Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Der geistige Faktor steigert sich mit dem Laufe der Zeit immer mehr und wird bei einem kulturellen Menschen und noch mehr bei einer kultureilen Menschengruppe mit einer langen gemeinschaftlichen Geschichte zu einem unvertilgbaren Bestandteile des individuellen resp. kollektiven Organismus. Und Herr Dr. Pasmanik genierte sich gar nicht, vor einem Auditorium, das größtenteils aus Bekennern des „von Gott selbst angeordneten" Marxismus bestand, von jüdischer Kultur, von einer leidenden jüdischen Seele eingehend zu sprechen und seine Worte blieben nicht ohne Wirkung. Auch' für .Herrn Pasmanik bleibt natürlich die ökonomische Lage der Juden die Quelle der Beweise für die Abgesondertheit des jüdischen Volkes, wie auch für die unerträgliche jüdische Not. Was ' dieökonomische Lage anbetrifft, so sei diese bei jeder menschlichen' Gruppe so lange anormal und ungesund, als die allen anderen, Nationen und Gruppen eigentümliche proportionale Verteilung der ökonomischen Funktionen bei ihr abwesend ist. Ein gesunder' ökonomischer Organismus, gleich einem gesunden Körperorganismus, muß für jede besondere Funktion spezielle Organe besitzen, die diese Funktionen vollbringen, sonst entsteht Hypertrophie und Atrophie und schließlich unterliegt der menschliche resp. gesellschaftliche Organismus einer vollständigen Degenerierung. Das' jüdische Volk entbehrte solcher gesetzmäßiger Verteilung seiner ökonomischen Funktionen während der ganzen Zeit des Exils und dieser Obelstand konnte auf die physische, sowie auf die geistige Gestaltung seiner Bestandteile nicht ohne nachteiligen Einfluß bleiben, um so mehr, als ihm das Hauptorgan; das für die normale Entwicklung jeder ökonomischen Gruppe zumeist nötig ist, fehlte, nämlich: der Ackerbaustand. Und mögen daher die Juden in den Ländern der Emanzipation noch so reich sein; solange sie in einigen großen Städten zusammengefügt leben und fast ausschließlich dem Handel und den liberalen Berufen angehören, solange stellen sie eine degenerierende Menschengruppe dar. Solange die Juden keinen Bauernstand besitzen, bleiben sie immer elend und mögen sie auch alle Rothschilds sein. Was die Westjuden anbetrifft, die schon mehr als seit einem Jahrhundert Assimilation predigen, so meint der Referent, daß sie bei ihrer Predigt bleiben und nichts mehr erlangen werden. Durch die Mischehen, diesen einzigen entscheidenden Faktor der Assimilation, droht dem Judentum keine ernste Gefahr. Dagegen haben uns diese vermeintlich assimilierten Juden zu oft aufrichtige Beweise ihrer Solidarität mit dem jüdischen, Volke gegeben, so daß wir in der Tat das Recht haben, sie mehr als Juden zu betrachten, als sie es selbst wollen. Nicht Sie zum Zionismus bekehren, war meine Absicht, sagte der Referent zum Schluß: ich konnte das von Leuten mit festen Überzeugungen nicht erwarten. Mein einziges Ziel und mein Wunsch war, Sie zu bewegen, dem Studium der Vergangenheit, und hauptsächlich dem der Gegenwart Ihres jüdischen Volkes, wenigstens soviel Zeit zu opfern als Sie auf nutzlose haarspajtende Kalkulationen vergeuden, die die problematischen Resultate, die das russische Bauerntum von der problematischen russischen Revolution zu erwarten hat, betreffen. Wenn ich in dieser Hinsicht etwas ausgerichtet habe, so kann auch mein zionistisches Bewußtsein schon vollständig zufrieden sein. Dem Referate folgte eine hochinteressante Debatte. Das zweite Referat des Herrn Pasmanik fand in einem Vereine bürgerlicher Zionisten statt. Auch hier befaßte sich Herr Pasmanik hauptsächlich mit der Begründung der Voraussetzungen der zionistischen Lehre d. h. der zionistischen Auffassung der jüdischen Frage. Unsere bürgerlichen Zionisten sind treue Zionisten. Sie halten instinktiv an Judentum und Zion fest. Nichtdestoweniger ist jedes leichte Gewitter in unserer Bewegung, wie auch mancher Meinungsstreit imstande, ihr zionistisches Bewußtsein zu erschüttern. Diesem Mangel abzuhelfen war der Zweck des Referats. Im Gebäude der jüdischen Volksuniversität hielt Herr Pasmanik zwei Reden: eine für die „Allgemeinen" Zionisten, die andere für die „Poalei-Zion". Beide Vorträge waren sehr gut besucht. Der zweite Vortrag rief eine rege Diskussion seitens der anwesenden Vertreter des „Bunds" und anderer proletarischer Gruppen hervor. Das letzte Referat wurde von Herrn Pasmanik wiederum im