Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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den „Amerikanismus" zu dämpfen, um seine ärgsten Verzerrungen los zu werden, als nationale Kulturen, und zu diesen kann es nur durch entschiedene Abkehr von seinem Schmelztiegel-Ideal gelangen .... (Schluß folgt) Was ist die Ölbaumspende? Das Palästinaressort verbreitet nachstehendes Flugblatt: Als in den achtziger Jahren durch die ersten Judengesetze in Rußland über ein Volk von Millionen namenloses Elend heraufbeschworen wurde, begann man in Palästina — teils mit den Millionenspenden großer Philanthropen, teils durch Privatinitiative eingewanderter Juden — jüdische Kolonien zu gründen, deren Zahl inzwischen auf 25 angewachsen ist und die sich zum großen Teil selbst erhalten. Einige sind zu blühenden, wohlhabenden Dörfern geworden. Hier sitzt der jüdische Bauer, der einst in Rußland und Rumänien als Krämer oder kleiner Handwerker unter der Willkür seines barbarischen Wirtes seufzte, hier sitzt er als freier Mann auf eigner Scholle und ernährt sich und seine Familie in friedlicher Arbeit durch seiner Hände Fleiß. Die Lage der Juden Rußlands und Rumäniens hat sich in den letzten Jahren noch furchtbarer gestaltet, während anderseits die Möglichkeit der Auswanderung durch scharfe Gesetzesbestimmungen Englands und Amerikas beschränkt worden ist. Dieses Elend mahnt uns, das Werk der Kolonisation im Orient mit Energie weiter zu betreiben. Die aiten Kolonien müssen vergrößert, neue geschaffen werden. Es gibt mehrere Organisationen, die sich dieser schwierigen Aufgabe mit" Hingebung widmen. Diese Arbeiten können jedoch nur in langsamem Tempo fortschreiten. Sie erfordern große Kapitalien, mancherlei vorbereitende Anlagen und ein landwirtschaftlich geschultes Menschenmaterial. Aber die Not der Zeit drängt! Wir müssen uns auch solcher Methoden bedienen, die uns in die Lage setzen, in schnellerem Tempo die Zahl der produktiv tätigen Juden im Lande zu vergrößern und unsern Besitz an Boden mit einem weniger geübten Menschenmaterial auf billige, leichte und doch rentable Weise auszunutzen. Hierzu eignet sich in erster Linie die Kultur des Ölbaumes. Palästina, die Urheimat des Ölbaumes, ist noch heute eines der geeignetsten Länder für diese Pflanzungen. Während der Getreide-, Plantagen- und Gemüsebau, der in vielen Teilen des Landes mit gutem Erfolge betrieben wird, nicht nur Fleiß, Zeit und Sachkenntnis, sondern auch genügende Bewässerung und eine spezielle Eignung des Bodens erfordert, ist die Pflege des Ölbaums eine ziemlich leichte, und stellt an den Boden die denkbar bescheidensten Ansprüche. Überall in Palästina, an der Küste, im Flußtal, im Gebirge, selbst auf steinigem Boden, gedeiht dieser Baum. Da seine Anlage- und Unterhaltungskosten relativ gering sind, und da auch keine besondern Bewässerungsanlagen, d e z. B. die Pflanzung von Orangenplantagen so wesentlich verteuern, für den Ölbaum notwendig sind, so ist es möglich, immer entsprechend den verfügbaren Mitteln ein kleines Stück Landes nach dem andern zu bepflanzen. Zugleich aber würde mit diesen Pflanzungen eine weitere wichtige Aufgabe erfüllt: dieWiederauffors'ungPalästinas. Bekanntlich war das Land in alten Zeiten von erstaunlicher Fruchtbarkeit; damals aber waren Berg und Tal von reichen Wäldern bestanden, die in den folgenden Jahrhunderten der Verwahrlosung und Verwilderung abgeholzt wurden. Jedermann weiß, welch enorme Bedeutung ein großer Waldbestand für Landwirtschaft und Klima eines Landes hat. Stellt somit die Ölbaumpflanzung die bequemste und rationellste Ausnützung des Bodens dar, so eignet sie sich für unsere kolonisatorischen Zwecke noch besonders insofern, als sie für zahlreiche neue Einwanderer, denen landwirtschaftliche Übung und Erfahrung abgeht, Erwerbsmöglichkeiten schafft. Die Pflege der Bäume ist eine so einfache, daß sie zunächst von den bereits ansässigen Kolonisten in den arbeitsfreien Monaten versehen werden kann. Entstehen dann umfangreichere Baumanlagen, so können neue Familien ansässig gemacht werden, die für diese Arbeiten leicht anzulernen sind. Es kommen hierfür nicht nur solche Arbeiter in Betracht, die überhaupt noch nicht landwirtschaftlich gearbeitet oder die sich für schwierigere Zweige der Landwirtschaft als nicht geeignet erwiesen haben, sondern auch solche, die in andern Erwerbszweigen beschäftigt sind und auf diese Weise einen lohnenden Nebenerwerb finden können. Bei all diesen Vorzügen stellt die Ölbaumkultur aber auch eine sehr rentable Anlage dar, die uns für Jahrhunderte hinaus ansehnliche Überschüsse zu liefern imstande ist. Zunächst erfordert, wie bereits erwähnt, die Anpflanzung keine besonders großen Mittel. Weder ist ein teurer erstklassiger Boden hierfür