Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316294--50099-3345065- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 51 ELT 17 Hotelverwaltung Herrn Abbott mit, daß sie den von ihm prasen-, tierten Ersatzmieter nicht aufnehmen könne, da der Eigenlümer des Hotels, Herr D. H. King jr., keine Juden in seinem Hause zu haben wünsche. Abbott" stellte aber keinen anderen Mieter und wurde in der Folge von dem Hotel auf Zahlung des Mietzinses verklagt. Der Prozeß erregte begreiflicherweise in den hiesigen jüdischen Kreisen großes Interesse. Auffallend war dabei, wie die „Tribüne" mitteilt, daß in der ganzen Verhandlung nur ein einziger Jude, und zwar als Anwalt, beteiligt war, und dieser trat für den antisemitischen Hotelbesitzer auf. Der Kläger behauptete, es sei notorisch, daß unter den Christen in Amerika eine Abneigung dagegen bestehe, mit Juden zusammenzuleben, und daß es mithin den Hoteliers gestattet sein müsse, aus Rücksicht auf das verbreitete Vorurteil „Personen dieser Rasse" den Zutritt zu verweigern. Der Richter, ein Katholik, wies mit Lebhaftigkeit die tatsächliche Behauptung des Klägers zurück und verwies auf die Wertschätzung, deren sich die Juden bei hervorragenden Amerikanern, darunter dem jetzigen Präsidenten, zu erfreuen hätten. Das Urteil lautete, wie folgt: „Sicherlich wird in keinem zivilisierten Lande ein Gerichtshof für Recht erkennen, daß es ein hinreichender Grund sei, jemand als Mieter zurückzuweisen, weil er zur jüdischen Rasse gehört. Ich erkläre deshalb, daß der Kläger mit dem von dem Beklagten angebotenen Mieter hätte zufrieden sein müssen, und gebe dementsprechend dem Beklagten recht." Gegen die jüdischen Arbeiterorganisationen In New York haben sich die jüdischen Arbeiter zu einem United liebrew Trades Council, einein Verbände der jüdischen Arbeiter zusammengeschlossen. Die American Federation of Labor, der Verband der amerikanischen Arbeitervereine, hat nunmehr in einer Sitzung in Norfolk beschlossen, dem Vorstand zu empfehlen, alle internationalen Arbeiterverbände in Amerika, innerhalb deren Ortsgruppen des jüdischen Verbandes bestehen, zu zwingen, diese Verbindung aufzuheben resp. aus dem jüdischen Verbände auszutreten. In der Diskussion wurde betont, daß irgendwelche religiösen Fragen gar nicht in Betracht kämen. Der jüdische Bund gebe vor, die Federation of Labor unterstützen zu wollen. In Wahrheit schädige er nur ihre Interessen und habe überhaupt ebensowenig ein Recht sich separat zusammenzuschließen wie die irischen und deutschen Arbeiter. Ein wichtiger archäologischer Fund Dr. Hans Spör, der bekannte Archäologe, der in Begleitung seiner Frau jüngst eine Erforschungsreise durch Syrien gemacht hat, hat einen herrlichen Fund gemacht. Fellachen brachten ihm eine Kopie des Buches Hesekiel, die aus einer verschütteten Synagoge in der Nähe von Damaskus stammt. Die Platten sind von Marmor und wunderschön graviert. Das Werk stammt aus dem 15. Jahrhundert. Eine jüdische Arbeiterkolonie im Herzen Australiens Rev. A. T. Boas aus Adelaide besuchte kürzlich die jüdische Arbeiterkolonie iii der Minenstadt Bröken Hill, der bekannten Silbermine im Herzen des wilden Australien. Es befinden sich dort fast zweihundert jüdische Arbeiter, meistens russische Einwanderer, die nur jüdisch sprechen. Der Besuch des Rabbiners erweckte unter den Leuten, die hier abgeschlossen von aller Kultur und fern von jedem jüdischen Zentrum leben, lebhafte Befriedigung. Gelegentlich der letzten Feiertage fand bereits ein jüdischer Gottesdienst statt, und es wurden Schritte eingeleitet, um die Einrichtung eines beständigen Gottesdienstes zu ermöglichen. Auch eine jüdische Schule wurde gegründet, die zwar noch klein ist, aber immerhin als „Oase in der Wüste" Bedeutung hat. Einwanderung nach Kanada Ottawa (Kanada), 11. Dez. Die Regierung hat ihre Vertreter in Europa telegraphisch angewiesen, die Einwanderung nach Kanada in diesem Winter nicht zu ermutigen. Vertreibung der Juden aus Wladiwostok. Japanische Zeitungen berichten, daß im Anschluß an die jüngsten Militärunruhen in Wladiwostok alle Juden aus der Festung vertrieben worden sind. Ein Richter und seine Berichtigung Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte bei dem Präsidenten des Königlichen Landgerichts Thorn Beschwerde gegen einen Amtsrichter in einer Stadt Westpreußens