Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316351--51427-3345109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
An die zion.=akad. Vereinigungen in Österreich! Wir haben in Sachen eines während der Osterreinen im April 1909 in Krakau zu veranstaltenden Palästina-Kursus an alle ziön.- akad. Vereinigungen in Österreich ein Rundschreiben ausgesandt. Da uns aber nicht alle Adressen bekannt sind, bitten wir diejenigen Vereine und Verbindungen, welche unser Schreiben nicht erhalten haben, um gefl. umgehende Angabe ihrer Adressen. Verein jüd. Hochschüler „Przedswit-Haszachar" Krakau, Zielonag. 7. J. A. jur. Samuel Pilzer, ht. Obman Kundmachung desMähr.-schles. Distriktskomitees Am Sonntag den 17. Januar 1909, nachmittags 1 2 4 Uhr, findet in Olmütz der statutenmäßige ordentliche Distriktstag statt. (Das Lokal wird rechtzeitig bekanntgegeben.) Die Tagesordnung ist die folgende: 1. Tätigkeitsbericht: a) des engeren Distriktskomitees; b) der Kreisobrnänner; 2. Kassabericht; 3. Festsetzung des Budgets; 4. Neuwahlen; 5. Allfälliges. Die Kreisleitungen haben bis zum 6. Januar dem e. D.-K. die Parteisteuer abzuliefern und die Ergebnisse der Delegierten wählen bekanntzugeben; die Vereine werden daher aufgefordert, die Parteisteuer für alle ihre Mitglieder den zuständigen Kreisobmännern rechtzeitig einzusenden, widrigenfalls sie auf dem Distriktstag nicht vertreten sein könnten. Für das Mähr.-schles. D.-K. Dr. R. Lichtwitz, Obmann. G. Finzi, Schriftführer. England Zionistische Studenten Am Samstag, 20. Dez, begrüßte die London Zionist League drei Zionistische Studenten, die Vorträge über das Thema: „Zionismus und der westliche Jude" hielten. Herr Leon Simon (Oxford) sprach über „Mangel der Emanzipation", J. Alexander (Oxford) und Herr Cyril A. Picciotto (Cambridge) debbutierten den Eindruck des Zionismus auf den modern erzogenen Juden. Es folgte eine interessante Debatte, an der die Herren Herbert Bentwich, Israel Cohen und Dr. Friedeberg teilnahmen. Auch Herr Ascher üinzburg (Achard Haam) war anwesend, der indessen eine Teilnahme an der Debatte ablehnte, da er unvorbereitet sei. NOTIZEN Der Fall Mugdan—Richert Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" übersendet uns mit der Bitte um Aufnahme nachstehenden Artikel: In der bisherigen Geschichte des Zentralvereins hat selten eine Angelegenheit so viel Staub aufgewirbelt wie die vor kurzem stattgehabte, an und für sich relativ unbedeutende Stadtverordnetenwahl in einem Berliner Gemeindewahlbezirk. Eine Stadtverordnetenwahl geht, soweit man sie überhaupt als politische Wahl gelten lassen will, den Zentralverein nur dann etwas an, wenn es sich um die Wahl eines Antisemiten oder antisemitenfreundlichen Kandidaten handelt. Es braucht nicht noch einmal ausführlich dargelegt zu werden, daß der Zentralverein als die Vertretung von Juden aller Richtungen sich unmöglich auf irgendein politisches Programm festlegen kann/ Der springende Punkt in seiner Tätigkeit auf politischem Gebiete muß darin liegen, antisemitische oder anlisemitenfreundliche Elemente zu bekämpfen und von allen Ehrenämtern nach Möglichkeit ausschließen zu helfen. Auf der andern Seite hat der Zentralverein von jeher seine ganze Stellungnahme dahin gerichtet, die Taufe als eine schimpfliche Handlung zu bekämpfen und Fahnenflüchtige als das hinzustellen, was sie sind. Bei der vorerwähnten Stadtverordnetenwahl standen sich ein Angehöriger der Freisinnigen Volkspartei, Sanitätsrat Dr. Mugdan, — ein getaufter Jude, —- und der christliche Professor Dr. Richert, der den Barthschen demokratischen Standpunkt vertritt, als Kandidaten gegenüber. Beide Kandidaten sind in keiner Weise antisemitisch, obwohl bezüglich beider der Vorwurf von gegnerischer Seite erhoben worden ist. Jedoch hat sich auch nicht der allergeringste Nachweis für diese Behauptung in irgendeinem Falle erbringen lassen. Infolgedessen mußte der Zentralverein, noch dazu, da beide Kandidaten von zahlreichen Juden unterstützt waren, strikte Neutralität üben. Nichtsdestoweniger ist der Vereinsvorstand in die Angelegenheit hereingezogen worden, und zwar durch folgende Verhältnisse: Herr Justizrat Dr. Lövinson, ein Vorstandsmitglied unseres Vereins und langjähriger eifriger Anhänger der Freisinnigen Volkspartei, wurde vor der Wahl angefragt, ob er seine Stimme Herrn Sanitätsrat Mugdan geben würde. Herr Lövinson entschied sich für Mugdan. Dabei muß bemerkt werden, daß das Verhältnis der Freisinnigen Volkspartei und der Demokraten