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Die Welt · 1909-01-01 · 1 (1.1.1909) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 1 diee|eelt 9 [□□□□□□ FEUILLETON □ □□□□□j) o DIE MISCHPOCHE Ein Beitrag zur Entwicklungslehre Von Mel. Für pikante Autobiographien hat jeder Erdenknabe im Zeitalter der Tagebuchblätterkultur eine Schwäche, d. h. eine Vorliebe. Oberhaupt bezeichnen wir jede Schwäche mit Vorliebe. Wir sind galanter geworden. . . . Um euch die Langeweile der blöden Winterlosigkeit des Winters zu vertreiben, wrerde ich euch eine „Autobiographie" erzählen, die die Geschichte meiner Mischpoche enthält. Daß ich bei diesem Erzählen alle wissenschaftlichen Hilfsmittel der Geschichtsschreibung nicht außeracht lassen werde, — dafür bürgt Ihnen schon die Zeit, in der ich lebe. . . Zeppelin I und V, afrikanische Diamantenfelder, Gesellschaften zur Förderung der Sittlichkeit, die Lederindustrie und die Religion, — kurzum . . . Sie verstehen? . . . Fangen wir von vorne an. Mein Großvater war ein Jud, trug lange seidene Strümpfe und besaß eine goldne Tabaksdose. Er war ein Jud. Die Psalmen konnte er auswendig wie Fritz seine Glocke, denn er war fromm, wie es sich gehört, betete 70 Jahre dreimal täglich, lernte auch, gab Almosen, verehrte den greisen Rabbi und sprach nur selten mit der Großmutter. ... Er war eben ein Jud, nur ein Jud, still, ehrlich, bescheiden. Mein Vater hingegen ist ein Israelit, trägt einen runden steifen Hut, hat ein rasiertes Gesicht und wohlgepflegte Nägel, besucht zweimal jährlich die Synagoge, ist sehr wohltätig, ein deutscher Patriot, ärgert sich über das „persönliche Regiment" und ist stolz darauf, eines der ersten Mitglieder des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu sein. Als Israelit glaubt er zwar nicht viel, — er ist ein moderner Mann, interessiert sich für den Darwinismus und ist auch musikalisch. Mit einem Worte, mein Vater ist Israelit. . . . Ich dagegen, sein ungeratener Sohn ... ich bin Jude. Meine Kopfbedeckung besteht aus einem weichen Filzhut, ich trage eine lange, schwarze Künstlerkrawatte, interessiere mich für den Impressionismus, für den Individualismus, — bin Zionist, — zum Entsetzen meines israelitischen Vaters, bin ein eifriger Leser der „Welt" und ein gelegentlicher Mitarbeiter (honoraris causa), zitiere Bialik und stehe mit den Rabbinern auf sehr schlechtem Fuß. Schnitzlers letzter Roman „Der Weg ins Freie" hat mich sehr interessiert. Fast hätte ich über diesen Roman eine Kritik geschrieben, — fast. Dann bin ich sehr impulsiv, sensitiv, impressionabel, dabei aber durchaus ein kritischer Kopf, — sonst wäre ich eben kein Zionist und kein Jude, sondern ein Israelit. Oberhaupt gehört schon etwas dazu, Zionist zu sein. . . . Ein Philister oder ein verfressener Spießbürger, so wie auch ein leichtgläubiger „hellsehender" Israelit, der es nur mit der „Menschheit" zu tun hat, kann überhaupt kein Zionist sein . . . also . . . Meine Großmutter war eine jüdische Frau, eine altmodische jüdische Frau. Auch sie hatte eine Vorliebe für Schnupftabak, im Gegensatz zu ihrer Enkelin, meiner Schwester, die nur Zigaretten raucht. . . . Ihre Perücke war altmodisch, keine Kuppel, auch kein Korb, — sondern einfach, glatt, lockenlos, mit einem Scheitel in der Mitte. Sie besuchte jeden Samstag die Synagoge, benedizierte jeden Freitagabend ihre drei Schabbeslichter, indem sie mit ihren beiden Händen das Gesicht verstellte, und hatte vor meinem Großvater eine stille, aber tiefe Achtung. . . . Ihre Zubereitung des Chalet war stadtbekannt, und ihre Frömmigkeit war sprichwörtlich; dabei sprach sie nur selten von Religion, von Koscher und Trefe, von Aufsicht und dergleichen. Auch von „sozialer Frauenbildungu wußte sie noch nichts . . . Sie war eben eine jüdische Frau. Ihre Tochter hingegen, meine Frau Tante, ist eine Dame, — eine jüdische Dame. In der Synagoge sieht man sie selten, aber sie unterläßt es nie, zum Benefizkonzert zu erscheinen oder einer Premiere im neuen Theater beizuwohnen. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die schon morgens um fünf aufstand und schon am Mittwoch mit der Vorbereitung für den Chalet begann, bleibt meine Frau Tante bis elf im Bett, bis ihre Friseuse kommt und ihr die vom ersten Friseur der Stadt hergestellten Zöpfe flicht. Für jüdische Fragen hat sie gar kein Interesse mehr, denn als Dame ist sie über solche Kleinigkeiten und Konfessionen erhaben. Sie macht viel in Wohltätigkeit, interessiert sich ein wenig für pädagogische Fragen, liest hin und wieder eine Frauenzeitung, und abends erzählt sie ihrem Herrn Gemahl allerlei Pikantes von dieser und jener Freundin, von „Verhältnissen", stillen Verlobungen usw. In Modefragen ist sie sehr radikal, aber nur theoretisch, denn praktisch muß sie den guten Ton wahren. Wenn sie z. B. im Bade ist, scheut sie nicht, auch gelegentlich einen fußfreien Rock anzulegen. Dagegen hat sie einen der modernsten Hüte an. Die englischen Sufragettes haben nur ihre halbe Sympathie. Sie findet, daß ihr Benehmen gegen die feine Damensitte verstößt. Sie ist Mitglied der freien literarischen Vereinigung, der ästhetischen Gesellschaft, des Modevereins und sogar der jüdischen Frauenloge. Aber dort sieht man sie seltener, denn sie als Dame von Stand kann doch nicht mit den Krämer- und Bürgersfrauen — auf demselben Linoleum stehen. Aber zu ihrem Lobe muß ich es sagen, daß sie mit dem Geld nie geizt. . . . Sogar für jüdische Vereine, sofern sie nur humanitären Zwecken dienen, gibt sie hin und wieder etwas. Ihr Verhältnis zu meinem Herrn Onkel, ihrem Herrn Geinahl, ist ein korrektes. . . . Sie hat ihr Schoßhündchen, ihren Werther in Miniaturausgabe und ihr Telephon im Boudoir. Ihrem konfessionellen Bekenntnis nach ist sie Israelitin, im ganzen eine israelitische Dame. Von Juden und jüdischen Fragen spricht sie nur selten, denn eine Dame von ihrer Bildung, die alle Ausstellungen der letzten 15 Jahre besucht und allen Premieren während dieses

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