Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 =- DiEg; Institute und Dienste schon ins Leben gerufen, da bei ihnen häufig in der organisatorischen Arbeit bereits der größere Teil geleistet ist; ferner überall dort, wo die geschaffenen oder zu schaffenden Institute Geschäftscharakter tragen können (der Jew. Col. Trust, die AngL Pal. Comp. u. dgl.). Auf dem wirtschaftlichen Gebiete könnte z. B. ein ins Leben zu setzendes Unternehmen zugleich rentabel genug sein, um sich selbst zu erhalten, und hat man die ersehnte Form noch nicht gefunden, so wird man sie finden müssen, sollten auch noch so viele Versuche mißlingen. Um zum Vollkommenen zu gelangen, muß man das Unvollkommene wieder und wieder anfassen. Um eine Zange zu machen, sagten unsere Weisen, braucht man eine Zange, zu dieser wieder eine Zange, usf. Wie kommt die erste Zange in die Welt? Ei — durch ein unvollkommenes Werkzeug, welches einer Zange ähnlich ist, ohne selbst eine zu sein. So sei denn das unvollkommene Werkzeug gepriesen, welches zum Höhern und Höhern stufenweise führt! Es war ein Irrtum, die Verschiedenheiten der Ansichten über diese oder jene Versuche als Programme auseinanderstrebender Parteien im Zionismus aufzubauschen. Die Gegner hatten sich schon über die Auflösung des Zionismus gefreut, aber dieser Vorfreude war keine Erfüllung beschieden. Es gibt nur einen Zionismus und ein Programm. Die Aussichten unmittelbarer Verwirklichungen wahrzunehmen, ist Sache der Taktik, und es bedarf nicht einmal einiger Kombinationsgabe, um zu wissen, daß diese änderlich und wandelbar sein muß. Der Kern, die Idee, bleibt von dieser Taktik unberührt. In der Taktik müssen wir uns zu allem, was besteht, anlehnend verhalten. Intransi^ent inunserm Wollen,, müssen wir opportunistisch — wohlgemerkt, nicht unwählerisch, sondern opportunistisch in unsern Mitteln sein. Als Realpolitiker schätzen wir die wirklichen politischen Kräfte so ein, wie sie wirklich sind. Wir suchen uns darüber nicht zu täuschen, daß die Welt nicht so ist, wie wir sie wünschen, und daß wir sie nehmen müssen, wie sie ist — in bezug auf Mittel. Die zweite Hälfte ist die, wo eine unmittelbare Verwirklichung ausgeschlossen ist, entweder weil eine fremde unzugängliche Machtsphäre — wenn auch auch auf friedlichem Wege — durchbrochen werden müßte, oder weil das zu Schaffende nur durch Umwandlung von bereits Bestehendem erzeugt werden kann. Was hat man hier zu tun? Vorzubereiten, zu kristallisieren, und das Arbeitsprodukt der Idee als Ganzes zum Gegenstand der Agitation zu machen. Wenn irgendwo, so kann man hier sagen, daß der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Ist z. B. ein wirkliches, tief durchdachtes System einer verfassungsrechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina geschaffen, und sei es auch nur auf dem Papier, aber geschaffen mit allen Künsten der Wirtschaftslehre, der Statistik, der nationalen Psychologie unter Aufgebot aller derjenigen Kräfte, welche an Expertise und Agitation mitgewirkt haben, dann wird es durch sein bloßes Dasein Macht bedeuten. Und in bezug auf ein solches Ideal muß wiederholentlich gewarnt werden: Ne varietur — nur nichts daran ändern! Die unmittelbare Fruchtbarkeit einer großen, gerechten und klaren Idee besitzt eine Kraft an sich, von welcher die meisten Menschen, die sich praktisch wähnen, im gründe aber unpraktisch sind, gar keine Ahnung