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Die Welt · 1907-12-27 · 52 (27.12.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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No. 52 dieb|e ELT frc □ □□□□□ FEUILLETON □ □ □ □ Dj) O -- -JJ o . UM DEN NIEMAND WEINTE Von WILHELM BERkELSHAMMER " Bs traf sich, daß tief bei Nacht einige Minuten vor der kleinen Dorfstation B. in einem Waggon der dritten Klasse ein Jude hinstarb. Bs entstand eine große Aufregung und unter den Frauenzimmern ein panischer Schrecken. Bald war der Raum von Leuten leer. Das trübe Lichtchen schaute traurig flackernd auf den Toten und seinen Wächter herunter. Wenn der Wagen oft auf den Schienen hin und hersprang, zitterte unruhig die Flamme. Nach einer Weile kam der Kondukteur, und mit sichtlichem Widerwillen bemusterte er die Leiche. Bin dumpfer Pfiff durchschnitt indessen das Dunkel der Nacht. Bald hielt der Zug vor der kleinen Dorfstation und der Wagen mit dem Toten wurde ausgespannt und zur Rampe hingeschoben. Der Wächter; ein armer Jude, begab sich ins Dorf. Er fragte nach Juden, und als man ihm einen nannte, ging er hin. Ein greiser Mann trat ihm entgegen. Der Wächter erzählte, was ihn zur nächtlichen Stunde herführe. . . . Der Verstorbene war ein Handwerker, ein armer, ein blutsarmer. . . Die Frau und Kind gingen in die weite Welt. . . Er mußte aber bleiben, denn er war krank. . . Und seine Krankheit wurde immer gefährlicher, das Elend größer. . . Das Ende schien schon nahe, ganz nahe zu lauern. . . Da traf sich einer, der etwas Qeld im- Städtchen zusammenbrachte. . . Für dieses Qeld sollte der Kranke nach der Hauptstadt in die Klinik gebracht werden.! . Weil er sich aber nicht bewegen konnte, wurde ihm ein Wächter beigegeben, der seiner unterwegs warten sollte. . . Und' so ging eine freudige Hoffnung für den Kranken auf. . . Er hoffte gesund zu werden, wie er ehedem gewesen. . . Er hoffte Weib und Kind aufzusuchen und ein neues Leben zu beginnen. . . Da kam die Nacht, wo er plötzlich aufwachte, ganz blaß und bebend. . . „'s ist mir schlecht" — konnten seine weißen Lippen nur aussprechen, und ehe ihm der Wächter Wasser bringen konnte, schrie er laut auf und starb. -------- Leise und traurig tönte durch die nächtliche Stille die Geschichte vom toten Manne. - Als es aber früh wurde, gingen die Juden zum Dorfrichter. Dieser schickte um einen Bauern, welcher die Leiche beschauen und den Totenzettel ausstellen sollte. Der Bauer war betrunken (es war Feiertag), und nur mit großer Mühe gelang es ihm, den Zettel auszustellen. Vor der Leiche stehend, schrie er und ärgerte sich und fluchte, die Juden hätten nichts Besseres vor als heute zu sterben. . . Mit dem Zettel fuhr der Dorfrichter in die Bezirksstadt, wo ein jüdisches Gemeindeamt war und ein jüdischer Gottesacker. Mittag kam er zurück und sagte den Juden, daß bald eine Fuhre um den Toten kommen werde. Die Juden gingen und warteten beim Waggon und beteten stille. . . Bauern sammelten sich an, denn sie wollten sehen, was mit feinem Juden nach dem Tode geschehe Auch ein Gendarm kam, um Ordnung zu halten. Es herrschte ein Schweigefrüberall, ein Schweigen, das den Atem stocken machte ufid eine geheimnisvolle Angst ringsum verbreitete. . . Da kam der Wagen. Ein alter, halbzerbrochener Karren, von einem stöhnenden Pferde gezogen. Zwei Juden stiegen herab, arme, zerlumpte'Fuhrleute, mit Pfeifen im Munde. Sie warfen den Pferden ein Bündel Heu vor und gesellten sich zu den anderen. Indessen wurde der Wagen, wo der Tote lag, geöffnet und den Juden überlassen.. Sie gingen hinein und beteten stille. Dann sprach einqr laut und feierlich „El mole rachmim" ... Man sang das Totenlied dem armen Juden, der das Leben suchte und den Tod fand. Es klang so tief und markerschütternd, so schluchzend und herzzerreißend! Die Leute standen um den Toten, den Blick auf den Boden geheftet, stumm und in sich versunken: Das Gebet war zu Ende. Man nahm den Toten und legte ihn in die Bahre. Sein Gesicht war verzerrt, seine Wangen eingefallen. Die Bahre wurde dann geschlossen und mit zwei Riemen gebunden, .vier Männer nahmen den schwarzen Totenkasten auf die Schulter, trugen ihn heraus und legten ihn auf die Fuhre. Er wurde mit einem schwarzen Tuch bedeckt, auf das das übriggebliebene Heu zu liegen kam. Die versammelte Bauernschar schaute stumm auf die Juden und die schwarze Bahre. Es war still. Der Wragen mit dem Toten rührte vom Fleck. Der Fuhrmann schritt neben dem Pferd, in der Hand die Zügel haltend, die anderen folgten hinter dem Wagen nach. Bald verließ man das Dorf. Man kam auf einen breiten Weg, der sich weit dahinzog. Zu beiden Seiten dehnten sich Felder aus, grüne Fluren und duftende Wiesen. Das Schärlein ging dem Wagen nach, der langsam dahinrollte. Ein leichtes Staubwölkchen stieg von den Rädern auf. Nicht ein Laut entglitt den Lippen der Gehenden, doch fühlte jeder von ihnen, dal?) dieser Moment etwas Eigentümliches innehatte. Das feine Azurblau des Himmels, die durchglühte Luft, die uferlosen Auen und etwas, was in alledem verborgen war,--------und der tote Jude in der schwarzen Bahre, — das alles gab dem Moment eine tiefe Weihe. Das Dorf verschwand allmählich hinter der Begräbnisschar. Der Wagen schleppte sich ruhig weiter, die Juden blieben aber stehen. Sie haben dem Töten das Geleite gegeben, und jetzt wollten sie umkehren. Denselben Weg darf man aber nicht zurückgehen, ehe man den Toten nicht aus den Augen verloren hat. Sie standen also beim Graben am Wege und schauten dem allmäh- 2*

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