Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-12-27 · 52 (27.12.1907) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316295--50120-3345087
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 52 diee|eelt 15 Während die Zahl der nach Amerika Wandernden von 329 im Vorjahre auf 239 im Berichtsjahre zurückging, stieg diejenige der nach Argentinien Gehenden von 25 auf 90. 902 der Auswanderer waren verheiratet. 1501 kamen aus Rußland und Polen, 593 aus Rumänien. 35 waren Holländer, 67 Österreicher (Galizien ist in dieser Statistik zu Polen gerechnet), 19 Deutsche, 12 Palästinenser, 2 Spanier, 1 Engländer und 3 Amerikaner. Den Umstand, daß der Shelter tatsächlich nur als zeitweilige Unterkunftsstätte dient, beweist die Tatsache, daß über 50°/o der Hilfesuchenden seine Räume im Verlauf von 2 Tagen behufs Weiterreise verließen, und nur 8% nutzten die ganze Aufenthaitszeit aus, die nach den Statuten dieser Institution zulässig ist. Die Mehrzahl dieser letzteren Auswanderer waren solche, die ihr Heim in aller Eile (z. B. infolge von Verfolgungen) verlassen hatten und nunmehr im Shelter auf die Fahrkarten warteten, die ihnen ihre Verwandten und Freunde zuschickten. 36 624 Mahlzeiten wurden verabreicht oder mehr als durchschnittlich 100 pro Tag. Auch auf die Handhabung der Aliensact wirft der Bericht interessante Streiflichter. Von den 31 172 Einwanderern wurden 306, also fast 1 °/o, von den Einwanderungsbehörden zurückgewiesen, 182 wurden auf ihre Berufung nachträglich die Zulassung> gestattet. Der Bericht verzeichnet allerdings einen finanziellen Überschuß der Institution von £ 277. Indessen mußte zu diesem Zwecke der ganze gesammelte Baufonds in Höhe von £ 413 zugeschlagen werden, da sich sonst ein Defizit von £ 136 ergeben hätte. Wir sehen also auch hier die an anderer Stelle behandelte Tatsache des Mangels an Mitteln in unsern wichtigsten Wohltätigkeitseinrichtungen. Statistik der französischen Juden Es existiert bisher keine Statistik, die uns genauen Aufschluß über die Zahl der Juden in Frankreich gibt. Die standesamtlichen Register und andere offizielle Dokumente enthalten keine Rubrik für die Angabe des Glaubensbekenntnisses der Bürger. Indessen kann man doch aus den Registern der verschiedenen jüdischen Körperschaften ein ziemlich genaues Bild der Anzahl der Juden gewinnen; dies gilt insbesondere von den Registern der Synagogengemeinden. Die gewonnenen Zahlen sind für die Landgemeinden genauer als für die städtischen Gemeinden. Auf dem Lande gehören die Juden mit ganz seltenen Ausnahmen immer auch den offiziellen jüdischen Kultusgemeinden an. Auf diese Weise kommen wir zu dem Ergebnisse, daß in ganz Frankreich mit Ausnahme von Paris ca. 20 000 Juden wohnen. In Algier, wo eine offizielle Religionsstatistik existiert, kann man die Zahl der dort wohnenden Juden leichter ermitteln. Es gibt in ganz Algier insgesamt 63 000 Juden. In Paris liegen die Verhältnisse schwieriger. Viele Hunderte Juden leben außerhalb des Judentums. Gewöhnlich erfährt man erst anläßlich ihres Todes, wenn ihre Angehörigen ein jüdisches Begräbnis für sie bestellen, daß sie Juden waren. Einen wichtigen Anhaltspunkt für die Schätzung der jüdischen Bevölkerung geben die Sterblichkeitstabellen. In einem der Akademie für Medizin jüngst vorgelegten Berichte wurde die