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Die Welt · 1909-01-01 · 1 (1.1.1909) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 1 dies|kelt wieder die Frage offen: Wie weiß man, ob diese Außenstehenden im Namen des werdenden Volkes sprechen dürfen? Wer erteilt ihnen die Legitimation hierzu. Und wie kann sich jemand, der z. B. die volle Amerikanisierung der Deutschen als eine Zukunftssicherheit betrachtet, dafür verbürgen, daß auch die Slawen oder Juden in die neue Nation aufgehen werden? Steht es denn nicht schon heute fest, daß die verschiedenen Völker einen ungleich großen Assimilations- Koeffizienten haben? Und ergibt sich nicht aus der Geschichte der letzten hundert Jahre, daß mit dem Wachsen des Wertes alles Persönlichen dieser Koeffizient bei allen Völkern immer schwächer und schwächer wird, mit andern Worten, daß ihre Lebensbeharrlichkeit immer mehr zunimmt? Und nun sollte, während selbst der nachgiebige Lebenswille von früher oft genug der Assimilationskraft eines starken, lebenden, jungen oder ausgereiften Volkes mit Erfolg widerstand, — der gesteigerte Lebenswille von heute vor einem werdenden, also ungeborenen Volkstum kapitulieren müssen? Das ist die Unwahrscheinlichkeit selbst. Und wer aufmerksam beobachtet und prüft, was in Amerika vorgeht, wird auch nirgends dauernde Ansätze dieser angeblichen Nationsbildung wahrnehmen. Gewiß sind viele fremde Elemente im Laufe der Zeit assimiliert worden. Aber erstens geschah dies zu einer Zeit, wo von einem Massenzufluß nach Amerika noch keine Rede war und wo zweitens das nationale Bewußtsein und die nationale Widerstandslust noch nicht über den Atlantischen Ozean herübergekommen waren, drittens lag damals noch eine wirkliche Anglisierung vor, während diese heute schon durch den Amerikanismus unmöglich geworden ist. Der Amerikanismus hat nämlich gar nichts mit Nationalität zu tun. Weder ist er Ausdruck noch auch nur Keim einer solchen. Der Amerikanismus als Tatsache existiert gewiß, aber er ist keine nationale, sondern eine internationale Zivilisationsform. Er ist ins Groteske verzerrter Europäismus, und die Verzerrung ist durch die Grandiosität der amerikanischen Natur, der amerikanischen Entfernungen unterstützt. Hervorgerufen aber ist sie durch die gleichzeitige Masseneinwanderung der heterogensten Elemente, die alle von einem starken persönlichen Triebe nach Erfolg geleitet sind und unter welchen Unternehmernaturen ohne jede innerliche Gemütsfessel die herrschende, von keinem Geistes- und keinem Kulturadel irgendwelcher Art eingeschränkte Rolle spielen. In Europa verhüten starke nationale Kulturmotive das Wolkenkratzertum im gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichem Leben. Selbst der ausgeprägteste Industrialismus und Kapitalismus kann in Europa nicht jene schaurig oder komisch grotesken Formen des menschlichen Zusammenarbeitens schaffen, die in Amerika mit unheimlicher Geschwindigkeit übereinander wachsen. Einige Anläufe hie und da vielleicht. Im ganzen aber erweist sich der nationalkulturelle Gehalt überall stark genug, um die zivilisatorische Grundlage alles menschlichen Seins nicht so ungeheure Blasen und Auswüchse entwickeln zu lassen wie in Amerika. Im Grunde ist die Idee einer amerikanischen Nation eine Art Anerkennung dieser internationalen und antinationalen Natur des Amerikanismus. Es ist die instinktive Suche nach einem Weg heraus aus diesem modernen Babylon, in dem die Völkerseelen zerrüttet und die Menschenseelen verwüstet werden, zu neuer Sammlung, zu neuer Schönheit, zu neuem Charakter. Aber es ist ein falscher Weg. Denn während man sozusagen auf die neue Nation hinarbeitet, entarten die alten Kulturen immer mehr, in ihrer Entartung wuchert die amerikanische Sozialpsychose fort, und die Aussicht, in diese kranken Gemeinschaftsseelen eine neue nationale Kultur einzuführen, sinkt auf Null. Wenn wenigstens das englische Volkstum diesem Debacle der Kulturen standhalten, wenn es wirklich der gesunde Kern bleiben könnte, um den herum sich vielleicht doch die neue amerikanische Welt kristallisieren könnte. Aber auch das ist nicht der Fall. Im Gegenteil: Der Amerikanismus bedroht und schädigt den Anglizismus ebenso wie alle andern Volkstümer. Nicht so sehr durch das bisher bewußte Sichin-Gegensatz-Stellen zu Alt-England, sondern eben dadurch, daß er seiner Natur nach einen Gegensatz zu allem, was national ist, bedeutet. Und das traurigste ist, daß die Anglo-Amerikaner von dem allgemeinen Wirbel schon zu betäubt sind, als daß sie sehen könnten, wie das, was ja doch ihres Wesens Tiefstes ist und was sie in neuer amerikanischer Form fortzupflanzen glauben, von dem fremden Götzen bedroht wird. Ja, auch fremd! Denn das ist die furchtbarste Ironie dieses beabsichtigten Völkermordes im Namen eines Phantoms; daß dieses Phantom gar nicht oder wenigstens jetzt nicht von denjenigen getragen wird, von welchen man es anscheinend in erster Linie erwarten müßte, — von den Amerikanern englischer Herkunft, sondern von den Fremden. Auch Zwangwill ist dies aufgefallen. Nur sieht er mit schiefem Blick. Die verhältnismäßige Zurückhaltung des altenglischen Elementes gegenüber dem menschenunwürdigen, im tiefsten Grunde auch freiheitsbaren Wirbel, diese unbewußte letzte Auflehnung des tiefen Selbst der Anglo-Amerikaner gegen den Amerikanismus — erklärt er einfach als Rückständig- und Gesättigtwordensein. Und das richtungs- und sinnlose Gepolter der eben Herübergekommenen und sofort Gefallenen erscheint ihn als eine einzige große Freiheitshymne, gesungen zu Ehren der angeblich im Geborenwerden begriffenen Mater Amerika. Nein, was „amerikanisch" geworden ist an den Einwanderern, bietet wenig Spielraum für Bewunderung und Verherrlichung. Im Gegenteil: nur mit dem Reste ihres Mitgebrachten lösen sie Sympathien aus. Vom Amerikanismus ausgemergelt, haben sie doch nicht alle Fühlung mit ihrer Volksseele verloren. Wie würden sie sich sonst in eignen nationalen Quartieren sammeln? Ein Fünkchen eigner Seele ist geblieben, und dieses Fünkchen wartet vielleicht auf neue lodernde Kraft. Ja, wer zufällig nicht die Blindheit der Tagesmenge teilt, sieht sogar deutlich die sich mehrenden Anzeichen nationaler Wiederbesinnung. Sie sind fast bei jeder in Amerika vertretenen Nation festzustellen. Vielleicht wird es nicht allen gelingen. Vielleicht wird die eine oder die andere weitersiechen und vielleicht zuletzt doch im Engländertum (nicht indem legendären Amerikanismus) aufgehen müssen. Aber für die Mehrzahl muß die nationale Erholung möglich werden. Es ist nicht auszudenken, was sonst aus Amerika werden sollte. Es gibt für dieses gesegnete Land, das einst die halbe Menschheit beherbergen wird, keinen andern Weg, um 9

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