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Die Welt · 1909-01-01 · 1 (1.1.1909) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Wahrlich, man kann Zangwill nur dankbar sein. Indem er die alte „Schmelztiegel"-Theorie in ihrer wahren und vollen Gestalt auf die lichtübergossene Bühne von Washington stellte, hat er zustandegebracht, was von der andern Seite niemanden gelang: die amerikanische Judenheit ist stutzig geworden. * * * Der Amerikanismus ist im Grunde nichts Neues. Wir hatten in Europa ähnliche Erscheinungen und haben sie noch: auf einem Staatsterrain leben mehrere Völker zusammen. Eines davon ist durch gewisse, nicht immer bessere Eigenschaften oder infolge eines geschichtlichen Vorsprunges zum Staatsvolk par excellence geworden. Es entsteht die Fiktion eines Nationalstaates, es bildet sich eine Art staatsnationale Idee und ein staatsnationaler Fanatismus heraus, der nicht weiß oder nicht wissen darf, was er will. Mit der Zeit aber lernen es die andern in ihrer nationalen Entwicklung gestörten Volksstämme zu ahnen und beginnen sich zu wehren. Die nationale Konstruktion entlarvt sich immer mehr als solche. Und für die repräsentierende Staatsnation endet die ganze widernatürliche Expansion schließlich nur mit einer Bloßstellung und mit einem Defizit an wahrer nationaler Energie. Von diesen seinen europäischen Analogien unterscheidet sich nun allerdings der Amerikanismus durch mehrere Momente: erstens durch die Grandiosität der Erscheinung, die sich in den hohen Völker- und Bevölkerungsziffern ausdrückt. Dann dadurch, daß der Prozeß der Nebeneinander- und Durchsinanderschichtung der Völker, in vollem und raschem Fluß begriffen, noch gar nicht abgeschlossen ist. Es fehlt der geschichtliche Hintergrund für die nationale Sonderentwicklung. Einen fernem Unterschied begründet derMangel der historischen Territorien für die verschiedenen Völker. Und schließlich handelt es sich hier angeblich nicht um eine fertige, sondern um eine neue Nation, die erst aus allen diesen Völkern gebildet werden soll oder schon im Entstehen begriffen ist. Das erste Moment ist offenbar nur formaler Natur und ändert daher an der Analogie nichts. Das zweite verliert seine Bedeutung, sobald man nur an dem einmal eingenommenen Standpunkt der nationalen Souveränität festhält. Dieselbe Entwicklung, die das Herrenvolk seines am Ende auch historischen Vorrechts entkleidet, begründet gegebenenfalls auch das persönliche Lebensrecht jedes Volkes, ohne daß sich dieses erst lange auf geschichtliche Vorspiele berufen muß. Das zweite Moment wird von den Gläubigen des Amerikanismus besonders gern ins Treffen geführt. Man könne doch Amerika nicht mit Österreich oder * Ungarn oder der Türkei vergleichen. In diesen Staaten seien die verschiedenen Nationen denn doch voneinander territorial abgegrenzt, und diese Tatsache sei es, welche ein Minimum nationaler Verwaltung verbürgt und letzten Endes die Auserwähltheitsgelüste des repräsentativen Staatsvolkes besiege. In Amerika aber wohnen die Völker nicht auf ihren eignen Territorien, sondern im bunten Durcheinander. Da sei nicht einmal das Minimum nationaler Sonderverwaltung gewährleistet und die nationale Präponderanz eines Volkes eine unbedingte kulturelle und wirtschaftliche Notwendigkeit. In dieser Beweisführung ist das Tatsächliche nicht ganz richtig, die Schlußfolgerung einfach falsch. Nicht ganz richtig ist, daß in den europäischen Nationalitätenstaaten die einzelnen Völker durchaus auf getrennten Territorien wohnen. Bezüglich der Masse stimmt es wohl, aber ganz beträchtliche Teile der einzelnen Nationen wohnen bruchstückweise durcheinander, schichtenweise ineinandergeschoben. Und da auch bezüglich dieser Schichten und Bruchstücke immer mehr der Anspruch auf ungestörte nationale Lebensführung sich befestigt, die bezügliche Praxis immer mehr durchdringt, so erweist sich die für Amerika gezogene Schlußfolgerung schon auf europäischem Boden als nicht ganz zutreffend. Heute wird man einer Nation, die des Territoriums entbehrt, nicht mehr zumuten dürfen, daß sie sich deshalb ihr nationales Lebensrecht einfach negieren lassen soll. Und gerade in Amerika, wo der nationale Territorialitätsbegriff ganz fehlt, selbst der englische Kristallisationskern über kein Territorium verfügt, wird man es am allerwenigsten tun dürfen. Ein wirklich wesentlicher Unterschied zwischen Herrenvolksbestrebungen, wie sie inEuropavorgekommen sind und noch vorkommen, und dem Amerikanismus liegt nur darin, daß jene von einem bestehenden Volke ausgehen, während dieser im Namen eines werdenden Volkes auftritt. Daran kann kein Zweifel sein, obwohl die Tagesphrase in Amerika von der amerikanischen Nation als einer fertigen Tatsache spricht. Das geschieht nur zufolge Verwechslung nationaler und staatlicher Begriffe, vielleicht auch aus Gründen der Politik heraus. Wenn aber der Amerikanismus sich theoretisch fundieren, wo er sich von einem großen historischen Hintergrunde abheben will, da tritt die ganz klare und ohne allen Vorbehalt gesprochene Ansicht hervor, daß sich in Amerika ein gewaltiger Prozeß abspiele: die Vorbereitung aller der über das Wasser herüberkommenden Menschenmassen verschiedener Sprache und Nationalität zu einer englisch sprechenden, aber nicht englischen, sondern ganz neuen, amerikanischen Nation. Und so stark ist diese Vorstellung im Amerikanismus, daß seine Träger die angebliche und angeblich notwendige Entwicklung durch zweckbewußte Tätigkeit zu fördern unternommen haben. Die Volksschule ist darauf zugeschnitten, aus den Kindern aller Einwanderer englisch sprechende und amerikanisch fühlende Menschen zu machen. (Siehe Zitat im ersten Teile des Artikels.) Und es verdient als interessantes Detail festgehalten zu werden, daß die dialektischen Änderungen, welche das Englische in Amerika erfahren hat, von den Schulen mit Bewußtsein in die offizielle Grammatik der englischen Sprache übernommen werden. Das heißt, es besteht eine Tendenz, die beginnende Differenzierung zwischen dem Englisch der Engländer und dem Englisch der Amerikaner zu erhalten, zu erweitern, zu vertiefen. Nun ist dies alles ja ganz interessant und, wenn man will, als Programm sogar grandios. Aber es braucht deshalb noch nicht richtig und aussichtsvoll zu sein. Zunächst ist ein Zweifel daran erlaubt, ob ein werdendes Volk schon ein genügendes Etwas ist, um überhaupt dies oder jenes anzusprechen, zu fordern, zu wollen? Woher sollte es das Bewußtsein seines Werdens nehmen? Ein Werdender kann doch gemeiniglich erst hinterdrein sein Gewordensein konstatieren. Will man aber in denjenigen einzelnen Menschen, welche die Forderung aufstellen, Außenstehende sehen, die ganz gut Beobachter und Feststeller des Werdens sein können, dann bleibt

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