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Die Welt · 1907-12-27 · 52 (27.12.1907) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 15)
Language
German
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14 DIE^qKELT No. 52 Abhilfsmittel in ein grelles Licht treten. Immer deutlicher zeigt sich, daß alle unsere Komitees, Hilfsvereine, Chevras usw. samt und sonders nur. ein Palliativ darstellen, das jetzt schon nicht mehr in der Lage ist, den dringendsten Anforderungen des Augenblicks zu genügen. Dazu kommt jetzt noch ein weiterer Umstand. Bisher hatten die europäischen Organisationen lediglich für die Auswanderung aus Europa Sorge zu tragen. Nun hat aber die momentane Krisis in Amerika dort einen solchen wirtschaftlichen Niedergang hervorgerufen, daß die industriellen Werke und die großen Unternehmungen gezwungen sind, ihre Arbeiter zu Tausenden zu entlassen. Davon werden natürlich nicht zum wenigsten die eingewanderten Juden betroffen, die ganz darauf angewiesen sind, von den Großunternehmern beschäftigt zu werden. Es bleibt ihnen daher nichts anderes übrig, als den Wanderstab, den sie eben aus den Händen gelegt hatten, aufs neue zu ergreifen und wieder nach Europa zurückzukehren. Tatsächlich bringen die Dampfer in den letzten Wochen große Massen unglücklicher Juden zurück, die aus Rußland ausgewandert sind, um leben zu können, und jetzt aus Amerika fort müssen, wenn sie nicht Hungers sterben wollen. Der jüdischen Wohltätigkeit erwächst hier eine neue furchtbare Aufgabe in dem Augenblick, in dem ihre Hauptinstitutionen erklären müssen, schon ihre bisherigen Leistungen nicht wreiter aufrecht erhalten zu können. Sollte man nicht annehmen, daß man endlich die entsetzliche Nutzlosigkeit dieser ganzen so herzlich gut gemeinten und so schrecklich wenig bedeutenden Philanthropie einsieht und endlich die definitiven Mittel ergreift, die anzuwenden man sich bisher nur gescheut hat, weil es Zionisten waren, die sie vorschlugen? Gesellschaft zur Unterstützung verfolgter Juden Der „Daily Telegraph" berichtet folgendes: „Es war im Jahre 1845. Damals sah Mr. Finn, derzeitiger Konsul in Jerusalem, zum ersten Male eine Möglichkeit, dem Interesse, das er lebenslang am auserwählten Volke genommen hatte, praktischen Ausdruck zu geben. Er fand, dal?) die 7000 Juden, die damals im heiligen Lande wohnten, sich in einer überaus elenden und bemitleidenswerten Lage befanden. Da er# die Nutzlosigkeit des Gebens von Almosen einsah, kam er zu der Überzeugung, daß die einzig praktische Form des Hilfeleistens darin bestände, Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Demgemäß erwarb er im Jahre 1852 ein Grundstück, das als „Kherem el Khaleel", d. i. „Abrahams Weinberg", bekannt ist und zehn Acres groß war. Dieses Grundstück, dem jüngst noch drei Acres hinzugefügt wurden, liegt auf dem Hügel Goath, nördlich von Jerusalem. Hier werden hilfslose Juden in verschiedener Weise beschäftigt. Meistens sind es solche, die der Unterdrückung und Verfolgung entflohen sind und die in dieser Kolonie dadurch, daß ihnen Gelegenheit zur Arbeit gegeben ist, in den Stand gesetzt werden, sich zu selbständigen und selbstbewußten Menschen zu entwickeln. Damit das Werk Mr. Finns bestehen bleibe, gründete sich 1882 die „Gesellschaft zur Unterstützung verfolgter Juden". Der erste Präsident war der Earl of Shaftesbury, heute ist Vorsitzender Lord