Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 ÖIE^^E LT No. 1 eifrig erörtert. Es ist der erste Vorstoß der christlichen Nationen zu einem Platz an der Sonne. Natürlich setzen ihm die Türken einen entschlossenen Widerstand entgegen. Die Vernunft gibt -ihnen recht, die es verbietet, daß ein Parlament, das eine ungeheure Aufgabenlast zu bewältigen hat und das eine unerbittliche, hämisch lauernde Reaktion natürlich so untätig und kurzlebig als möglich sehen möchte, zwei Tage in jeder Woche verliere. Auch möchten sie — bei allem Zugeständnis konfessioneller Gleichheit — die auf bedeutender Übermacht und jahrhundertealter Tradition beruhende Vormachtstellung des Islams, auf dem Gebiete der Funktionen der Staatsmaschine zumindest, nicht leichther2ig großmütig opfern. Sie haben es auch bequem, auf die Konsequenzen einer solchen Quasigerechtigkeit hinzuweisen, die mit völlig gleichem Gewicht auch die Freigabe des Sabbats für die Juden würde fordern müssen. Für uns Juden ist die Ablehnung des griechisch-christlichen Antrags ein Gebot der Selbsterhaltung. Der Sabbat — als dritter Parlamentsfesttag im Bunde — wird ja unmöglich bewilligt werden. Kommt da der Sonntag als Staatsruhetag zur Geltung, so ist unser Judentum wieder das einzige Bekenntnis zweiten Grades, und die ganze Kette von Zurücksetzungen, Nichtachtung und Unterdrückung nimmt wie anderwärts ihren trübseligen Anfang. In einer Sitzung des jungtürkischen Komittes hat Nassim Massliach zu dieser aufregenden Frage einen Vorschlag in die Debatte geworfen, der seiner Findigkeit wie seinem Gerechtigkeitsgefühle in gleicher Weise Ehre macht. Er meinte, zum Parlamentsruhetage solle man den Donnerstag, als den Tag der Parlamentseröflnung und des Beginnes der neuen türkischen Ära, wählen, während man am Freitag, Samstag und Sonntag, also den heiligen Tagen sämtlicher Bekenntnisse, nur Halbtagssitzungen veranstalten solle. Leider fand der wirklich geistreiche, aber etwas weltfremde Vorschlag, der psychologisch nur in einem jüdischen Hirn seine Geburtsstätte haben konnte, im Jnngtürkenkomitee nicht die ausreichende Unterstützung. — Auf den Ausgang der Ruhetagsfrage darf man wirklich gespannt sein. Zweifellos wird das Recht des Stärksten, das nicht immer Unrecht sein muß, den Sieg davontragen. Das dritte Ereignis endlich, im Grunde bescheidener Natur, ist für uns Zionisten bedeutsam. Am Dienstag wurde unter dem übrigen Gratulationeneinlauf auch die Depesche David Wolffsohns im Namen der Zionisten verlesen. Sie fand aufmerksa tr.e Beachtung und lebhaften Beifall im Hohen Hause. Der Schritt des Engern A. C. verdient den aufrichtigen Dank unserer gesamten Bewegung. Er hat dem türkischen Volke bewiesen, wie warmen Herzens wir seine aufkeimende Freiheit begrüßen. Und er hat den Juden, besonders denen im ottomanischen Reiche selbst, bewiesen, daß man wohl von Zionismus sprechen und nicht nur von ihm sprechen darf! Die Zeit und die türkische Welt, die neue, beginnt für ihn reif zu werden. Da, wo die Geschicke der Türkei künftighin gemacht werden, kennt man uns. Es wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, daß man uns in die Staatsbilanz einstellt. Wir sind auf dem besten Wege. Noch einmal für alle: man darf! Ahmed Risa Bey Präsident des türkischen Parlaments Die türkische Verfassung bestimmt, daß die Kammer drei Kandidaten für den Ersten Präsidentenstuhl wähle, unter denen der Sultan selbst sodann den Präsidenten bestimmt. Nachdem Ahmed Risa Bey fast vom ganzen Hohen Hause vorgeschlagen war, ist nun soeben die Kaiserliche Ernennung der Volkswahl gefolgt. Damit hat die gesamte neue Türkei diesem einen Manne das einmütigste, fast grenzenlose Vertrauen bewiesen. Der neue türkische Volksheros ist in Konstantinopel geboren. Er flüchtete, als er der Freiheitsbestrebungen verdächtig wurde, nach Paris und redigierte dort mit großer Hingabe das Blatt der Jungtürken „Meschweret". Trotz verlockender Angebote ließ er sich in seiner Arbeit nicht beirren. Nach zwanzig Jahren der Verbannung in die Hauptstadt zurückgekehrt, begab er sich abermals nach dem Westen und besuchte mehrere Höfe, um sie für die neuer-tandene Türkei zu gewinnen. Seine Reise hatte den besten Erfolg. Seine vornehme Persönlichkeit, die sich schon in der äußern Erscheinung imponierend kundgibt, gewinnt sich von selbst aller Welt Vertrauen. Ahmed Risa Bey ist das jüdische Problern nicht fremd. Er hat in Europa alle Schattierungen der Judenverfolgung