Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitraumes beigewohnt hat, ist über solche Dinge hinaus. Religion ist ihre Privatsache oder gar nicht ihre Sache. Ihren Kindern gibt sie eine sehr freisinnige Erziehung, — sie erzieht sie zu Persönlichkeiten. Dabei bringt die Else für Deutsch und Rechnen eine Vier, und der Fritz hat im Zeugnis Betragen, Fleiß, Aufmerksamkeit ungenügend, ebenso Deutsch, Geographie und Naturkunde. Ihre älteste Tochter, Fräulein Amalie, macht ihr schwere Sorgen. Fräulein Amalie ist ganz und gar keine Dame. — sondern ein Weib, — wie sie sagt . . . zum Entsetzen ihrer Frau Mutter . . . ein jüdisches Weib. Sie schwärmt für Heines Rabbi Jehuda Halevy, will vom Korsett nichts wissen, gebraucht weder Parfüm noch Puder, trägt einen schwarzen federlosen Hut, der einem breiten Deckel ähnlich ist, ist begeistert von Nordau und Zangwill, bereitet sich fürs Maturum vor, schwärmt für das Medizinstudium, geht allein ohne Begleitung aus und läßt sich von den Dienstboten statt Mademoiselle und in der dritten Person glattweg Fräulein Amalie ansprechen. Auf zionistischen Bällen spielt sie die erste Qeige, arrangiert das Büfett, rezitiert die Zionide, ist geschäftig, sagt den jungen Herren Grobheiten und sammelt für den Nationalfonds. Mit der Mama steht sie auf sehr schlechtem Fuß; die Frau Mama, die israelitische Dame, nennt sie im stillen die Schande der Familie. Die Frau Mama ist eben schon alt, hat Falten im Gesicht und eine runzelige Stirn, und als Dame von Stand flößt sie zwar überall Respekt ein, — aber ihrer Tochter, der schönen, mephistophelischen Amalie stellen alle jungen Leute nach ... sie hat tausend Verehrer, die sie ignoriert und verachtet, mindestens bis auf einen .... Fräulein Amalie, als modernes jüdisches Weib ist zwar nicht fromm, — besucht aber doch die Synagoge, — wie sie sagt, weil sie sich für die jüdische Liturgie interessiert ... in Wirklichkeit aber, -weil sie — ebenfalls zum Entsetzen ihrer Frau Mama — an großen Judenversammlungen ihre Freude hat. . . . Ich bin zwar als wohlgesitteter Mensch gegen meinen Vater, der ein israelitischer Herr und Mitglied des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist, — dazu auch Inhaber des Adlerordens IV. Klasse, sehr gehorsam, — aber ich bin nicht beim Unteroffizier Piefke in die Schule gegangen......... . Ich achte meinen Herrn Vater, — wie meine Cousine, die teuflische Amalie, — ihre Frau Mama, die israelitische Dame, die seit mehr als 15 Jahren Beisitzerin im Vorstand des Modeveruns und Ehrenmitglied des weiblichen Tierschutzvereins ist. Ich trage einen weichen Filzhut und Amalie kein Korsett. — Ich bin ein Jude und Amalie ein Weib . . . Mein Onkel in Amerika dagegen ist weder Jud noch Israelit noch Jude, — sondern ein Börsenmakler und ein Sportsmann. Die Börse ist seine Synagoge und sein Klub, und die Dollars sind seine Religion und sein Nationale. Er hat zwar Heine nie gelesen, aber er sagt auch: „Wer kein Geld hat, der ist ein Lump. ..." Und meine Tante, die jetzige Lady und ehemalige Kantorstochter öffnet die herzförmigen geschlossenen Lippen, nimmt das Maul voll und sagt: Yes, yes . . . Nicht wahr, meine Mischpoche hat eine interessante Geschichte —- mit Ausnahme von Amalie und mir Ihnen gesagt. . . . ooooooooo s^sr NACHRICHTEN 72.