Amhorst of Hackney. Um weitere Kreise für die Gesellschaft zu interessieren, wurde vor einigen Tagen eine Versammlung unter dem Vorsitz des Hauptmanns van Someren in Kensington Hall abgehalten. Der Berichterstatter schilderte die Geschichte der Gesellschaft und verbreitete sich dann über die schändliche Behandlung, der die Juden im christlichen Europa ausgesetzt sind. Er gab Schilderungen jüdischer Leiden in Deutschland, Frankreich, Rumänien, Österreich und Rußland und brandmarkte dieses Land als das tiefstehendste der zivilisierten Welt. Er bat um Unterstützung des praktischen Hilfswerks für die verfolgten Juden. Nur indem die Christen ihnen ihre Sympathie gewährten, könne der Schandfleck vom Christentum genommen werden, in dessen Namen die fürchterlichsten Massakers an den Juden vollführt worden seien. Es folgte eine ausgezeichnete Beschreibung des heiligen Landes durch Mr. W. Marriot, der eine eingehende Schilderung der Arbeitsmethoden in der Kolonie gab. Die Konstruktion von Wasserzisternen gewährt nicht nur den unglücklichen Juden Arbeit, sondern gibt auch die Möglichkeit der Versorgung der meisten Juden der Stadt mit Wasser. Außer kleineren seien drei riesige Zisternen errichtet worden, die 50 : 30 : 20 Fuß messen und ungefähr je 125000 Gallonen Wasser aufnehmen könnten. Sie seien erbaut worden mit Hilfe von Geldern, die in Tunbridge Wells, Halifax und Birmingham gesammelt worden sind. Landwirtschaftliche Arbeit, Seifenfabrikation und verschiedene andere Arbeiten würden in der Kolonie unter der Aufsicht eines englischen Vorstehers geleistet, und so sei zu hoffen, daß die Juden doch noch einmal einsehen würden, daß die christliche Religion eine Religion der Liebe sei." Ein Vermächtnis Laut englischen Zeitungsmeldungen hat Miss Geraldine Roß ein Legat von ca. £ 15000 dem syrischen Kolonisationsfonds zur Unterstützung verfolgter Juden vermacht. Welche Gesellschaft damit gemeint ist, ob es etwa die in unsrer vorstehenden Notiz erwähnte Vereinigung ist, ist uns nicht bekannt, Der Jahresbericht des Jewish Temporary Shelter in London Der Jahresbericht des Jewish Temporary Shelter in London, des Heims zur zeitweiligen Unterbringung jüdischer Aus- und Durchwanderer, ist soeben erschienen und bietet eine Fülle von interessanten Daten und Beobachtungen. Der Bericht, der die Zeit vom 1. November 1906 bis 31. Oktober 1907 umfaßt, gewährt wiederum ein deutliches Bild des großen Liebeswerkes, das von dieser Institution ausgeübt wird. Die Zahl der ankommenden Auswandererschiffe im Berichtsjahre betrug 968, und sie brachten 31 172 Passagiere gegenüber 925 Schiffen mit 38 878 Passagieren im Vorjahre. Es sei hervorgehoben, daß die Beamten des Shelter angewiesen sind, allen Ankömmlingen ohne Unterschied des Glaubens und der Nation Hilfe zu gewähren, und tatsächlich wurden diese von 18 963 christlichen Auswanderern in Anspruch genommen, also von bedeutend mehr als der Hälfte aller Ankömmlinge überhaupt. Im allgemeinen hat die Zahl der Auswanderer abgenommen. 