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Die Welt · 1909-01-01 · 1 (1.1.1909) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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in Anspruch genommen. Zurzeit sind die Aussichten in dieser Hinsicht schlechter als vor einem Jahre, da es Lord Avebury gelungen ist, im Überhaus genau dasselbe Gesetz durchzubringen, das im Jahre 1905 an derselben Stelle verworfen wurde. Der Board blieb bemüht, zu erreichen, daß denjenigen die jüdischen Geschäftsinhabern, die am jüdischen Sabbat geschlossen halten, und ausschließlich jüdisches Personal beschäftigen, gestattet sein solle, ihren Laden auch Sonntags zu gewissen Stunden aufzuhalten. Was die Angelegenheiten außerhalb Englands anbetrifft, so blieb nichts ungetan, um das Los der bedrückten Brüder außerhalb zu bessern und die schweren Bedingungen, unter denen sie jetzt leben, zu lindern. Indessen ist in Rußland und Rumänien wenig erreicht worden, und insbesondere in Rußland ist die Lage der Juden womöglich noch trauriger und ungewisser als zuvor. Notleidende Anstalten Der Jewish Board of Guardians begeht im Februar das Fest seines fünfzigjährigen Bestehens. Um dieses Ereignis zu verewigen, ist man jetzt bemüht, die Summe von £ 40 000 (800 000^) aufzubringen, die dem Board zur Verfügung gestellt werden und ihn in den Stand setzen sollen, für einige Jahre ungehindert seinen Aufgaben nachzukommen. Das Jüdische Seminar (Jew's College) ist wieder in solcher Not, daß man sich gezwungen sah, an jene ehemaligen Studenten, die später umgesattelt und einen andern als den Rabbinatsberuf ergriffen haben, Briefe zu richten, in denen ihnen die Sum ne vorgehalten wurde, die für ihre Ausbildung aufgewandt worden ist und worin sie weiter ersucht werden, ihren „Verpflichtungen" nachzukommen. Diese Aktion begegnet innerhalb der Gemeinde einer starken Kritik. Eine jüdische Gesamtorganisation Die erste Gelegenheit, die Aussichten der geplanten alljüdischen Gesamtorganisation öffentlich zu diskutieren, hatten wir in London am Sonntag den 20. Dez., wo Herr Hermami Landau in der Herzl-Society einen Vortrag über diese Frage hielt. Herr Landau ist eines der beiden englischen Mitglieder des permanenten Komitees, das im verflossenen September in Berlin gebildet wurde, um die Frage der Gründung einer alljüdischen Organisation zu verwirklichen. Daherverdienen seine Ansichten in dieser Sache ernsthafte Beachtung, um so mehr, da er erklärte, daß seine Mitarbeiterschaft an dem Unternehmen davon abhänge, daß seine Meinungen von den andern akzeptiert würden. Herr Landau erörterte in seinen Ausführungen nicht sowohl die Frage der Möglichkeit einer jüdischen Gesatntorganisation oder die Frage, ob es besser sei, diese Organisation als einen Verband der bestehenden Organisationen zu bilden, oder eine ganz neue Organisation zu schaffen. Er beschäftigte sich vielmehr mit der anderen Seite des geplanten Unternehme! s, und entwickelte ein ausführliches Agrikulturprogramm, von dem er erklärte, daß nur ein solches Programm eine radikale Besserung der Lage der Juden in Osteuropa herbeiführen könne. Folgendes sind die Grundzüge seines Plans: Große Farmen sollten in Polen, Rußland (!), Rumänien (!!), den Vereinigten Staaten, Canada, England und andern Plätzen der Welt erworben werden — Farmen von 2000 bis 3000 Ares — und zahlreiche Landhäuser sollten darauf errichtet werden. Jede Familie, die willens ist, Landarbeit zu verrichten, soll ein Haus zu niedrigem Mietpreis erhalten. Zunächst sollen sie für 1 oder 2 Jahre auf diesen Farmen angesiedelt werden. Aus dem Ertrag der Farmen kann der Unterhalt der Familie bestritten werden. Nach Verlauf dieser Zeit sollen die Kolonisten, vorausgesetzt, daß die Leiter, unter deren Aufsicht sie ihre Arbeit verrichten, ein günstiges Urteil über sie abgeben, auf Land angesiedelt werden, daß in verschiedenen Teilen der Erde angekauft wird, Es soll ihnen ein Vorschuß gegeben werden, um sie in die Lage zu setzen, die nötigen Gebäude zu errichten, sich die erforderlichen landwirtschaftlichen Geräte auzuschaffen und vielleicht, besonders in einem kalten Klima, z. B. in Canada, sich mit Lebensmitteln für ein Jahr zu versehen. Der gesamte vorgeschossene Betrag soll hypothekarisch auf die Farm eingetragen und nach Verlauf von zwei Jahren in einer Periode von 25—45 Jahren in jährlichen Raten amortisiert werden. Zur Aufbringung des Kapitals sollte ein internationales Weltkomitee gebildet werden, um von jedem Juden und jeder Jüdin einen Beitrag von £ 1 zu erhalten. Der Fonds soll International Credit Foncier oder Hypothekenbank heißen. Damit dieser Plan verwirklicht werde, sei nur nötig, daß Lord Rotschild, der jetzt einflußreichste Jude der Welt, sich selbst an die Spitze des Konsortiums stelle und sich seine Kollegen