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Die Welt · 1909-01-01 · 1 (1.1.1909) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 1 D1E1 aufgebaut ist. In einer kulturpolitischen Organisation werden die einmal gesammelten Kräfte, wenn sie auf derzeit unüberwindlichen Widerstand stoßen, in Reserve versetzt, respektive innerhalb des Systems anderweitig beschäftigt und in Übung erhalten. Sodann wird die Aufgabe in Evidenz gehalten und bei der ersten sich ergebenden günstigen Gelegenheit neuerdings ein Vorstoß versucht. Ein Fortschritt des Zionismus kann nur durch ein auf. allen Bahnen gleichzeitiges und abwechselndes Weiterschreiten stattfinden. Und ist dieses Ideal einer nach allen Richtungen sich entwickelnden Arbeit nicht in jeder Orts- oder Landesgruppe zu erreichen, so muß es sich aus dem Ganzen ergeben. Es schadet nicht, wenn an einem Orte mehr vereinsorganisatorisch, an einem andern hingegen mehr massenerzieherisch gearbeitet wird. Gewisse Pflichtarbeiten der Parteigesamtheit müssen überall geleistet werden; außerhalb dieser Funktionen hingegen muß sich die Arbeit je nach den menschlichen tAnlagen und Verhältnissen insofern differenzieren, daß hier die eine, dort die andere Seite der vorbereitenden Mittel mehr in den Vordergrund tritt. Die einzelnen Gruppen gleichen einer Kette von Touristen, welche, untereinander durch ein Seil verbunden, den Gletscher bezwingen. Abwechselnd müssen da die einen oder andern stillstehen und Atem holen, um den dritten über jene Stellen zu heben, wo er nicht Fuß fassen kann. Je mehr Teilsiege da und dort erfochten werden, desto höher steigt die Aussicht, daß der gewonnene Machtzuwachs nunmehr einer Wiederaufnahme der unterbrochenen Bemühungen zu statten kommen werde. Die Hauptsache ist, daß überall tüchtig gearbeitet werde, und daß alle Fäden in einem Zentrum zusammenlaufen, damit sich eine möglichst freie und vielseitige, aber auch möglichst starke Organisationseinheit erhalte. Diese Einheit ist — um im Bilde zu verbleiben — das Touristenseil, das nicht dem einen oder dem andern, sondern dem Ziele: der Erreichung des Gipfels dient. Für beide Hälften der Arbeit, für die innere und die äußere, wie auch für beide Grundbedingungen des Erfolges, für die Klarheit und die Kraft, ist die Einheit die notwendigste Vorbedingung. Diese Einheit hat nicht nur einen technischen Wert; sie hat eine Ewigkeitsbedeutung. Sie ist nicht nur eine nüchterne Forderung; sie ist auch ein Symbol, das den Zukunftsgedanken verkörpert, eine Perspektive, eine Vorfrucht jenes Zentrums, das wir noch nicht erreicht haben, eine Vorbereitung für die kommende Tat, für die kommende Realität. Assimilanten brauchen diese Einheit nicht. Ihr Ideal ist das Getrennt-sein, um in andern Einheiten desto leichter aufzugehen. Dort will und geht alles über s;ch heraus, hiermit aus sich selbst heraus und verliert somit alle Wesenheit und Bestand. Die jüdische Einheit liegt im Goluthleben ohnmächtig darnieder. Der Geist der Zwietracht geht um, und ein unentwirrbarres Durcheinander von Interessen steht der Herstellung einer Harmonie im Wege. Die Trennung, die Lokalisierung — dies der Name jener Kluft, die uns von uns selber trennt, jene Zerrissenheit, die in uns wühlt. Sie ist schuld, daß wir eine Arbeit nicht leisten, welche wir könnten und müßten. Deshalb müssen wir, trotz all unserer Unterschiede und Nüancen, für das große und gemeinsame Ziel zusammenhalten! _ n: s. £ELT — — 3 Der Amerikanismus und die Juden Von Mathias Acher Das neue Drama Zangwills „Der Schmelztiegel", welches das amerikanische Problem behandelt, wurde jüngst in Washington in Gegenwart Roosevelts aufgeführt. Der gewesene Präsident der Vereinigten Staaten zeigte und erklärte sich entzückt. Und das ist nicht zu verwundern. Denn Roosevelt ist geradezu die Verkörperung der Tendenz, von welcher das Stück getragen ist. Mit dem Schmelztiegel ist Amerika selbst gemeint: Menschen aller Rassen und Völker werden hineingeworfen, um zu einem Volke zusammenzufließen. Und so ungeheuer erscheint Zangwill die Leistungsfähigkeit, so furchtbar die Unerbittlichkeit dieser Völkerschmelze, daß er das Äußerste wagt, um sie symbolisch zu veranschaulichen. Er führt uns einen jungen Juden vor, der drüben in Kischenew Eltern und Geschwister verloren hat, sich dadurch aber nicht hindern läßt, in Amerika ein russisches Mädchen zu heiraten, in dessen Vater er den Anführer der Pogromczyki erkennt. Eine kurze Gewissenskrise nur, über welche die Besinnung auf Amerikas völkerverschmelzende Mission dem Jüngling rasch hinweghilft! Es ist merkwürdig, daß die jüdische Öffentlichkeit Amerikas von dieser Offenbarung Zangwills wenig erbaut ist. Nun, da er es so kraß heraussagt, dieses fürchterliche: Stirb! — will plötzlich niemand sterben. Und doch hat er in den entscheidenden Punkten im Grunde nichts anderes gesagt, als was man seit jeher in jüdischen und jüdischsten Kreisen Amerikas täglich und stündlich in den verschiedensten Tonarten und bis zur Erschöpfung anhören mußte. Ich weiß es ja aus Erfahrung. Nicht zwei iVlinuten konnte ich über das Thema Amerika mit jemanden diskutieren, nicht zwei Zeilen darüber lesen, ohne auf die Schmelztiegeltheorie und einen wahren Fanatismus in ihrer Vertretung zu stoßen. Freilich wissen viele die mit dieser Theorie für das Leben verbundene Verantwortung nicht einzuschätzen. Ihre jüdische Gesinnung muß nicht allzu kurz dabei kommen. Sie setzen einfach alles Unvereinbare in friedlichen Worten nebeneinander. Wie dies geschieht, davon legt ein Artikel, der kurz vor Aufführung des Zangwillschen Stückes in einem religiöskonservativen und ziemlich national gehaltenen Blatte erschien, beredtes Zeugnis ab. Dort heißt es bei Besprechung der amerikanischen Volksschule wörtlich: „Die Schulen nehmen Fremde auf und geben fertige Amerikaner heraus. Sie nehmen Kinder verschiedener Nationalitäten auf, mit verschiedener Sprache, verschiedenen Naturen, verschiedenen Neigungen, — und geben Kinder heraus, die ein Volk bilden, ein amerikanisches Volk mit amerikanischen Idealen und amerikanischen Sitten. Die Schulen nehmen niemanden die Religion, sie stören niemandes nationales Gefühl. Der Jude, der Katholik, der Protestant, — sie bleiben bei ihrem Glauben, bei alledem, was ihnen heilig ist, und werden nur als Bürger zu einem Volke." In dieser, bis zur Lächerlichkeit widerspruchsvollen, bei jedem Worte über Logik und Thatsachen stolpernden Weise „denken" und sprechen dort immer neue und neue Tausende. Jedes Schiff bringt Hunderte neue Kandidaten für diese seichteste Seichtheit mit. l*

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