erhoben, der beim Konkurse eines jüdischen Glaswarenhändlers die Ernennung eines Juden zum Konkursverwalter mit Rücksicht auf die Konfession abgelehnt hat. Zur Begründung seiner Ablehnung erklärte der Amtsrichter: „Die Juden bilden einen Staat für sich, sie unterstützen sich gegenseitig und ergreifen einer für den anderen Partei." Die Beschwerde wurde abgewiesen mit dem Hinweis, daß der Amtsrichter überhaupt nicht verpflichtet gewesen sei, die Gründe seiner Ablehnung anzugeben und deshalb dieser Teil seiner Erklärung als außeramtlich anzusehen sei. Der Zentralverein beruhigte sich dabei nicht. Er wandte sich beschwerdeführend an den Oberlandesgerichtspräsidenten in Marienwerder und erhielt folgenden Bescheid: „Die über den Amtsrichter N. erhobene Beschwerde habe ich geprüft und insofern für begründet erachtet, als die von dem betreffenden Richter inbezug auf das Judentum getanen Äußerungen meines Erachtens besser unterblieben wären, (sie! Die Red.) Dies ist von mir dem Amtsrichter eröffnet worden." Uns scheint daß auch die famose Antwort des Herrn Oberlandesgerichtspräsidenten „besser unterblieben wäre". NOTIZEN Bernhard Shaw — und das Judentum Der bekannte englische Schriftsteller Bernhard Shaw hatte im „März" eine Artikelserie gegen Max Nordau erscheinen lassen, der sich seinerseits in einem in der „Frankfurter Zeitung" veröffentlichten, übrigens sehr witzig und geistvoll abgefaßten, Artikel dagegen wehrte. Dabei machte Nordau Shaw den Vorwurf des Antisemitismus, weil er Nordaus Judentum mehrfach stark unterstrichen hatte. Hierauf entgegnet nun Shaw wiederum in der „Frankfurter Zeitung" in einer „offenen Antwort", der wir folgende bemerkenswerte Einleitung entnehmen: Der Brief, den Sie in den Spalten der „Frankfurter Zeitung" an mich gerichtet haben, beruht teilweise auf einem Mißverständnis, das ich aufs Tiefste bedaure. Wenn ich erwähnte, daß Sie Jude sind, als ich Sie meinen Lesern vorstellte, hatte ich nicht die Absicht, das antisemitische Vorurteil auszunützen, um Sie herabzusetzen. Es fiel mir nie ein, anzunehmen, daß Sie etwas anderes als stolz darauf sein könnten, ein Jude zu sein. In England gibt es keine Antisemiten: wir haben statt dessen Zionisten; und ich bin als Freund der Zionisten bekannt. Wenn man hier für einen Menschen Interesse erregen will, muß man von ihm sagen, daß er Jude sei. Am 19. April eines jeden Jahres pilgern unsere Konservativen, unsere Imperialisten, unsere Anhänger der Hofpartei zum Monument des einzigen Premierministers von England, der ein Jude gewesen ist, und bedecken das Postament mit seinen Lieblingsblumen, den Primeln. Die vornehmsten Peers in. unserem „House of Lords" heiraten Jüdinnen und werden als glücklich in ihrer Wahl betrachtet. In Deutschland kann es Ihnen nicht schaden, daß ich Ihre Rasse erwähnte, weil das jedermann weiß. In England wird es Ihnen nützen, weil jedermann sofort daraus schließen wird, daß Sie ein fähiger, ein reicher, ein gebildeter Mann und ein Mann von guter Herkunft sind. Der einzige Jude, der in England verachtet wird, ist der Jude, der sich seiner Rasse schämt. Solche Menschen werden überall verachtet, ob sie nun Juden sind oder Heiden. Misrachi Das Bureau des „Misrachi" bringt ein Flug hl att folgenden Inhalts zur Versendung: Mag man zur zionistischen Frage sich stellen, wie man wolle, der Tatsache wird sich wohl kaum jemand verschließen können, daß noch nie ein Gedanke eine ähnliche Werbekraft entwickelt hat, wie der zionistische. Kaum ein Jahrzehnt ist dahingeschwunden, seitdem der politische Zionismus die Losung ausgegeben, die Judenheit in der Diaspora wieder mit nationalem Geiste zu erfüllen, die wirtschaftliche Erschließung Palästinas anzubahnen und auf seinem Boden eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk zu errichten, — und zu Hunderttausenden sind sie herbeigeströmt, unterschiedlos aus allen Lagern Judas, eine imposante Kundgebung, daß ihm das Volksbewußtsein noch nicht geschwunden. Wohl konnte ein rein nationales Judentum den Gesetzestreuen nicht genügen; aber wem durf te mehr Verständnis zugemutet werden für das „Mitauch schelau lischmo bo lischmo" als gerade dem Teile unserer jüdischen Brüder, dem eben die Worte unserer Weisen nicht hohle Phrase, sondern das Leitmotiv seiner Handlungen bilden. In der Tat folgten weite Kreise gesetzestreuer