Sterblichkeitsrate für Paris mit 17 pro 1000 festgestellt. Das jüdische Konsistorium in Paris registrierte im Jahre 1906 893 Sterbefälie (1902 waren es 810, 1903: 845, 1904: 861 und 1905: 867). Das beweist also ein beträchtliches Anwachsen der jüdischen Bevölkerung. Nehmen wir nun an, daß die Sterblichkeitsziffer der Juden genau so groß wie die der Nichtjuden ist, nämlich 17 pro Mille, so ergibt sich als Zahl der im Jahre 1906 in Paris wohnhaft gewesenen Juden 53 C00. In Wahrheit wird die Sterblichkeitsziffer der Juden etwas geringer sein. Außerdem muß in Betracht gezogen werden, daß manche jüdische Todesfälle nicht zur Kenntnis des Konsistoriums gelangen, da die Betreffenden nicht wünschen, nach jüdisch-religiösem Ritus beerdigt zu werden. Hat doch Dr. Bertillon ausgerechnet, daß in Paris auf 100 Beerdigungen 22 ohne geistliche Begleitung kommen. Wenn wir nun auch berücksichtigen, daß Juden sehr selten auf ein religiöses Begräbnis verzichten — womit die Tatsache übereinstimmt, daß weltliche Begräbnisse in den Distrikten am häufigsten sind, wo die Juden nur in ganz geringer Zahl vertreten sind —, so dürfen wir doch diese Umstände nicht außer acht lassen und können demgemäß die Zahl der Pariser Juden auf 55 000 schätzen. Diese Zahl beweist, daß die jüdische Bevölkerung von Paris sich in den letzten Jahren, und zwar hauptsächlich infolge der starken Einwanderung aus Rußland und Rumänien, beträchtlich vermehrt hat. Im Jahre 1901 wurden in Paris 315 jüdische Heiraten vollzogen; im Jahre 1905 306 und 1906 321. Trotz der Zunahme der jüdischen Bevölkerung bleibt also die Zahl der jüdisch-rituellen Eheschließungen ziemlich konstant. Die Ursache dieser Erscheinung ist in der wachsenden Zahl der Mischehen und der rein bürgerlichen Eheschließungen zu suchen. Auch die Tabelle der Barmitzwahs spricht für den wachsenden religiösen Indifferentismus der Pariser Juden. 1903 kamen noch 234 Knaben zur Barmitzwah, 1905 fiel die Zahl auf 214 und 1906 waren es nur noch 177. Interessant ist, daß nur 3400 Juden sich als Familienhäupter eingetragen haben, die gemäß dem Trennungsgesetz bereit sind, zu den Kosten der jüdischen Gemeinde beizutragen. Das ist eine überaus geringe Zahl, denn man kann wohl annehmen, daß 55 000 Juden wenigstens 10 000 Familien repräsentieren. Nach der offiziellen französischen Statistik, die für eine Familie durchschnittlich 4 Personen rechnet, müßten es sogar 14 000 sein. Wenn wir nun auch einige tausend Familien rechnen, die zu arm sind, zu den Kosten beizutragen, oder aber jüdischen Separatgemeinden, orthodoxen oder Reformgemeinden angehören, bleiben doch noch mehrere tausend Familien übrig, die zu den Kosten der jüdischen Gemeinde Paris nichts beisteuern wollen. Die „ Amerikanisierung" der amerikanischen Juden Der „Sun" in New York bedauert in einem langen Artikel die Tatsache, daß die eingewanderten Juden New Yorks sich jetzt nicht mehr so schnell und so intensiv „amerikanisieren" als dies vordem der Fall war. Er führt einige Tatsachen an: Die jungen Leute arbeiten meistens in judischen Unternehmungen, sie haben ihre eigenen Schulen und Versammlungshäuser, ihre eigenen Restaurants und Theaters, kurzum, sie haben dort, wie er sich ausdrückt, ein Ghetto geschaffen, in dem sie sich wohl fühlen und aus dem herauszugehen, sie keine Lust haben. Der „American Israelite" druckt diese Auslassungen ab und sucht den Ursachen der Erscheinung, die er nicht wegleugnet, auf den Grund zu gehen. Er findet sie in dem von den „orthodoxen" Rabbinern propagierten „Yiddisch", in der Pflege dieser eigenen SprachedurcheinegroßePresse und durch einzelne Politiker, die sich die Stimmen der jüdischen Masse erhalten wollen, was ihnen natürlich leichter fällt, wenn sie nicht von englischsprechender Seite aufgeklärt werden kann, in der nationalen Agitation der Zionisten usw. Wir können uns natürlich dem Bedauern, das der „American Israelite" über diese Tatsache empfindet, nicht anschließen. Feuerbestattung und jüdische Sitte Hamburg: Die Hl. Zivilkammer des hiesigen Landgerichts hatte dieser Tage über die Zulässigkeit der Feuerbestattung auf dem jüdischen Friedhof zu entscheiden. Nach dem Testament sollte die Asche einer Witwe, die Mitglied der hiesigen portugiesisch-jüdischen Gemeinde war, in ihrem Erbbegräbnis auf dem Friedhof in Ohlsdorf beigesetzt werden. Der betreffende Friedhofsteil ist der jüdischen Gemeinde vom Staat zur Benutzung überlassen, und diese hat wiederum einen Anteil der selbständigen portugiesisch-jüdischen (sephardischen) Gemeinde zur Verfügung gestellt. Der Oberrabbinat der Gemeinde vertritt die Anschauung, daß die Verbrennung der Leichen und die Beisetzung der Aschenreste dem allgemeinen Empfinden der Gemeindemitglieder nicht entspricht, und hat daher für solche Fälle ein besonderes Feld bestimmt. Auf denselben Standpunkt stellte sich nun auch die portugiesisch-jüdische Gemeinde und verweigerte die Erlaubnis der Beisetzung der Urne in dem Erbbegräbnis. In der dagegen von den Testamentsvollstreckern erhobenen Klage hat das Landgerich) zugunsten der Klage entschieden. Aus den Urteilsgründen sind nachfolgende Sätze von prinzipiellem Interesse. Der Einwand der Beklagten, daß die Bestattung der Aschenüberreste statt einer Leiche beansprucht wird, trifft nicht zu. Der Anspruch auf Gestattung der Beisetzung von Aschenresten ist nach der Entscheidung des Reichsgerichts insbesondere dann zulässig, wenn die Volkssitte einer Erweiterung jener Zweckbestimmung im Sinne der von der Klage begehrten Benutzungsart des Friedhofs heute nicht mehr im Wege steht Das trifft für den vorliegenden Fall zu. Die in Rede stehende Änderung der Volkssitte hat auch unter den jüdischen Volksangehörigen im Bereiche des hamburgischen Staates allgemei n Eingang gefunden. Die positive Wirkung, die von der Wandlung der Volkssitte in dem beregten Sinne ausgeht, besteht darin, daß sie die gegen unbehinderte Beisetzung Feuerbestatteter bestehenden Bedenken, die sich namentlich auf Religion, Konfession, Kultus oder Ästhetik stützen, zu beseitigen in der Lage ist. Demnach könne es nicht in Betracht kommen, wenn, wie im vorliegenden Falle, die betreffende Gemeinde erklärt, daß bei ihr das eine oder das andere dieser Bedenken vorhanden sei, wenn sie nicht in der Lage ist, sich auf gleiche Anschauungen einer Reihe anderer jüdischer Gemeinden zu berufen, welche durch ihr Gewicht die Annahme der angenommenen Wandlung der allgemeinen Volkssitte für jüdische Kreise wieder in Frage stellen könnten. Sie beruft sich aber nur allein auf die Auffassung ihres Oberrabbiners oder ihres Oberrabbinats.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.