliedern hat der größere Teil für den Gegenkandidaten des Herrn Dr. Mugdan gestimmt; einige haben auch für Herrn Professor Richert energisch agitiert. Der Vorstand, welcher den ohne Überzeugung erfolgenden Glaubens Wechsel auf das schärfste verurteilt, bedauert, daß" die in dem Bezirke wahlberechtigten Glaubensgenossen nicht rechtzeitig die Kandidatur eines getauften Juden zu verhindern vermocht haben. Dadurch sind viele unserer Glaubensgenossen in einen schweren Konflikt zwischen der Wahrung der Parteidisziplin und ihrer persönlichen Auffassung gebracht worden, der ihnen hätte erspart werden müssen. Auch das in der Öffentlichkeit viel erörterte Verhalten unseres um die Sache des Judentums überaus verdienten Vorstandsmitgliedes, des Herrn Justizrats Lövinson, findet seine Erklärung lediglich darin, daß er, nachdem seine Partei den Abgeordneten Mugdan einmal als Kandidaten proklamiert hatte, geglaubt hat, im Interesse der Partei seine persönliche Auffassung zurücktreten lassen zu müssen. Wer sehen und der Wahrheit die Ehre geben will, wird im Interesse des Zusammenhaltens der Juden in dem schweren Kampfe, den sie zu führen haben, von dem Vorstand nicht mehr als diese offene Erklärung verlangen können und wird wissen, was er von denjenigen zu halten hat, die — bestenfalls durch Parteifanatismus irregeleitet — Unfrieden stiften wollen. Über die Uneinigkeit in unsern Reihen werden sich die Antisemiten am meisten" freuen. Wir haben auch die Genugtuung, daß ein großer Teil derjenigen unserer Mitglieder, die das Vorgehen des Herrn Justizrats Lövinson für inopportun erklärt haben, durch dessen Erklärung vollkommen beruhigt worden sind und ihrerseits die volle Übereinstimmung mit dem Standpunkt des Vorstandes kundgegeben haben. Es hat sich in vielen Berliner Kreisen aus Anlaß dieser Wahl eine Nervosität eingeschlichen, die als äußerst bedenklich bezeichnet werden muß. Das Erste, was in unserm schweren Kampfe zu verlangen ist, liegt in einer gewissen Gleichmütigkeit und Ruhe. Nur ein fester Boden gegenseitiger Verträglichkeit kann die Streitkräfte, die wir zum Kampfe gegen den Antisemitismus notwendig brauchen, in der erforderlichen Weise zusammenhalten. Eine Zersplitterung nützt den Gegnern und macht uns ohnmächtig. Parteipolitischer Fanatismus hat bei diesem Wahlkampfe erheblich mitgespielt. Das kann uns an sich gleichgültig sein. Aber die Erfahrungen der letzten Wahlen geben uns Anlaß, an unsere Glaubensgenossen die dringende Warnung zu richten, mit allen Kräften zu verhüten, daß im Kampfe der politischen Parteien aus unserer Haut Riemen geschnitten und die Juden auch hier die Prügelknaben werden. Nur Einigkeit und gegenseitiges Verständnis machen stark! L. H. Wir haben, dem Wunsche des Zentralvereins entsprechend, seine Ausführungen vollinhaltlich zum Abdruck gebracht. Wir glauben aber nicht, dem Verein damit einen Gefallen erwiesen zu haben. Konnte es nach dem bisherigen Verlauf der Angelegenheit noch zweifelhaft sein, inwiefern man den Vorstand des Vereins für die skandalösen Vorgänge, die eine Schmach für das deutsche Judentum darstellen, verantwortlich zu machen habe, so steht jetzt nach den eignen Erklärungen des Vorstandes fest, daß dieser sich der ihm anvertrauten Aufgabe durchaus nicht gewachsen gezeigt und einen Mangel an Bewußtsein für jüdische Würde und für die Forderungen des Tages gezeigt hat, der ganz bedenklich an die gröbste Pflichtverletzung grenzt. Es ist jetzt festgestellt, daß der Vorstand sich mit dieser Angelegenheit rechtzeitig beschäftigt hat und es nicht für nötig fand, Juden vor der Wahl eines entschieden „antisemitenfreundlichen Elementes", eines der schwersten Hindernisse für die endgültige Durchführung der vollen Gleichberechtigung der Juden, d. h. nämlich, vor der Wahl eines getauften Juden, und zudem noch eines solchen von den Qualitäten des Herrn Dr. Mugdan, zu warnen. Der Vorstand glaubte seine Pflicht erfüllt zu haben, wenn er „den Anhängern des Sanitätsrats Mugdan regelmäßig mündlich und schriftlich bemerkte, daß die Aufstellung eines getauften Juden dem Zentralverein selbstverständlich durchaus unsympathisch sein müsse". Das ist eine Feigheit der schlimmsten Art! Der Vorstand wagte es nur, seine Pflicht heimlich zu erfüllen; ihr öffentlich nachzukommen, dazu fehlte ihm der Mut. Hier zeigt sich so recht das Elend der Abhängigkeit des Zentralvereins von der allein seligmachenden freisinnigen Volkspartei. Der Vorstand durfte nicht öffentlich gegen diese Herren auftreten, mit denen er gewohnt ist, die politischen Wahlen zu machen. Nur ganz verstohlen und heimlich durfte er seinen Bedenken gegen die Schmach Ausdruck geben, die diese „Freisinnigen" den jüdischen Wählern mit der Aufstellung des getauften Freundes und Schützlings der antisemitischen Reaktion angetan haben. Wie der Vorstand, sein Prinzip, die Wahl von antisemitenfreundlichen Kandidaten zu verhindern, mit der strikten Neutralität vereinbaren konnte, die er sich bei der Wahl des Abgeordneten Mugdan auferlegte, der die eifrigste Unterstützung von Antisemiten aller Schattierungen empfing — und zwar nicht nur wegen seiner jüdischen Abstammung! — und überhaupt nur dank dieser Unterstützung gewählt wurde, mag er mit sich selbst ausmachen. Wir hoffen zuversichtlich, daß die Mitglieder des Vereins kein Verständnis für eine solche Logik haben und nicht nur diejenigen Vorstandsmitglieder, die nach den eignen Angaben des Vorstandes für den getauften Judenantisemiten gestimmt haben, gerne den Antisemiten ein für allemal überlassen, sondern auch den Rest des Vorstandes, der an diesem Verhalten Tadelnswertes nicht zu finden vermochte und sich durch seine ganze Haltung für unfähig des Amtes erwiesen hat, das ihm vom Vertrauen der deutschen Juden übertragen ist, nachdrücklichst belehrt, daß für eine solche Handlungsweise kein Platz in einem Vereine ist, der sich die Wahrung der Rechte und der Würde der Juden zum Ziele gesetzt hat. J. B. Warnung Ein gewisser Isak Getzof aus Minsk, der sich als jüdischer Schriftsteller und Verwandter von Dr. Pasmanik (Genf) ausgibt und angeblich zwei kleine Geschwister in einem Waisenhaus unterbringen will, brandschatzt seit einigen Wochen die jüdische Weit, besonders auch zionistische Kreise. Da sich alle seine Angaben als lügnerisch erwiesen und die Empfehlungen (von Dr. Pasmanik- Genf, Dr. Straus-München), die er mit sich führt, von ihm erschwindelt wurden, sei nachdrücklichst vor ihm gewarnt.