niitangesehen. Was er dabei empfunden, ist in zahlreichen Stellen seiner Schriften zutagegetreten. Er hat das Verhalten der sogenannten europäischen Zivilisation dem „minderwertigen" Orient gegenüber sich an Türken wie an Juden in gleicher Weise betätigen sehen und hat die Parallelen wiederholt gezogen. Er muß und wird die jüdischen Renaissäncebestrebungen verstehen und fördern, er, der die türkische zu hoher Blüte hat führen helfen. Die Juden im Militärdienst Der Kammer wird ein Gesetzprojekt zugehen, das die Ausdehnung der Wehrpflicht auf die Nichtmohammedaner zum Gegenstand hat. Alle jungen Mannschaften bis zum Alter von 21 Jahren werden eingezogen werden. Die übrigen werden wie bisher die Militärsteuer bezahlen, um für ihre Nichtverwendung ein Äquivalent zu bieten. Nichtmohammedaner werden fortab auch als Schüler in die staatlichen Militärschulen aufgenommen. Wir werden also in kurzem eine Reihe jüdischer Offiziere haben. Wahl ins Mischlisch umumi Im Mischlisch umumi soll ein freier Sitz aufs neue zur Besetzung kommen. Der Kaimakam Chachambaschi rat die Aschkenasim-Gemeinde aufgefordert, ihren Gewählten auf diesen Posten zu entsenden. Infolgedessen hat die Gemeinde für morgen Wahlen anberaumt. Unter den zwei aufgestellten Kandidaten figuriert unser Gesinnungsgenosse Dr. Wellisch. Eine Wendung in der Chachambaschi-Affäre Die Überraschung, die ich voraussagte, ist eingetreten. Die Orthodoxen- und Antialliance-Partei, die rastlos am Werke war, hat einen großen Schlag gegen Chaim Nahum geführt. Die orthodoxen Oberrabbiner von England, Holland und einer Reihe von Städten Deutschlands haben in einem geharnischten offenen Brief an die zwanzig Mitglieder des Konstantinopeler Waad ruchmi, die die aufgestellten Kandidaturen zu billigen oder zu verwerfen haben, gegen die Aufstellung Nahums Protest eingelegt. Es steht kaum zu erwarten,, daß die zwanzig Rabbiner sich dem Einfluß dieser Kundgebung entziehen werden. Somit ist Nahum aus allen seinen Himmeln gestürzt. Man will bereits wissen, daß er entmutigt jede fernere Hoffnung auf die Chachambaschiwürde habe fallen lassen. Die einzige Chance, die ihm bleibt, ist nun, wenigstens den immerhin noch bedeutungsvollen Posten des Kapu-Kaja (Sekretärs) des Großrabbinats gewinnen zu können. Der Siegeszug des Zionismus Die europäische Türkei klingt mehr und mehr von seinem Namen wieder. Es ist, als wenn ihn die Winde weitertrügen. Denn eine Propaganda tut es nicht. Im Gegenteil haben die Zionisten bisher die größte Zurückhaltung walten lassen. Aber die Gemüter sind einmal für ihn reif. Sie drängen sich selbst zu seinen Fahnen. Noch hat die Organisation keine festen Formen angenommen, aber der Gedankenaustausch, die Aufklärung, fliegt hin und her. Die Saloniker Presse ist dem Zionismus ausnahmslos ergeben. Der längst dort angekündigte offene Brief unseres Generalsekretärs ist an leitender Stelle des „Journal de Salonique" erschienen und hat nachhaltigen Eindruck hervorgerufen. Zweifelsohne werden sämtliche jüdischen Blätter, auch die in der Hauptstadt, ihn reproduzieren oder gebührend von ihm Kenntnis nehmen. Die Aufnahme der Glückwunschdepesche im Parlament ist ebenfalls nicht unbemerkt geblieben. Der Konstantinopeler „Tiempo" bringt Nummer für Nummer modern gehaltene Artikel, die ganz in der Richtung unseres Gedankens liegen. Der Einfluß dieses vortrefflichen und angesehenen spanlolischen Organs für die Aufklärung der Geister ist nicht zu unterschätzen. * * * Wir reproduzieren unsern Lesern heute das Bild von Nassim Effendi Massliach, des Deputierten von Smyrna. Er wurde zu Magnesia in Kleinasien geboren, lag seinen Studien in der Idadiehschule in Smyrna ob und besuchte später die Rechtsfakultät in Konstantinopel. In seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre war er bereits Mitglied der Advokatenkammer, wo er sich als ausgezeichneter Redner hervortat. Später wurde er vom Justizminister, der seine großen Kenntnisse anerkannte und schätzte, nach Salonik versetzt, wo er das Amt eines Vizepräsidenten des Handelsgerichts bekleidete. Als aktives Mitglied des Jungtürkischen Komitees in Salonik trat er bei der Verfassungsbewegung ganz besonders hervor. Seine Kandidatur ist von den Jungtürken und Juden mit gleicher Bereitwilligkeit aufgenommen und zum Siege geführt worden. Über Behor Effendi Aschkanazi, den jüdischen Senator, dessen Bild wir gleichfalls bringen, finden unsere Leser in der vorigen Nummer Näheres.