°^ ooooooooo Österreich (Von unserem Berichterstatter) Ein jüdischer Theaterabend Drei Einakter jüdischer Autoren in deutscher Sprache. „Roter Schnee" von Abraham Coralnik. Ein Menschenschicksal, in einem Akt zusammengedrängt. Leo flüchtet nach zwanzigjähriger Einkerkerung aus Sibirien. Als Jüngling zog er in die Schneewüste, als ergrauter Mann kehrt er heim. Er findet eine gebrochene Mutter, der Vater ist tot, Bruder und Schwester, die er als kleine Kinder verlassen, sind reife Menschen geworden. In der sibirischen Eissteppe verlor Leo seine Lebensgefährtin, sein in Wehmut geborenes Kind. Aber auch den ungebrochenen Glauben, die heiße Glut der Jugend. Er sehnt sich mit der ganzen Seele nach einer neuen Sonne, ein Frierender, Schneebedeckter, der nach strahlender Wärme lechzt. Ein neuer Lenz war ihm nicht beschieden. Von der Gendarmerie im Mutlerhaus ergriffen, befreit er sich durch eine Revolverkugel. Sein Blut rötet den Schnee. Flucht und Selbstmord ereig-en sich hinter der Bühne. Auf der Bühne sehen wir ein jüdisches Familienhaus in voller Auflösung. Man redet und grübelt, forscht nach dem Sinne des Lebens und dem Grund der Dinge. Nur die Mutter ist von diesem Hang der russisch-jüdischen Intelligenz zur Spekulation unberührt. Sie sieht nur ihr Kind, ahnt die bevorstehende Trennung und weint. Sie versteht nicht, sie kann nicht begreifen, daß ihrem Sohn innerlich wohl ist. Sie sieht nur die Trümmer ihres Lebensglücks. Der jüngere Bruder Chaim ist ein selbstzufriedener Spießer, ein satter Philosoph. Auflehnung gegen Unrecht und einen übermächtigen Gegner scheint ihm bodenlose Torheit. Die Schwester Lisa, klagt die Mutter zärtlich, ist wie Leo einst. Die Kämpfe und Leiden des Bruders, der „Sage des Hauses", sind von Glorienschein umgeben. Sie sehnt sich schwärmerisch nach den Stürmen des Kampfes Ein dürstendes Tasten, träumerischer Oberschwang, jugendliche Entschlossenheit. Sie will dem Bruder folgen. Leo lehnt ab. Sie soll ihren Weg allein finden. Er sei ein schlechter Gefährte. Leo ist keine deutlich umrissene Gestalt. Ein offenbar russisch assimilierter Jude und Freiheitskämpfer, der den Fatalismus der Jugend eingebüßt hat. Er ist nun ein Zweifler. Er hat den Gott seiner Jugend — wir wissen nicht, warum — entthront, wie er den Gott seines Großvaters verlassen. Leos neue Wahrheit hat uns der Autor nicht offenbart. Nur der Gegensatz zwischen ihm und dem alten Judentum ist klar vorgeführt. Leo, meint der greise Großvater, nimmt das Leben, die Gegenwart, zu ernst. Die Träger und Erben der alten jüdischen Welt lebten in der Vergangenheit für die Zukunft. Er fällt ein hartes Urteil: die Leos haben die Vergangenheit zertrümmert, sie werden keine Zukunft schauen. Leos Antwort ist mystisch, unbefriedigend. Der neue Jude ist er nicht, auch der klar wollende nicht. Doch führt ein unsichtbarer Faden vom Großvater zu ihm. Trotz des klaffenden Abgrundes zwischen ihren Weltauffassungen begreifen sie einander. Denn beide verstehen den Sinn des Todes. Ihre subjektive Lebensanschatiung ist verwandt: das Menschenleben ist ein Augenblick im Leben des Volkes und der Menschheit, ein Augenblick, den man würdig und nicht spurlos durchleben soll. Coralniks Einakter ist kein Charakterdrama. Es ist ein philosophisches Schauspiel mit geistreichen, stimmungsvollen Variationen des ewig wiederkehrenden Themas von Vätern und Söhnen. Das Werk fand warme, freundliche Aufnahme. Leo gab Herr Hans Sonnenthal. Mit Rücksicht auf die Schwierigkeit der Rolle — eine anerkennenswerte Leistung. Er stellte den Fanatiker Leo gut dar. Der Zweifler blieb im Schatten. Herr Brecher war ein eindrucksvoller Großvater. Frl. Rossi gab die jugendlich über-