Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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12 f^o o o o o ss^sr ——---- .■ E)IE3^EELT o NACHRICHTEN ° No. 52 o o o o o OQOo| Ein eigentümliches Vermächtnis Vor zirka l1- Jahren starb in Jaffa ein Herr Arthur James Kenward. Iii seinem Testament vermachte er die Hälfte seines Vermögens dem „Zion-Kongreß, der die Absiedlung von Israeliten in Palästina nach folgender Maßgabe befördere: Jeder Stamm erhält ein Los Land: Dan, Asser, Naphtali, Manasse, Ephraim, Rüben und Juda haben je 20 Meilen, Benjamin, Simon, Issacher, Sebulon, Gad je 30 Meilen zu erhalten". Das Land sollte unter die Juden verlost werden, es sollte ein „heiliger Distrikt" freigehalten werden usw. usw. Auf Grundlage dieses absonderlichen Testaments wurden Informationen eingezogen, die zu dem Ergebnis führten, daß der Testator offenbar dem Zionistenkongreß das Vermächtnis zugedacht habe. Als Schatzmeister des Kongresses, erhob die Jüdische Kolonialbank Anspruch auf die Hinterlassenschaft. Der Erbschaftspfleger brachte indessen die Angelegenheit vor das zuständige Gericht, um eine authentische Interpretation des Testamentes zu erlangen. Die gesamte Hinterlassenschaft betrug £ 5644, es handelte sich also um ein Legat von zirka 50000 Mark. Der Prozeß kam am Dienstag vorflossener Woche in London zur Verhandlung. Nach langen Erörterungen und Auseinandersetzungen über den höchst unklaren und verworrenen Wortlaut des Testaments, der mannigfache Vermutungen zuließ, entschied der Richter, daß zwar offenbar der Zionistenkongreß diejenige Institution darstelle, der der Erblasser das Legat habe vermachen wollen, daß indessen der vom Testator bestimmte Zweck so vag und undefinierbar sei, dato es unmöglich erscheine, ihn im Sinne des Verstorbenen auszuführen. Aus diesem Grunde könne das Testament nicht vollstreckt werden und müsse das Legat an die Familie des Erblassers zurückfallen. Rumänischer Antisemitismus Nirgends in der ganzen Welt gibt sich der Antisemitismus so unverhüllt roh und niederträchtig gemein wie hier in Rumänien. Die blutigen „Erfolge" der sog. „Bauern"-Revolten lassen die Herren geistigen Führer des „Musterstaates" nicht ruhen, und so finden wir in ihren Blättern antisemitische Anrempeleien und Hetzartikel von einer Böswilligkeit, die ihresgleichen sucht. So lesen wir in der „Moldova de Sus": „Wer hat Jesus Christus gekreuzigt? Wer provoziert die Kriege und Revolutionen? Wer tötet durch vergiftete Arzneien? Die Juden! (Dabei gibt es keine einzige jüdische Apotheke in Rumänien, und zwar kraft des Gesetzes.) Verdienen also die Juden nicht, aufgehangen zu werden? Der „Adverul" verlangt, daß man die Juden entweder in der Donau ertränken oder über die Grenze jagen soll. Nein, man soll alle Juden erschießen oder soll sie lebendig begraben. In die Donau darf man sie nicht werfen, damit sie unsere Fische nicht verpesten, und nach Ungarn soll man sie auch nicht jagen, Ungarn hat gerade genug von seinen Juden gelitten!" Und dieses darf hier ungestraft gedruckt werden und wird in Tausenden von Exemplaren unter der unwissenden Bevölkerung verbreitet. Nachher hat man dann leicht von „Agrarunruhen" sprechen! Marokko Aus Mogador wird berichtet: Zum ersten Male in ihrer Geschichte sah die Stadt Mogador das schreckliche Schauspiel der Annagelung von Menschenköpfen auf den Stadttoren. Es handelte sich um die „Trophäen" aus den Kämpfen zwischen Kaid Anflus und den Streitkräften von Mulay Hafid. Die Juden werden von solchen Dingen in einer besonders unangenehmen Weise betroffen. Traditionsgemäß obliegt das ekelhafte.Geschäft des Salzens und Aufnagelns solcher Köpfe den Juden und die Tradition wird in Fez und Marrakesch noch regelmäßig geübt. Einige Schriftsteller haben versucht, diese Tradition in Zusammenhang mit der maurischen Bezeichnung für „Ghetto" —- „Mellah" zu bringen, wenn diese Theorie auch kaum aufrecht erhalten werden kann. Dieses Mal waren drei Köpfe aufzunageln und zwei Juden wurde befohlen, das traurige Werk zu verrichten. Und dieses Mal geschah etwas in der marokkanischen Geschichte Unerhörtes. Die beiden Juden weigerten sich entschieden, dem Befehle nachzukommen. Ihre Weigerung brachte sie ins Gefängnis, indessen wurden sie nach einigen Stunden wieder freigelassen. Nunmehr wurden zwei Mauren herangeholt, und sie gehorchten. Am nächsten Tage kam ein vierter Kopf an. Dieses Mal verfuhr der Gouverneur nach dem Grundsatze der Parität und beorderte