Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-01-01 · 1 (1.1.1909) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316351--51422-3345104
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

schwengliche Lisa mit natürlicher Affektiertheit. Frl. Heller als Müller, die Herren Lunzer (Matwej) und Blass (Chaim) sind ihrer Aufgabe gewissenhaft nachgekommen. Die „Schwestern" von Perez wurden ebenfalls in Wien zum erstenmal aufgeführt. Die Handlung ist eigentlich dürftig. Das Drama ist aber ein Meisterwerk psychologischer Kleinkunst. Ein Einakter, der sich zu einer Tragödie steigert, die lange im Gedächtnis nachzittert. Lea, ein Dienstmädchen, wird von ihrem Verführer verlassen. Ihre ältere Schwester Mirl, eines Schlächters Witwe, verdammt die Unglückliche. Von der Grösse des nahenden Ungemachs überwätigt, sieht sie, wie das erbarmungslose Leben ihrer jüngeren Schwester Nechome das gleiche Schicksal bereitet. Sie bittet, den Verehrer Nechomes — Sorach — ihre Schwester nicht unglücklich zu machen, und, da ihr Flehen vergeblich ist, bittet sie ihn, falls „es über ihn kommt", sie, die Verlorene zu nehmen. Über die psychologische Möglichkeit des Entschlusses läßt sich freilich streiten. Die Darstellung verdient volle Anerkennung. Frl. Rossi zeigte sich als sehr begabte Schauspielerin. Sie war, als verführte, hingebungsvolle Lea ergreifend, wie die Wahrheit. Frl. Lanner war eine ganz reizende Nechome, voli hinreißenden Temperaments. Man müßte wirklich um ihre Zukunft besorgt sein. Frl. Gronau (Mirl), die Herren Rawn (Sorach) als schuhflickender Don-Juan der Judengasse, und Lunzer (Moische) waren alle auf ihrem Platze. Das Werk erntete reichen Beifall. „Der ewige Jude" von Pinski, ein symbolischer Einakter. Die Einwohner der Stadt Birath-Arba in Judäa wissen noch nicht, daß der Tempel von den Römern zerstört ist. Sie harren der Wunder Gottes. Da nähert sich ihnen ein Jude aus Galiläa, der zehn Tage unterwegs war. Eine Erscheinung kündete ihm vor zehn Tagen die Zerstörung des Heiligtums und die gleichzeitige Geburt Menachems-Ben-Zidkija, der der Erlöser und Messias werden soll. Er will ihn finden, um sein Sklave zu sein. Man nimmt den Wahrsager fest. Eine junge Frau auf der Flucht aus Jerusalem, erreicht die Stadt. Sie sucht ihren Mann Zidkija, der als Krieger gegen die Römer zog? und dem sie am Tage der Zerstörung des Tempels einen Sohn Menachem geboren. Allgemeine Bestürzung. Der Galiläer will zum Messias geführt werden. Da stürmt die Magd der unglücklich-seligen Mutter herbei, fällt zu ihren Füßen und bringt die Kunde, daß ihr der Knabe von unbekannter Hand entrissen wurde. Die Mutter bricht zusammen. Der Wahrsager ergreift den Wanderstab, um den verlorenen Messias zu finden . . . Ein Drama des ewigen Juden ist es nicht. Die Darstellung — bis auf Herrn Brecher, der den naiven Messias-Verkünder gab — trug Spuren der Ermüdung. Es war ein genußreicher Abend und ein verdienstvoller Versuch, die Wiener Juden mit jüdischen dramatischen Werken vertraut zu machen. Die Aufführung fand im Saal Co tinental statt, dessen Podium in eine Bühne verwandelt wurde. Die Regie war redlich bemüht die Qualen der Enge und des Raummangels zu überwinden. Es ist zu wünschen, daß der nächste jüdische Theaterabend in einem wirklichen Theatersaal stattfindet. Die Paßfrage Abg. Dr. Straucher richtete an die Regierung eine bemerkenswerte Interpellation. Die russische Regierung begnügt sich bekanntlich nicht damit, ihren Untertanen jüdischer Nationalität die Bewegungsfreiheit zu nehmen. Auch Juden, die fremde Staatsbürger sind, fühlen die „eiserne" Hand der russischen Verwaltung, wenn sie russischen Boden betreten. Der Aufenthalt ist ihnen aus unbekannten Gründen einfach untersagt Als Handelsreisende bekommen sie nur die Erlaubnis, drei Monate im Lande zu verbleiben. Für Moskau, glaube ich, genügt nicht einmal die zur Pflege der Handelsbeziehungen erlassene „Begünstigung". Die Auszeichnung, die Lufc der Kremlstadt zu atmen, wird einem Juden, mag er auch dem Hause der Lords angehören, nur ausnahmsweise zuteil. \ Die Regierungen der Großmächte dulden widerspruchslos die Entrechtung ihrer jüdischen Staatsbürger. Offenbar aus Feingefühl. Zunächst hegt so ziemlich jeder europäische Staatsmann die Be sorgnis, von der russischen Regierung eine zarte Andeutung auf „vaterländische" Zustände zur Antwort zu bekommen und an den evangelischen Spruch — vom Balken und vom Splitter — erinnert zu werden. Ferner steht hindernd im Wege der Satz von der „Nichteinmischung in die Angelegenheiten eines fremden Staates", der mehr als eine halbe Million Soldaten besitzt. Die souveränen Staaten beginnen nämlich erst mit einer Millionenarmee. Nun, Rußland kann mehrere ins Feld stellen. Bisher wagten es nur die Vereinigten Staaten, gegen die erniedrigende russische