erforderlich, noch bedarf es kostspieliger Bewässerungsanlagen. Auch geben die Bäume bei rationeller Ptlanzmethode bereits nach fünf bis sechs Jahren Erträge, und es lassen sich während der ersten Jahre noch durch Zwischenkulturen (Getreide, Früchte,; Ölsaaten, Faserpflanzen) Gewinne erzielen. Nun betragen die. gesamten Pfianzungs- und Erhaltungskosten während der ersten. Jahre, bis zur Selbsterhaltung durch eigne Erträge, nach den Berechnungen der Palästinakommission für jeden Baum nur 6 Mark.; Gegenüber diesen geringen Pfianzungs- und Betriebskosten ist zu erwägen, daß der Ölbaum der langlebigste Repräsentant der Kulturpflanzen ist und ein Alter #von 300 bis 400 Jahren und darüber, erreicht. Die Gefahr einer Überproduktion ist ausgeschlossen. Die Olive dient zunächst der Bevölkerung als Nahrungsmittel, und die; aus den Oliven gewonnenen Produkte — Öl und Seife — erfreuen, sich der größten Sicherheit des Absatzes; vor allem bietet das. Nachbarland Ägypten, das seinen karg bemessenen Fruchtboden für höherwertige Kulturen braucht, für diese Produkte einen unerschöpflichen Markt. Die Bereitung der Seife würde zudem einen neuen Industriezweig darstellen, der wieder zahlreichen Einwanderern Erwerbsgelegenheit böte; schon heute sind die ersten Ansätze einer modernen maschinellen Ö!- und Seifenindustrie im Lande vorhanden. Eine einfache Berechnung ergibt, daß, wer heute 6 Mark für einen Ölbaum stiftet, mit dieser relativ kleinen Spende für mehrere Jahrhunderte hinaus einen Jahresbeitrag von 2.40 Mark entrichtet hat. Die Ölbaumspende erfreut sich unier den deutschen und österreichischen Juden einer steigenden Beliebtheit; die Sammlung der drei letzten Jahre hat schon über 15 000 Bäume ergeben, mit deren Anpflanzung bereits begonnen worden ist. Würden nun aber 100000 Bäume gespendet, so bedeutete das für später eine jährliche Reineinnahme von 240000 Mark, eine beträchtliche Summe, mit der wir wesentlich zur kulturellen Hebung des Landes beitragen könnten, sei es nun, daß man Bildungsstätten in Palästina aus diesen Einkünften schafft und unterhält, sei es, daß man die Einnahmen zur Gründung neuer Siedlungen benutzt. Somit wird die Ölbaumspende nicht nur der leichten und bequemen Ausnützung unseres Besitzstandes an Boden, nicht nur einer rascheren Vergrößerung des Ansiedlungswerkes, sondern auch für Jahrhunderte hinaus hohen kulturellen Zwecken zu dienen berufen sein. Es ist somit Ehrenpflicht eines jeden Juden, diese Institution auf das nachdrücklichste zu unterstützen. Durch eine Ölbaumspende (6 Mark) soll ein jeder von uns bei freudigen Anlässen seinen Empfindungen sichtbaren Ausdruck geben. Einen"Ölbaum spende man Eltern, Kindern und Freunden zum Gebuitstage oder bei frohen Ereignissen, einen Ölbaum dem Brautpaare und dem jungen Ehepaare, dem Bar-Mizwah und dem Neugeborenen! Einen Ölbaum aber pflanze man auch den verstorbenen Eltern an jedem Jahrzeitstage! E;n jeder mache es sich zur Pflicht, von Jahr zu Jahr mindestens einen Baum zu stiften! Es empfiehlt sich auch, sich selbst einer dauernden Kontrolle über die regelmäßige Erfüllung dieser Pflicht dadurch 2U unterwerfen, daß man dem Verein „ölbaumspende" beitritt, dessen Jahresbeitrag in der Stif!ung zweier Bäume besteht. Wer fünf Ölbäume spendet, erhält ein künstlerisch ausgestattetes Diplom. Jeder Spender erhält — abgesehen von dem Zeitungsausweis — eine Quittung in Form einer künstlerisch ausgestatteten Karte, die mit einer geschmackvollen Titelzeichnung versehen, und in der der Name des Spenders und dessen, dem die Spende gilt, eingetragen ist. Wer eine solche Quittungskarte zum Geschenk erhält, wird sich der sinnigen Gabe freuen und sie höher schätzen als Tand und vergängliches Gut. Auch Ölbaumsammlungen sollten bei Zusammenkünften und Festlichkeiten, besonders bei Hochzeiten, zur Ehrung des Gefeierten oder der ganzen Gesellschaft, vorgenommen werden. Ebenso sollte bei Nachlässen der Ölbaumspende gedacht werden. Wer 100 Bäume stiftet, daß heißt 600 Mark einzahlt, hat das Recht, die Anlage eines besondern Gartens auf den von ihm gewünschten Namen (auf einem ungefähr 1 Hektar großen Terrain) in einem der Haine oder Wälder des Vereins zu beanspruchen. Als Minimum zur Anpflanzung eines besondern Hains wird der Betrag von 6000 Mark (1000 Bäume) bestimmt. Nichts eignet sich so sehr zur Verewigung eines teuren Toten wie die Stiftung eines Ölbaumhains oder -gartens auf seinen Namen! — Angesichts der furchtbaren Lage, in der sich unsere östlichen Brüder befinden, sei sich jeder Jude der Wichtigkeit dieser Aufgabe bewußt! Trage ein jeder sein Scherflein dazu bei, einen neuen, reichen Waldbestand, in Palästina zu schaffen, der den armen Bewohnern des Landes zu einer Quelle des Segens und Wohlstandes werden soll!