oder Mitdirektoren aus den einflußreichsten Personen verschiedener Länder wähle. Diese würden sodann ein geschäftsführendes Komitee ernennen und Beamte mit den erforderlichen technischen Kenntnissen anstellen. Herr Landau gab der Hoffnung Ausdruck, das die Jungtürken die Ansiedlung von Juden in Mesopotamien zum Zwecke des Ackerbaues erlauben würden, unser erstes agrikulturelles Experiment soll in diesem Lande gemacht werden. Mittels Bewässerung und modernen wissenschaftlichen Verbesserungen könne Mesopotanien bald in ein mehr als fruchtbares Land verwandelt werden. Kein besserer Platz könne gefunden werden, um einen vorläufigen Versuch mit diesem Plane zu machen, und wenn er einmal gemacht sei, werde sich nach der Meinung des Redners der Typus eines jüdischen Landwirts herausbilden, der in jedem Lande gerne willkommen geheißen und der Stellung keine Unehre machen werde, die ihm die Zionisten und Hoisten vorbereitet hätten. Dr. Hirsch Hildesheimer, der zu Besuch in London weilte,- erklärte sich mit den Ausführungen des Herrn Landau, die er bereits lang und breit mit ihm privatim besprochen habe, durchaus einverstanden. Wenn der Plan keine Lösung der Judenfrage in Osteuropa bringen werde, werde er doch wenigstens eine Milderung schaffen. Herr Leopold Keßler sagte, daß kein jüdischer Plan gedeihen könne, der nicht auf einer demokratischen Grundlage aufgebaut sei. Der Name Lord Rotschild werde das vorausgesagte Wunder nicht wirken. Die Farmschtilen müßten in denselben Ländern angelegt werden, in denen ihre Schüler später angesiedelt werden sollten, da ja die Bedingungen des Ackerbaues in den verschiedenen Ländern verschieden seien. Auch müsse er fragen, warum Lord Rotschild und Herr Landau, wenn diese beiden Herren für eine jüdische Kolonisation im Orient seien, sich nicht der zionistischen Bewegung anschlössen, die sich doch jetzt hauptsächlich mit praktischen landwirtschaftlichen Unternehmungen befasse. Dr. Samuel Daiches war der Meinung, daß kein Bedürfnis für eine neue Organisation sei, die sich ausschlieslich mit landwirtschaftlicher Kolonisation befassen solle, da ja die lea Kolonisationsversuche unternehme. Auch bezweifelte er, daß das Geld aufgebracht werden könne, jedenfalls aber könne die Ausdehnung des Ackerbaues unter den Juden die Judenfrage nicht lösen. Herr Joseph Co wen betonte, daß es sehr schwer sein werde, jüdische Farmen in England und den andern Westländern zu begründen. Irgend eine Kolonisation in andern Ländern könne keinen Erfolg haben, wenn keine politischen Garantien gegeben würden. Herr Israel Cohen führte aus, daß der Plan des Herrn Landau keinen tatsächlichen Zusammenhang mit der Organisation habe, die im September in Berlin gegründet worden sei. Er halte eine neue Organisation nur für Kolonisation für unnötig und unpraktisch, dagegen befürworte er warm einen engeren Zusammenschluß aller maßgebenden jüdischen Organisationen in den verschiedenen Ländern im allgemeinen Interesse der östlichen Judenheit. Hilfe für die Jeschiba in Lida Rabbi A. B. Reines hält sich zur Zeit in>London auf, um dort Gelder für die Zwecke der Jeschiba in Lida zu sammeln, die vor drei Jahren gegründet wurde. Er berichtet, daß die Zahl der Schüler gegenwärtig 250 beträgt, aber man wolle die Möglichkeit für die Aufnahme von 300 schaffen und die Schule in mehrfacher Hinsicht verbessern. Man schätzt die Kosten der Unterhaltung auf £ 3000 jährlich, wovon die russischen Juden nur ein Drittel aufzubringen vermöchten. Rabbi Reines war schon in Paris, wo er von der Alliance Israelite die Zusage einer jährlichen Subvention erhalten hat. Auch von der Jca hofft er eine jährliche Unterstützung zu bekommen. Augenblicklich bemüht er sich, eine öffentliche Versammlung in London, im Interesse der Jeschiba zu Stande zu bringen. Von dreihundert Personen hat er bereits einen jährlichen Beitrag von 10 Schilling für die Schule zugesagt bekommen. Palästina (Von unserm Berichterstatter) Weiterbau der Mädchenschule in Jaffa Jaffa. Die vom Bauausschuß der hiesigen Mädchenschule eingesetzte Kommission zur Feststellung der Ursachen, infolge deren der eine Flügel des Baues während des Sturmes eingestürzt ist, bestand aus den tüchtigsten Fachleuten des Landes: dem deutschen Regierungsbaumeister v. Urban, der jetzt den Bau des evangelischen Hospiz der Augusta-Viktoria-Stiftung am Ölberg in Jerusalem ausführt, dem russischen Regierungsbaumeister Pissarewski, der die großen Gebäude der russischen Kolonie aufgeführt hat, und dem Architekten Stephan, jetzigen Direktor der österreichischen Post in Jaffa. Die Kommission gelangte zu dem Resultate, daß der größte Fehler der war, daß das Dach während der heftigen Regenzeit gedeckt wurde, daß aber auch die Wahl des Baumaterials und die

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