einen Mauren und einen Juden. Die Beiden kamen dem Befehle nach. Einige Tage später mußten die beiden Köpfe wieder heruntergeholt werden, damit sie dem Sultan nach Rabat geschickt werden konnten. Zu diesem Behufe mußten die Köpfe gesalzen werden und das sollten wieder zwei Juden tun. Aber auch diese entschuldigten sich, und es mußten wieder Mauren beordert werden. In Fes ist auf die Nachrichten von dem französischen Vorgehen an der Grenze eine große Erregung ausgebrochen; sie herrscht seit dem 17. d., als die Stadtbehörde den bewaffnet in die Stadt dringenden Arabern, welche die Zahlung der Torabgaben verweigerten, nachgab. Darauf brach eine E m p ö r u n g der Stadtaraber aus, welche die jüdischen Geschäfte, darunter das von einem deutschen Schützling gepachtete Gebäude des Tabakmonopols, stürmten. Die Juden fanden in der deutschen Post Sicherheit. Später wurden sie unter militärischer Bedeckung ins Judenviertel geführt. Der Vorfall beweist die Schwäche der Regierung in Fes. Amerika Amerika ist bekanntlich das Land der Freiheit, auch der religiösen Freiheit. In Amerika ist der Begriff des „christlichen" Staates unbekannt, die Schulen sind konfessionslos, kurzum, dort herrscht jener Idealzustand, der nach der Meinung unserer Liberalen die irdische Glückseligkeit verbürgt und die Vorbedingung für das Fehlen des Antisemitismus ist Daß zum mindesten diese letztere Meinung etwas voreilig gedacht ist, mag vielleicht folgendes beweisen: Wir haben schon mehrfach in diesen Blättern auf die Gärung hingewiesen, die unter den eingewanderten Juden New Yorks wegen der Weihnachtsfeiern der dortigen Schulen herrschte. In den „konfessionslosen" Genieindeschulen fanden bisher alljährlich gegen Weihnachten Feiern statt, die natürlich einen ausgeprägt christlichen resp. simultanen Charakter trugen, insofern, als die Feiern so eingerichtet waren, daß sie den allgemeinen Grundsätzen der verschiedenen christlichen Konfessionen entsprachen. An diesen Feiern, die im Rahmen des allgemeinen Unterrichts stattfanden, waren auch die jüdischen Kinder gezwungen teilzunehmen und taten dies bisher auch anstandslos, bis im Vorjahre der bekannte Sturm der Ostjuden auf die Schulen einsetzte, der zur Folge hatte, daß die Schulbehörde in diesem Jahre anordnete, die Feiern der Schulen müßten ganz allgemein gehalten sein und dürften durch ihren Charakter die religiösen Gefühle der NichtChristen nicht verletzen. So weit wäre ja alles ganz gut gewesen, wenn sich nicht zeigte, daß gerade diese Maßregel den umgekehrten Erfolg nach sich zu ziehen scheint, als den, den sie in ihrer Konfessionslosigkeit gernäß der liberalen Doktrin hätte haben müssen. Die Eltern der christlichen Kinder empfinden es — und man kann nicht einmal sagen: mit Unrecht — bitter, daß dieses echt christliche Fest ihren Kindern in einer ganz verwässerten Form vorgetragen werden soll und sie laden ihre Bitterkeit natürlich auf die Urheber der Maßregel, die Juden, ab. So lesen wir in der „Chicago Post", einem der ernsthaftesten und einflußreichsten Blätter Chicagos, unter der bezeichnenden Überschrift „Christabend ohne Christus": „Auf das Ersuchen einer Masse von 750000 Juden, also ungefähr einem Viertel der Bevölkerung New Yorks, ist der schöne Geist der Weihnachtszeit verdrängt worden. Allen Bewohnern dieses Landes, eingeborenen und fremden, ist die Religionsfreiheit durch dieselbe Verfassung gewährleistet, die uns unsere bürgerliche Freiheit sichert. Ohne Religionsfreiheit würden wir aufhören, ein freies Volk zu sein. Aber Christentum und Christus sind unser Vermächtnis aus neunzehnhundert Jahren des Kampfes. Sie sind unser Erbteil und können aus unsern Schulen und unserer Literatur ebensowenig genommen werden, wie der Geist vom lebenden Wesen. Jahrhundertelang waren die Juden eine besondere Rasse, abgesondert von allen andren Völkern, bis sie hier ein Land fanden, das ihnen einen Zufluchtshafen und die Gelegenheit bot, mit anderen zu Amerikanern zu werden. Als Volk haben sie treu zum Glauben ihrer Väter gehalten, und hoch ist der Preis, den sie für diese Treue gezahlt haben. Antisemitismus hat sie von Europa hierher getrieben, wo fromme Christen sich mit ihnen zu einem Volke vereinigten und sie vor der Grausamkeit des Zaren schützten. Aber der Antisemitismus kann aus diesem Lande nicht ferngehalten werden, wenn die Juden suchen, Christus während der Weihnachtszeit aus der Schule fern zu halten. Amerika ist denn doch vor allem ein