1904)05 waren es noch 47 841. Der Bericht erklärt dies mit dem russisch-japanischen Kriege und den Pogromen, die damals eine große Auswanderung veranlaßten. Überaus bemerkenswert ist die Tatsache, daß eine immer größere Anzahl von Auswanderern in London ankommen, die die Reise auf ihre eigenen Kosten machen, mit andern Worten, daß die Zahl der bemittelten Auswanderer immer größer wird. Es zeigt sich also hier klar und deutlich, daß die Unterdrückungen jetzt nicht mehr nur die armen und unbemittelten Klassen zur Emigration veranlassen, sondern daß auch die sozial besser gestellten Stände in immer wachsendem Umfange zum Wanderstab greifen. Wenn es noch einer Tatsache bedürfte, um die volkswirtschaftliche Unsinnigkeit der Judenverfolgungen eben für das verfolgende Land zu beweisen, hier ist sie gegeben. Auch die Aufstellung über die Berufe der Auswanderer zeugt davon, daß gerade die ausgebildeten Stände einen immer größern Anteil zur Emigration stellen. Von den 2347 jüdischen Immigranten, die im Shelter beherbergt wurden, hatten 839 einen bestimmten Beruf. Nur 153 Männer hatten keinen erlernten Beruf. Dazu kommen dann noch 1255 Frauen und Kinder, die natürlich gleichfalls ohne bestimmten Beruf waren. Der Bericht sagt darüber: „Diese Zahlen sind sehr befriedigend und beweisen, daß die große Menge der Auswanderer irgendeine Fertigkeit erlernt hat. Wenn man die Liste der Berufe durchgeht, zeigt sich, daß sie außerordentlich mannigfaltig ist. Wir finden Doktoren, Ingenieure, Musiker, Rabbiner und Studenten; viele Textil- und technische Arbeiter, Schmiede, Buchbinder, Schlosser, Kupferschmiede, Buchdrucker, Gerber, Uhrmacher, Weber und Holzschnitzer, und außerdem jede Art von Bauhandwerkern. Eine neue Erscheinung im Auswandererstrom sind die zahlreichen Landarbeiter, die sich hauptsächlich unter den rumänischen Auswanderern befanden und die ausdrücklich wünschten, auch in ihrer neuen transatlantischen Heimat in ihrem alten Berufe beschäftigt zu werden." Nur 145 der Ankömmlinge bezeichneten sich als Arbeiter und nur 141 als Händler. 73 waren Schneider resp. Schneiderinnen, und das ist bemerkenswert gegenüber dem Umstände, daß die Mehrzahl der Auswanderer in ihrer neuen Heimat in den „sweatshops" als Schneider arbeitet, 56 Schuster, Schreiner waren 48, Backer 14, Landarbeiter 71, Landwirte 13, Metzger 26. Nur 2 Glaser waren unter den Einwanderern. Angesichts der großen Zahl von Glasern unter den Ostjuden Londons bemerkt der Bericht hierzu, daß diese Beschäftigung offenbar mehr eine solche des Adoptivdenn des Heimatlandes ist. Auch waren nur 4 Mützenmacher darunter, während in früheren Jahren ein beträchtlicher Teil der Einwanderer dieses Gewerbe ausübten. 11 waren Handlungsgehilfen, 3 Lagerarbeiter, 6 Schochtim und 5 Lehrer, während der chemische und optische Beruf nur je einen Angehörigen stellten. Sehr interessant ist auch der Umstand, daß die weitaus größte Zahl der Passagiere in jugendlichem Alter stand. 1156 waren weniger als 20 Jahre alt, 565 waren zwischen 20 und 30, 298 zwischen 30 und 40, 155 zwischen 40 und 50 und nur 63 mehr als 50 Jahre alt. Die meisten der älteren Auswanderer kamen auf Ersuchen ihrer Kinder, die sich bereits früher in Amerika niedergelassen und dort ein mehr, oder weniger gutes Auskommen gefunden hatten. Der Gesundheitsstand der Auswanderer wrar nach dem Berichte ein ganz ausgezeichneter. 688 der 2247 jüdischen Immigranten gingen nach Südafrika, gegen 1199 im Vorjahre; offenbar beruht diese Verminderung auf den momentan schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen dieses Landes. 826 gingen nach Kanada gegen 674 im Vorjahre. Diese Vermehrung kommt hauptsächlich auf Konto der rumänischen Auswanderung.

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