Polizeiwillkür jüdischen Bürgern Amerikas gegenüber nachdrücklich zu protestieren, zwangen auch die russische Regierung, das Völkerrecht zu respektieren; denn die Haltung. Rußlands, das jüdische Bürger fremder Staaten wie Mitglieder einer Verbrecherbande behandelt und sie fürsorglich zur Grenze geleitet, ist nicht nur eine der vielen empörenden und erniedrigenden Gewaltmaßregeln, die den Juden zur Genüge bekannt sind und sie zur Verzweiflung bringen, es ist zugleich eine Verletzung der völkerrechtlichen Verpflichtungen und des österreichisch-russischen Handelsvertrages. In diesem Übereinkommen garantierte Rußland der österreichischen Regierung die uneingeschränkte, volle Bewegungsfreiheit ihrer Staatsbürger auf dem Gebiete des russischen Reiches. Ebenso, wie russischen Staatsangehörigen die Wahl des Aufenthaltsortes in Österreich-Ungarn freigestellt ist. Aus welchem Grunde schließt nun die russische Regierung österreichische Bürger mosaischen Glaubens und jüdischer Nationalität aus den Bestimmungen des Handelsvertrages aus? Und wieso duldet die österreichische Regierung eine derartige differentielle Behandlung ihrer jüdischen gleichberechtigten Staatsbürger? Auf diese völkerrechtliche Seite der Frage weist eben die überreichte Interpellation hin. Sie schildert d e Schikanen, denen österreichische Juden im heiligen Rußland ausgesetzt sind. Die Pässe der jüdischen Reisenden werden mit einem besondern Stempel — kurz Judenstempel benannt — versehen, durch wel:hen der Paßinhaber als Jude bezeichnet wird. Die Folgen dieser Praxis ist nun eine ununterbrochene Reihe von Schikanen, die bei dem Grenzübertritt beginnen und erst mit dem Verlassen Rußlands enden. Die Abfertigung der Inhaber von „Judenpässen* erfolgt an der Grenze erst nach der Abfertigung aller übrigen Reisenden. In einzelnen Städten, so in Kiew und" Moskau, dürfen die Juden die bessern Hotels nicht bewohnen. Dieses vertragswidrige und feindselige Vorgehen russischer Behörden und Amtsorgane gegenüber österreichischen Staatsangehörigen mosaischer Konfession, die nach Rußland reisen, wird von den russischen Konsulaten anderer Staaten nicht geübt (?) sondern eben nur von den russischen Konsulaten Österreichs gegenüber Juden der Bukowina und Galiziens. Die Interpellanten richteten nur mit Rücksicht darauf, daß das Vorgehen der russischen Behörden vertragswidrig und für die jüdischen Geschäfts-, Gewerbetreibenden und Industriellen nicht nur beleidigend ist, sondern sie erheblich schädigt, die Aufrage an die Gesamtregierung: „Ist dieselbe geneigt, im Wege des k. u. k. Ministeriums des Äußern bei der kaiserlich russischen Regierung dafür vorstellig zu werden und zu intervenieren, damit selbe in Beta igung der Vertragstreue eine gleiche, paritätische Behandlung jüdischer Geschäftsreisenden, Geschäfts- und Gewerbsleute sowie Industriellen aus Österreich in allen Belangen und namentlich bei der Abfertigung an der Grenze und Erteilung des Passvisums mit den Reisenden anderer Konfessionen verfüge?" Wie wir erfahren hatte Abg. Dr. Straucher vorige Woche eine Unterredung mit dem Minister des Äußern Baron Aehrenthal. Sie galt wahrscheinlich der Stellung des Jüdischen Klubs zu dem Ermächtigungsgesetz (bezüglich der Verlängerung der Handelsvertragsprovisorien), der Obmann des Jüdischen Klubs benützte aber zweifelsohne die Gelegenheit, um den Minister über mehrere Beschwerden der jüdischen Bevölkerung in Angelegenheiten, die in sein Ressort gehören, zu informieren. England (Von tinserm Berichterstatter.) Der Jewish Board of Deputies Am Sonntag vormittag, den 13. Dez., fand im Hotel Central die Jahresversammlung des Jewish Board of Deputies statt, zu der zahlreiche Delegierte aus der Provinz und aus London erschienen waren. Der Vorsitzende, Herr D. L. Alexander, King's Counsel, berichtete über die Arbeit des verflossenen Jahres, von der er sagte, daß sie die anstrengendste in einer langen Reihe von Jahren gewesen sei. Mit Bezug auf das Fremdengesetz von 1905 sei die Politik des Board daraufgerichtet gewesen, durch einen Zusatz zum Gesetz und eine verbesserte Handhabung seiner Vorschriften für jeden fremden Einwanderer vernünftige Möglichkeiten der Lebenshaltung zu schaffen, ihm eine sachgemäße Verhandlang seines Falles zu gewährleisten, ihm kompetente und unpirteiische Richter zu stellen und ihm das Recht zu sichern, im Falle einer ungünstigen Entscheidung an ausgebildete Berufsrichter zu appellieren. Die Bestimmung, die in das Londoner Hafengesetz eingefügt wurde und die Schaffung von Unterkunftshäusern für die Einwanderer vorsieht, war ursprünglich nur fakultativ gedacht. infolge des energischen Eintretens des Boards erhielt sie zwingende Kraft. Auch das Sonntagsruhgesetz hat die Zeit und die Kraft des Boards sehr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.