haben, weil leider :ELT < No. 1 die Menschen des Alltags den großen Dingen gegenüber mit sehenden Augen blind sind. Aber das war immer so. Man darf trotzdem vertrauen auf die Gewalt eines Volkswillens, der schon an sich etwas Fertiges und Vollbrachtes darstellt. Aller großen Leistungen Anfang ist der Wille. Er ist die Säule der Tat. Er ist die Wunderkraft, wodurch das Zukünftige, welches erst erzeugt werden soll, schon in der Gegenwart zeugend wirkt. Im Wollen verwirklicht sich das Wunder der Selbstzeugung. Die Alten bekleideten diesen tiefen Gedanken — nach ihrer Art — mit dem legendären Gewände der „Zauberkraft der Wunschformel". Ein Wort zieht das zugehörige Ding magnetisch nach sich. Wer ein Wort ausspricht, legt Hand an. Wer da schweigt, den übergehen nicht nur die Menschen, sondern sogar die Dinge. Ist das mit bezug auf Zionismus nicht wahr? Das volle Bewußtsein und das Interesse, der Wille als Werkstätte zukünftiger Macht, die Umwandlung des Palästinabegriffs von einem leeren Schatten zu einer lebendigen Gestalt, das Beginnen, ein Sehnen, das als Halluzination verschrieen war, in Leben und Einrichtung umzusetzen, — waren das nicht die wunderbaren Wirkungen eines Wortes? Freilich ist dieses Wort keine willkürliche „Wunschformel", sondern der notwendige Ausdruck des Werdenden, des notwendig Werdenden. Nur muß der Wille geschaffen, gepflegt und angefeuert werden. Daher die hohe Bedeutung der Propagandaarbeit. Haben, wir die Tiefe des Zionismus ergründet, so werden wir begreifen, wie groß das Mißverständnis derjenigen ist, die da wähnen, daß er zu scheitern droht, wenn er an irgendeinem Punkte ins Stocken gerate. Es muß hier und dort auf die frohen Hoffnungen der kalte Reif der Erfahrung fallen. Das Stocken an einzelnen Punkten ist, so unangenehm es auch augenblicklich wirken mag, unvermeidlich. Dazu wurde ja eben die ganze kunstvolle Verschlingung der Wege, Methoden und Mittel geschaffen, damit ein Aufbewahren der Kräfte möglich sei und nicht sogleich die vorübergehende Stockung nach einer einzigen Richtung einen dauernden Niedergang nach sich ziehe. Die politischen Bemühungen in der Diaspora, die praktischen Vorbereitungen in Palästina, die nationale Erziehung überall, die organisatorische und die geistige Arbeit, die kulturellen Bestrebungen für die rückständigen Massen, die „Rückkehr zum Judentum" für die ihrem Volkstum innerlich entfremdeten Stammesgenossen und dergleichen Kleinarbeiten, die dazu bestimmt sind, den Geist in entsprechende Formen zu gießen, bilden die Bestandteile des Programms. Auf kulturlose Geister wirkt die Vielfältigkeit der Programmteile verwirrend. Sie greifen nur das Naheliegende heraus und kümmern sich keinen Pfifferling um das Weitere und Tiefere, das eben die Voraussetzung bildet. Aber die Vielfältigkeit ist eben ein Zeichen höherer Entwicklung. Die Naturbetrachtung lehrt uns, daß ein Organismus, zu je längerem Leben er bestimmt ist, desto mehr Systeme enthält. Die untergeordneten Lebewesen haben eigentlich nur eine Verdauung. Die hochentwickelten besitzen außerdem ein Cerebral-, ein Lymph-, ein Blutgefäßsystem. Wenn ein System gestört wird, geht deshalb das Lebewesen noch nicht zugrunde. Die übrigen Systeme halten durch ihre Anregung den Lebensstrom aufrecht. Je komplizierter ein Organismus, desto schwerer ist er aufzubauen, aber desto mehr Lebensgarantien enthält er, wenn er einmal