Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-01-01 · 1 (1.1.1909) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316351--51418-3345100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 1 DIE^qKELT 7 Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Das Parlament an der Arbeit Die Festmusik ist verklungen, der Straßenjubel verrauscht. Die Flammenschiffe am Bosporus sind in nüchterne Panzer und Segler zurückverwandelt, die Holzgitter vor den Fenstern der Frauengemächer in Stambul schlugen zu und verschließen ihre schönen Geheimnisse undurchdringlich wie ehemals. Am Winterhimmel brüten wieder die Wolken. In seinem Parlament aber sitzt das neue türkische Volk an der Arbeit. Kein einziger „großer Tag" bisher! Jeder Vergleich mit der Pariser Nationalversammlung unmöglich; ja, die Duma eröffnete mit ganz anderm Glänze. Aber das ist erklärlich. Nicht bloß, weil hier die großen Männer fehlen, die dem ersten russischen Parlament seine gewaltige Potenz verliehen. Auch die Intelligenzen zweiter Instanz, die die Blüte der jünglingsjungen ottomanischen Nation ausmachen, hätten wohl hingereicht, aus den großen Momenten jene großen Worte zu schlagen, die den großen Volkstagen ihre BEHOR EFFENDI ASCHKANAZI Ewigkeit geben, Aber eben die großen Momente fehlen. Es fehlt die Gefahr, die Spannung, das glühende Fieber des Kampfes; das Auflodern der niedergepreßten Freiheit, das Klirren der abgeworfenen Ketten. Das ist hier alles vorüber. Das ottomanische Parlament ist kein Kampfbeginn, sondern einer Entwicklung Ende; die ganze Freiheit der Türken ist in Wahrheit schon da, nur noch auszugestalten, zu entwickeln, zu differenzieren. Gefechte werden noch folgen: gegen die sultanische Autorität, die noch nicht so auf einmal verenden möchte, gegen die Reste der Reaktion im Senat, die sich mit monatlich hundert Pfund dort einen behaglichen Ruhestand geschaffen, — aber das alles werden Hintertreffengefechte bleiben. Die Hauptschlacht ist längst in Salonik geschlagen. So hat die türkische Gemächlichkeit auch in dem Volkshause, in dem nun die Geschicke eines Weltreiches geboren werden sollen, ZeitundRaum gefunden. Die unendlich umständlichen Validationsakte, Bureauwahlbestimmungen, Kommissionenbildungs - Komplikationen, dieser ganze bureaukratische Apparat, den die neue ottomanische Verfassung noch mit hundert Extraschönheiten dem anderer Parlamente gegenüber bedachte, scheint zum Temperament der orientalischen Deputierten geradezu innig zu passen. Das „jawäsch-jawäsch", das „immer langsam voran" der Türken findet ausreichende Betätigung. Immerhin gehen die Parlarnentsgeschäfte vorwärts. Die Eröffnungssitzung wurde nicht lange nach der Verlesung der Thronrede und nach der Abfahrt des Sultans geschlossen. Nur noch die Vereidigung der Deputierten auf die Verfassung erfolgte. Fast wäre es in dieser ersten Sitzung zu einer Krise gekommen. Die Vertreter des Volkes hatten vorher den Schwur des Sultans auf die Verfassung erwartet; aber dieser Schwur blieb aus, und es wollten infolgedessen auch die Deputierten den ihrigen verweigern. Aber alles erledigte sich auf echt türkische Art: nicht in einer flammenden Protestdiskussion der Kammer, sondern still hinter den Kulissen; zwischen den beiden, vielleicht den eigenwilligsten Charakterköpfen der neuen Türkei, dem Großwesir Kiamil Pascha und dem Führer - der Jungtürken, Ahmed Risä Bey. Die Volksvertreter gaben nach; es mußte ihnen genügen, daß der Sultan schon einmal, vor Monaten, in Gegenwart des Scheik-ül-Islam, auf den heiligen Koran die Verfassung beschworen. Und so leisteten auch sie nachgiebig ihren Eid, den merkwürdigsten, den jemals Volksvertreter gesprochen: dem Herrscher treu zu bleiben, solange er, der Herrscher, der Verfassung Treue bewahre; und die Kinder des Islam, die Juden und die Christen bekräftigten alle den Schwur mit den schlichten hohen zwei Worten: „Allahi Billahi!" In der abgelaufenen Parlamentswoche kamen dann die unzähligen Wahlen in die fünf kleinen und die große Gesamtkommission, schließlich in das Präsidium. Zwischendurch die endlosen Verlesungen der Glückwunschtelegramme und die quasi Sensationen der Tage, die Prüfung der Mandate. Für uns Juden und Zionisten gab es drei Ereignisse von einiger Bedeutung. Das erste: der Weg in den Vordergrund, den zwei NASSIM EFFENDI MASSLIACH der jüdischen Deputierten, ganz besonders der eine, von der ersten Stunde an nahmen. Nassim Massliach, der jüdische Vertreter für Smyrna, wurde erst als Mitglied und Sekretär in eine der fünf Mandatprüfungskommissionen, dann zum Sekretär der großen Kommission gewählt, die die Antwort auf die Thronrede auszuarbeiten hatte. Und auch der Saloniker Carasso trat als Mitglied in eine dieser Körperschaften ein. Ja, Nassim Massliach ist gestern sogar unter die Kandidaten für das Kammerpräsidium getreten, indem er zum Sekretär des Parlaments vorgeschlagen wurde. Und da er als solcher, wie ich aus authentischer Quelle erfahre, auf der Liste des Jungtiirkenkomitees figuriert, darf seine schließliche Wahl durch die Majorität aisziemlich sicher gelten. Damit hätte die jüdische Nation äußerlich eine angesehene Stellung im türkischen Parlament errungen. Die Posten für den Präsidenten und ersten Vizepräsidenten sind, nach den Ergebnissen der ersten Wahlen, beide Muhammedanern vorbehalten. Man darf wohl annehmen, daß der Platz des zweiten Vizepräsidenten zumindest einem Vertreter der christlichen Nationen, einem Griechen oder Armenier, wird überlassen werden. Immerhin werden diese in der Repräsentation des Hauses, wenn die Wahl des Juden Massliach zur Tatsache wird, uns gegenüber keinen wesentlichen Vorzug haben. Und das ist zu begrüßen: nicht aus Gründen der Mißgunst oder Eifersucht, sondern, damit nicht auch hier, wie anderwärts in der Welt, unser Volk in den Veigessenheits- oder Schandewinkel gerate. Das zweite Ereignis war der Antrag eines Griechen, das Parlament wie am Freitag (dem muhammedanischen Ruhetage), so auch am Sonntag feiern zu lassen. Zwar ist es weder zu einem Beschluß noch auch nur zur Diskussion über den Vorschlag bisher gekommen; aber in den Couloirs und Komitees wird er überaus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.