Barthscher Richtung speziell in Berlin äußerst feindselig ist Als Herr Justizrat Lövinson auf die Anfrage die oben erwähnte Antwort gab, war er sich darüber klar, daß er nur der Parteidisziplin folgend und notgedrungen von seinem Standpunkt aus für ihn stimmen werde. Es sei gleich an dieser Stelle ausdrücklich festgestellt, daß Herr Justizrat Lövinson in keiner Weise für Mugdan agitiert hat, insbesondere außer der Veröffentlichung seiner Bereitwilligkeit, für Mugdan zu stimmen, zu dem Gebrauche seines Namens in der Wahlangelegenheit mit keinem Worte ermächtigt hat. Jedwede weitere Verwendung seiner Unterschrift ist also ohne sein Wissen und gegen seinen Willen erfolgt. Erst nach der Wahl' erfuhr er, daß man seinen Namen in mehreren Flugblättern mißbraucht hat. Vor der Wahl sind von beiden Seiten an den Vereinsvorstand Aufforderungen ergangen, für die eine oder andere Partei zu wirken. Auch hat der Vorstand allen Anfragen gegenüber sich strikt auf den Standpunkt gestellt, daß er, d 1 kein Antisemit in Frage komme, unter allen Umständen Neutralität wahren werde; doch wurde den Anhängern des Sanitätsrats Mugdan regelmäßig mündlich und schriftlich bemerkt, daß die Aufstellung eines getauften Juden dem Zentralverein selbstverständlich durchaus unsympathisch sein müsse. Hätte der Zentralverein in irgendeiner Wreise für die eine oder die andere Partei Stellung genommen, so hätte er damit sein fundamentalstes Prinzip verletzt und hätte es einer großen Reihe von freisinnig-vollcsparteilichen Mitgliedern unmöglich gemacht, im Verein ai verbleiben. In den bisherigen Ausführungen ist bereits gezeigt worden, daß der in der weitern Folge des Wahlkampfes gegen Herrn Justizrat Lövinson gerichtete Angriff, er habe für Mugdan agitiert, eine glatte Lüge ist. Herr Justizrat Lövinson hat, es sei wiederholt darauf hingewiesen, nichts anderes getan, als von seinem Parteistandpunkt aus erklärt,m er werde für Mugdan stimmen, weil ihm Mugdan als kleineres Übel erscheine, — ein ganz persönlicher Standpunkt, von dem der Vorstand vorher keine Kenntnis gehabt hat und um den sich zu kümmern für ihn keine Veranlassung vorlag. Als diese Stellungnahme des Herrn Lövinson für den Kandidaten seiner Partei in der Öffentlichkeit beanstandet wurde, hat Herr Justizrat Lövinson in dem anfangs Oktober erschienenen Hefte der Vereinszeitschrift eine Erklärung unter „Eingesandt" abgegeben, in welcher er nur für seine Person seinen Standpunkt in der Wahlangelegenheit erläutert. Aus der ganzen Form der Veröffenllichung war zu ersehen, daß der Vorstand mit dieser Erklärung gar nichts zu tun hat. Erst am 22. November hat Herr Dr. Hans Kaiisch verlangt, daß in der nächsten Nummer eine von ihm abgefaßte Gegenerklärung gegen Justizrat Lövinson veröffentlicht werden solle. Die Erklärung lief zunächst so spät ein, daß sie vor der Stichwahl unsern Lesern nicht mehr zu Gesicht gebracht werden konnte. Aber ganz abgesehen davon, hat Herr Dr. Kaiisch, der dem Zentralverein gar nicht angehört, in seinen Ausführungen verlangt daß Herr Justizrat Lövinson sein Amt niederlege. Daß wir einem Nichtmitgliede unseres Vereins für derartige Forderungen und Zumutungen unser Blatt nicht öffnen, kann wohl von niemandem getadelt werden. 'Der Aufsatz ließ auch alles dasjenige vermissen, was der Gast einer Zeitung an journalistischer Courtoisie mitzubringen hat. Zur Amtsniederlegung lag aber nach der Anschauung des Vorstandes des Zentralvereins für Herrn Justizrat Lövinson keinerlei Anlaß vor. Selbst diejenigen Herren des Vorstandes, welche für Herrn Professor Richert agitatorisch eingetreten sind*), waren der Ansicht, daß man, abgesehen von der Frage der taktischen Zweckmäßigkeit der Handlungsweise des Herrn Justizrats Dr. Lövinson, in seinem Verhalten eine keineswegs unwürdige Handlungsweise erblicken kann. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn Herr Justizrat Lövinson irgendwie für Herrn Mugdan agitiert, insbesondere in Versammlungen für ihn gesprochen hätte. Herr Dr. Kaiisch hat in seiner Gegenerklärung darauf hingewiesen, daß ein Vorstands- *) Es sei nebenbei bemerkt, daß dies die überwiegende Mehrzahl derjenigen Vorstandsmitglieder war, die wegen der Lage ihrer Wohnung für die Wahl überhaupt in Frage kamen. Ja, ein Vorstandsmitglied", das außerhalb des Wahlbezirks wohnte, hat sogar aus öewissensrücksichten in einem Flugblatt die Juden gegen die Wahl Mugdans aufgefordert. Wie grotesk ist also die Behauptung, der Vorstand habe sich für Mugdan erklärt.