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Die Welt · 1907-12-27 · 52 (27.12.1907) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Jüdischen Nationalfonds entgegengenommen. — Zuschriften sind zu richten an die Vorsitzende des Verbandes: Frau Prof. O. Warburg, Berlin W., Uhlandstr. 175. Kunstgewerbeschule Bazalel. — Diese, Anfang 1906 begründete Schule hat den Zweck, der zahlreichen jüdischen Be völkerung der Städte Palästinas, der es bisher noch nicht gelungen ist, eine auch nur annähernd ausreichende Erwerbstätigkeit zu finden, ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeitsgelegenheiten zu schaffen. Das Beispiel vieler Länder, in denen ähnlich wie in Palästina an eine Großindustrie, die viele Leute beschäftigen könnte, noch nicht gedacht werden kann, hat gezeigt, daß auch auf dem Gebiete des Kunstgewerbes und der Hausindustrie in verhältnismäßig kurzer Zeit und mit geringen Mitteln vielen Zehntausenden Arbeit und Verdienst verschafft werden kann. In dieser Beziehung, ist Palästina mit seinem von Jahr zu Jahr steigenden Touristenverkehr, seiner niedrigen Lebenshaltung und bei dem Affektionswert, der palästinensischen Artikeln in der ganzen Welt beigemessen wird, besonders günstig gestellt. — Die Schule hat bisher im Zeichenunterricht, in der Anleitung zum kunstgewerblichen Zeichnen und in der Plastik schon Hervorragendes geleistet. Sie hat ferner die Teppichindustrie so weit vorbereitet, daß schon jetzt eine größere Anzahl von Mädchen ihr Brot dabei findet, und hat außerdem in der Steinhauerei eine größere Anzahl von Arbeitern ausgebildet, die ebenfalls ein gutes Fortkommen finden; der Unterricht für Stickerei und andere weibliche Handarbeiten sowie für Korbflechterei soll demnächst aufgenommen werden. Der diese Schule verwaltende Verein „Bezaiel" (Verein zur Verbreitung von Kunstgewerbe und Hausindustrie in Palästina und den Nachbargebieten) hat seinen Sitz in Berlin. Das Jahresbudget beträgt ca. 20000 Mk. und wird aufgebracht durch Beteiligungen von Korporationen, Spenden und Jahresbeiträge. Für die Mitglieder des Vereines beträgt der Jahresbeitrag mindestens 5 Mk., durch Einzahlung von 300 Mk. wird man immerwährendes Mitglied. — Zahlstelle ist das Bankhaus Meyer Cohn, Berlin W., Unter den Linden 11, sowie der Jewish Colonial Trust, London. D. Palästina-Ressort Palästinaschekel und Palästinabeitrag. — Das auf dem achten Zionisten-Kongreß eingerichtete Palästina-Ressort *hat aus Parteigeldern 25° o der Einkünfte zugebilligt bekommen. Man war sich aber von Anfang an klar, daß dieser Betrag keinesfalls hinreichen könne, den großen und mannigfachen Aufgaben gerecht zu werden, die an dieses neue Ressort herantreten. Daher wurde sofort beschlossen, einen speziellen Palästinabeitrag den Anhängern der zionistischen Bewegung zur Pflicht zu machen, und mehrere Landsmannschaften haben bereits diese Einrichtung ihren Mitgliedern obligatorisch gemacht, teils in Form eines Palästinaschekels von festgesetzter Höhe, teils als Palästinabeitrag mit einer festgesetzten Minimalsumme. Es ist dringend zu wünschen, daß dieses Beispiel allgemein nachgeahmt wird, da sonst nicht zu ersehen ist, auf welchem Wege das Ressort die finanzielle Möglichkeit finden soll. Das Ressort rechnet — wenn es einigermaßen arbeitsfähig sein soll — mit einem jährlichen Ausgabe-Etat von ca. 100000 Mk. Diese Zifffer ist keineswegs zu hoch gegriffen, wenn man bedenkt, daß das Ressort neben seinen laufenden Ausgaben auch noch die für das Palästina-Amt und den Informationsdienst sowie für Propagandazwecke usw. zu decken hat. Auch die Errichtung der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt sowie die Vorarbeiten für das Genossenschaftsgut werden das Budget des Ressorts in Anspruch nehmen. Es werden also alle Parteigenossen aufgefordert, bei jeder Gelegenheit für den Palästinaschekel zu agitieren; auch würde sich empfehlen, die Dividende des Jewish Colonial Trust als Palästinabeitrag zu bestimmen und die jeweilig fälligen Coupons dem Palästinaressort oder dem Trust selbst zu diesem Zweck einzusenden. Palästinafonds. — Für die verschiedenen palästinensischen Zwecke kultureller und wirtschaftlicher Art stehen zurzeit noch so geringe Mittel zur Verfügnng, daß es notwendig war, einen besonderen Palästinafonds zu gründen. Dieser Fonds soll die Möglichkeit geben, ausgleichend zu wirken da, wo die speziellen Fonds den an sie zu stellenden Anforderungen nicht genügen, und er soll außerdem ermöglichen, eine Reihe von Bedürfnissen zu befriedigen, für die es spezielle Fonds nicht gibt. Im allgemeinen sollen nur die Zinsen desselben verwendet werden und nur in Ausnahmefällen beschränkte Teile des Kapitals. Vor allem sollen Bildungs- und andere kulturelle Anstalten nationaler Natur unterstützt werden, wie Schulen1), Bibliotheken, Museen, ferner Institutionen von sozialer Bedeutung, wie Informationsbureaus, Arbeitsnachweise usw. Ferner sollen aus diesem Fonds gemeinnützige Kreditinstitute unterstützt werden, besonders solche, weiche dem Agrarkredit dienen. 