Quartier Latin vor einem größtenteils aus Studenten bestehenden Auditorium gelesen. Das Thema läutete: „Die Realisation des Zionismus". Herr Pasmanik sprach zu denjenigen, die die Notwendigkeit der territorialen Lösung der jüdischen Frage im Prinzip annehmen. Diejenigen aber, die im Aberglauben versunken sind und meinen, daß die jüdische Frage im Golus gelöst werden wird, können unsere Sprache über die Realisation der Palästinafrage nicht verstehen. Ihre Blicke umfassen unendliche Horizonte, ein grenzloses Rußland, ein reiches Frankreich und „Deutschland über Alles", — kein Wunder dann, wenn Palästina ihnen zu klein erscheint, reaktionär, wild und wüst; die Berge zu hoch, die Täler zu tief. . . . Hutten sie sich aber einmal gewöhnt, durch unser enges Fernrohr zu schauen, durch unser "Prisma der jüdischen Not, es würde ihnen dann alles klar werden. Dasselbe gilt auch von den Territorialisten (lese: S. S. — Zangwill). Sie sind zu reich an Territorien und daher fält es ihnen schwer, die Notwendigkeit sowie die Möglichkeit zu begreifen, Palästina und nur Palästina für das jüdische Volk zu erwerben. Sobald aber ihr Reichtumsrausch vorüber ist, werden sie uns wohl leicht verstehen. Herr Pasmanik kehrte am' 13. Dezember, nachdem er mit den Vorstehern der hiesigen Federation in Einigen zionistischen Angelegenheiten konferiert hatte, nach Genf zurück. Paris, d. 18. Dezember 1907. S. Abarbänel. Russischer Brief (Von unserem Spezialkorrespondenten) Zur gegenwärtigen Situation Wer den Charakter der inneren Politik Rußlands genau kennt, der weiß, daß ihre Beweggründe nicht in den Prinzipien, sondern in der Stimmung zu suchen sind. Und diese Stimmungen werden hervorgerufen, nicht von den Erfolgen oder Mißerfolgen der Politik, sondern von der Stellung der Gesellschaft. Es erschallt eine Stimme des Protestes, es erscheint eine Widerstandskraft — und die Stimmung wird kompliziert durch Reflexionen, sie wird wankend und unklar. Wenn aber die Welle der öffentlichen Meinung sich legt, — da hebt sich der Kurs, behauptet seinen Posten und alle friedlichen Verhandlungen werden unterbrochen. Das sind die bekannten Schwankungen, welche alle Perioden der russischen Geschichte charakterisieren. Die Strömmungen wechseln, und es bleibt immer dieselbe arme unterdrückte Volksmasse, dasselbe Reich der Unwissenheit, Misere und Wilkür. Diese Politik der Stimmungen zeigt sich in ihrer krassesten und deutlichsten Form auf dem Gebiete der Judenfrage. Nach der Auflösung der ersten Duma hat die Regierung angesichts der Unklarheit der Situation das Versprechen gegeben, die Lage der Juden zu erleichtern und diejenigen „unnützen und schädlichen Unterdrückungen" abzuschaffen, welche auch die Partei des Dumazentrums in ihrer Deklaration erwähnt. Aber die Erfüllung dieses Versprechens war nicht so leicht und stieß auf einen energischen Widerstand seitens des „Verbandes des russischen Volkes", welcher in dieser Richtung die eifrigste Tätigkeit entfaltet hat. Und so verschwieg die Regierung diesen heiklen Punkt ihres Programms und zog es vor, die Initiative in der Behandlung der Judenfrage der Reichsduma zu überlassen und auf diese Weise die echtrussische öffentliche Meinung zu beruhigen. Da aber die Juden zu jSder Zeit ihre guten Freunde finden, so ist es der Senat, der gegenwärtig eifrig um die Juden bemüht ist. Jeder Tag bringt neue sog. „Senatserklärungen" antisemitischen Charakters, welche die jüdischen Kleinhändler und Handwerker besonders hart treffen und sie der Existenzmittel vollständig berauben. Es verlautet, daß der Senat 600 solcher Erklärungen verfaßt hat. Während der letzten 2—3 Jahre hat man nichts anders getan als Materialien gesammelt, von denen man jetzt so reichlichen Gebrauch macht! Doch zu welchem Zwecke werden jetzt diese von der Regierung selbst als unnütz und schädlich bezeichnete Unterdrückungen vorgenommen? Wem nützen sie? Welche Staatsraison setzt diese Greisenprozession gegen die .Juden in Bewegung? Das sind Rätsel, deren Lösung jenseits der Grenzen des gesunden Menschenverstandes liegen. Wie die russisch-jüdischen Blätter berichten, ist in der Frage der Einberufung einer allgemein-jüdischen Konferenz ein Ausgleich zwischen den vier jüdischen Parteien (Zionisten, jüdische Volksgruppe, jüdische Volkspartei, jüdische demokratische Gruppe) zustande gekommen. Das Organisationskomitee, bestehend aus den Vertretern