Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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10 DIE^ELT No. 52 der vier Parteien, je zwei aus jeder Partei, und sechs parteilosen Mitgliedern, hat nun die Aufgabe, die nötigen Schritte zur Einberufung der Konferenz der Wahlmänner zu unternehmen. Die künftige Konferenz soll nach dem ausgearbeiteten Programm folgende Fragen behandeln: 1) Untersuchung der allgemeinen politischen Lage der Juden, 2) Kampfesmethoden um die Gleichberechtigung und gegen den Antisemitismus, 3) Erteilung der Direktiven an die jüdischen Dumaabgeordneten, 4) Bildung einer allgemein-jüdischen Organisation, 5) Die innere Organisation des Judentums. Die Frage, ob sich an der Konferenz alle jüdischen Wahlmänner oder nur deren Delegierte beteiligen sollen, hat eine sehr lebhafte Debatte hervorgerufen. Die Zionisten, die sich nach dem streng* demokratischen Prinzip ihrer Partei richteten, verlangten im Interesse der Kompetenz und des allgemein-jüdischen Charakters der Zusammenkunft die Einberufung aller jüdischen Wahlmänner. Die Furcht vor der „zionistischen Gefahr" aber — da bekanntlich die Mehrheit der jüdischen Wahlmänner bei den Dumawahlen zionistisch war — war bei den Vertretern der Volksgruppe ausschlaggebender als sonstige Rücksichten und es wurde eine Kompromiß-Resolution angenommen, wonach die Zahl der Teilnehmer an der Konferenz stark reduziert wird. Dadurch verliert die Konferenz ihren allgemein-jüdischen Charakter und wird kaum den Anspruch erheben können als Repräsentantin des jüdischen Volkswillens und der jüdischen öffentlichen Meinung gelten zu dürfen. Obwohl uns die Resolution sehr befremdet, erblicken wir doch in der gemeinschaftlichen Aktion der verschiedenen jüdischen politischen Gruppen einen Schritt vorwärts; jeder Zusammenschluß für den Rechtskampf, wenn er auch unter den parteiischen Reibereien zu leiden hat, ist bei der gegenwärtigen Lage der Juden in Rußland von sehr großer Bedeutung. Nie war die Reaktion und die antisemitische Stimmung in Rußland so stark wie jetzt; die Echtrussen aller Schattierungen, die die Dumamajorilät bilden, sind zu einer Stütze des bureaukratischen Regimes geworden; es wird eine planmäßige judenhetzerische Propaganda auf dem ganzen Gebiete des russischen Reiches ' organisiert. Der Verband des russischen Volkes hat eine Adresse an den Zaren gerichtet, in der der untertänigste Wunsch ausgedrückt wird, daß die Juden als Ausländer betrachtet und aller Rechte beraubt werden sollen; die Filialen des Verbandes sammeln nun jetzt die Unterschriften für die obige Adresse. Es ist kaum zu erwarten, daß einer solchen Forderung Folge geleistet werden könnte, — aber es ist schon an; sich charakteristisch, daß sogar wohl unterrichtete russische Politiker mit solchen Anschauungen herausrücken. Der bekannte Kiewer Antisemit, das Mitglied des Reichsrats, Pichno, hat neulich in einem Interview erklärt, daß für die Juden jetzt das Allerschlimmste zu erwarten sei; er prophezeit, daß ihnen, der Zutritt zu den höhern Lehranstalten und die Ausübung der Militärpflicht untersagt wird. Die Ausführungen des Herrn Pichno sind selbstverständlich tendenziös, aber bezeichnend für die jetzige Lage. Die Art, wie man mit den Juden jetzt in Rußland vorgeht, erweckt den Eindruck, als ob die Neigung in den Regierungskreisen bestände, den Forderungen der konservativen und antisemitischen Dumamehrheit Rechnung zu tragen. Noch niemals wurden die Ausnahmegesetze gegen die Juden mit solcher Strenge durchgeführt; das kam sehr deutlich bei den letzten Studentenausweisungen in Kiew zum Vorschein; die wegen der Teilnahme an einer Universitätsversammlung ausgewiesenen jüdischen Studenten, die das Wohnrecht