1) Hierunter das hebräische Gymnasium und die Mädchenschule in Jaffa sowie die Kunstgewerbeschule „Bezaiel" in Jerusalem. Zuwendungen für palästinensische Zwecke werden von der Palästinakommission resp. dem Palästinaressort entgegengenommen und sind unter Angabe des speziellen Zweckes zu adressieren an den Chef des Ressorts Herrn Professor Dr. Warburg, Berlin W., Uhlandstr. 175. — Wo kein spezieller Zweck angegeben wird, werden die Beträge als Palästinabeiträge verrechnet resp. — bei größeren Summen — dem oben erwähnten allgemeinen „Palästinafonds" überwiesen. — Auch der Jewish Colonial Trust, London EC, Brookhouse, Walbrook, nimmt Zuwendungen für palästinensische Zwecke aller Art gern entgegen. Ganz wie der Chasan den Niggun macht Jede Gesellschaft, jeder Kreis, ja sogar jede Familie besitzt ihre eigene Ausdrucksweise. Die Engländer sprechen von „Slang" und „Cant", wir Juden machen nur den „Niggun". Auch in Moll gibt es Modulationen. Daß ein Wort in verschiedenen Gesellschaftskreisen verschieden gesungen wird, ist nicht weiter zu verwundern, besonders für uns, die wir das Wort „Jude" in hundert verschiedenen Betonungen und Melodien zu hören bekommen. Daß aber ein Begriff von jedem Gesellschaftskreis in sein eigenes „Slang" und „Cant" übersetzt wird, erscheint etwas fremdartiger. So zum Beispiel: Diebstahl (Nomen generis: furtum), ist ein Begriff, der sehr verschiedenartig übersetzt werden kann. Ein Diebstahl kann unter gewissen Bedingungen und besonderen Umständen den wohlklingenden Namen von „Börsen-Manöver" oder „Spekulation" tragen. Wenn man ein ganzes Land stiehlt, so heißt das blos „Okkupation". Diebstahl eines, von zivilisierten Europäern bewohnten Landes, nennt man einen „Raid". Und wenn irgend ein Staatsbürger das Imperium seines Landes stehlen will, dann hat die Zivilisation auch dafür ihre schöne Bezeichnung und spricht von einem „Coup d'etat". Von einem derartigen „Coup d'etat" soll hier die Rede sein. Man kann daraus manches lernen. ....... Im Lande des Achasverus, wo der ewige Jude seine ewige Knechtschaft ertragen muß, trotzdem einmal im großen Olim ein Jude eine, etwas höhere Stelle inne hatte — als Bürgermeister von Rom oder Lord-Mayor von London oder Manchester — hat der neue Achasverus, Seiner Majestät der Schah von Persien, die Absicht, seine Regierung umzugestalten, d. h. eine Art „Coup d'etat" durchzuführen. Bisher war er mit einer ganz modernen Regierungsform beglückt gewesen, hatte sein Parlament, seine Minister, seine eigenen Pogrome, kurz, er war ein ganz moderner Fürst. Allein der Asmodai flüsterte ihm zu, daß es viel besser sei, selbständig zu regieren, und da man in fürstlichen Kreisen den Diebstahl eines Gouvernements als ganz ehrlich und redlich bezeichnet, wenn derselbe gelingt, hatte der böse Geist nicht viel Mühe, Seine Majestät zu einer gleichen autoritären Tat zu verlocken. Diese sollte ganz radikal durchgeführt werden. Er zog ein bißchen stark an den Hamansohren seines neumodischen Hamans, dem aber diese Liebkosung gar nicht gefiel. Einem Menschen, und sei es auch ein Haman, sind die Ohren an seinem Kopfe angewachsen. Zieht man an den Ohren, muß der Kopf mit. Da der Ministerpräsident meinte, das Leben könne ihm noch ein wenig Freude bringen, schrie er laut auf und rief die englische Regierung zu Hilfe. Und es geschah ein Wunder. Die englische Regierung, die sich bekanntlich in die innere Politik zivilisierter Völker nicht hineinniengt, bat Seine Majestät, den Schah von Persien dringlichst, es möge ihm geruhen, für die Person des Ministerpräsidenten die Integrität zu verbürgen. Eine ganz humanitäre Tat. Die genannte Regierung motivierte ihre Bitte mit dem Hinweis darauf, daß besagter Minister einen hohen Orden trage, er sei ein englischer „Knight". Das Leben ist eine lebendige Mystifikation. Oder: die Neutralität sollte auch ein Wort sein, das seine eigene Bedeutung im englisch-politischen „Cant" hat. Während im großen Zarenreiche die europäische Kultur und die vornehmsten Kulturträger, die Juden, ständig verletzt, geschmäht und in brutaler Weise ihrer armseligen Existenzen beraubt werden, beschützt das liberale England einen Perser und läßt die Kultur, läßt die Juden in Rußland kaltblütig hinschlachten. Für einen Honion horoschony lohnt sich die Mühe einer Neutralitätsverletzung, während tausende frommer Mordechais in Schmutz und Not verkommen. Wir schätzen die Humanität der englischen Regierung sehr hoch. Aber ehrlich gesprochen: sind die russischen Juden dem liberalen England weniger freundschaftlich gesinnt, als ein ordentragender persischer Minister? Und wird die

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