in Kiew verloren haben, wurden in 24 Studen aus der Stadt ausgetrieben. Solche rücksichtslose Maßregel wurde nicht einmal bei den früheren Studentenunruhen der „vorkonstitutionellen" Periode angewandt. Sogar die russische Justiz spiegelt ganz klar die jetzige antijüdische Stimmung bei den Pogromprozessen wieder. Wenn die Schuld der Angeklagten vollständig bewiesen und die Freisprechung schon aus rein formellen Rücksichten unmöglich ist, dann appelliert der Staatsanwalt an das Begnadigungsrecht des Zaren. Ähnliches hat unlängst bei den Pogromprozessen in Simferopol und in Melitopol stattgefunden. Und merkwürdigerweise wird jetzt von dem Begnadigungsrechte des Zaren, das sonst zugunsten der wegen der Beteiligung an Volksunruhen Angeklagten selten angewandt wurde, viel Gebrauch gemacht. Neulich sind die im Poltawaer Pogrom - prozeß Verurteilten vom Zaren begnadigt worden! Die phantastischen Träume der russischen Freiheitsperiode gehören schon der Geschichte an; man muß jetzt mit der harten Wirklichkeit rechnen. Die Juden sind um keinen Schritt vorwärts gekommen, im Gegenteil, die allgemeine Lage hat sich noch verschlimmert, nicht nur in moralischer, sondern auch in ökonomischer Beziehung. Der Ansiedelungsrayon stellt jetzt ein furchtbares Bild der Armut und des Elends dar; und der Mangel einer Organisation hat dabei viel mitgewirkt. Deswegen ist uns jede Anregung zu einer jüdischen Selbsttätigkeit, jeder Organisierungsversuch willkommen. Wir müssen auch jede Gelegenheit benutzen, um unsere Forderung der Gleichberechtigung in die Öffentlichkeit zu bringen. Nun scheint der jüdische Dumaabgeordnete Nisselowitz eine andere Meinung darüber zu haben. Wie die Blätter melden, hatte er die Absicht, vor kurzem mit einer großen Rede über die Judenfrage vor die Duma zu treten; der Kadettenführer Miliukow hat es aber aus „taktischen" Rücksichten für unzweckmäßig gehalten, und die Absicht wurde aufgegeben. Merkwürdig, wenn man über die Judenfrage sprechen will, stehen immer „taktische" Rücksichten auf dem Spiel.__ In diesen Tagen sind aus Helsingfors 30 jüdische Familien ausgewiesen worden; sie wurden von der Polizei bis zum Bahnhof begleitet, wo man für sie die Billette gelöst hat. Die Polizei hat sich erst entfernt, nachdem die Juden in die Wagen gestiegen sind und der Zug sich in Bewegung setzte. Wie mehrere russische Zeitungen berichten, hat ein angesehener russischer Bureaukrat der Regierung ein originelles Projekt vorgelegt, wonach man den Polen eine Autonomie unter der Bedingung gewähren soll, daß sich alle russischen Juden in Polen niederlassen. □ til □ PARTEIFONDS DI P DI Unter dieser Rubrik veröffentlichen wir Anregungen und Mitteilungen aus unserem Leserkreise mit Bezug auf die -- Parteiiteuer.--- Die Delegierten am 8. Zionistenkongreß im Haag haben lange darüber debattiert, ob die „Praktische Arbeit" in Angriff genommen oder ob die Propaganda einfach fortgeführt werden soll, bis die Zionisten mehr Aussichten für das Gelingen der zu unternehmenden Arbeiten haben und die inzwischen erworbenen rechtlichen Grundlagen gesichert sein werden. — Die „Vorsichtigen" wurden überstimmt durch die „Praktischen". Nachdem die Frage im Prinzip erledigt war, brachte der Vorsitzende, Herr Wolffsohn, einen Antrag ein, wonach in diesem Jahre jeder Zionist als Parteisteuer mindestens 5 Francs zu zahlen hat. Die Delegierten fanden den Antrag so selbstverständlich, daß er ohne Debatte und mit Einstimmigkeit angenommen wurde. Das war ein schöner Erfolg. Die Delegierten zeigten die Fähigkeit, die logische Konsequenz ihres Beschlusses zu ziehen. Ohne Geld kann nichts gemacht werden. Das weiß jeder Mensch. Sogar die Antizionisten wissen das und verweigern uns