Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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16 —~--- —= D1E3 Jüdische Volksuniversität Paris Die diesjährige Jahresversammlung der Jüdischen Volksuniversität war dadurch ausgezeichnet, daß bei ihr sowohl hervorragende Vertreter des Zionismus wie solche des offiziellen Judentums anwesend waren und sich zu einer gemeinsamen Kundgebung jüdischer Solidarität vereinigten. Nicht oft hörte man bis jetzt in schneller Aufeinanderfolge Reden von Vertretern so verschiedener Anschauungen, wie sie die Namen Narcisse Leven, Präsident der Alliance Israelite, und Rabbiner Israel Levy auf der einen und Dr. Mann orek nnd Dr. Max Nord au auf der anderen Seite darstellen. Der erste Redner war Dr. Marmorek, der Ziel und Zweck der Jüdischen Volksuniversität darlegte: jüdische Auswanderer für den Lebenskampf vorzubereiten und sie zugleich dem Judentum nahe zu bringen und zu erhalten. Narcisse Leven betonte die hohe Aufgabe, die sich die Volksuniversität gestellt habe. Die Bemühungen dieser Anstalt müßten von jedem guten Juden unterstützt werden. Er wandte sich gegen die neuerliche „Reform"-Bewegung und erinnerte demgegenüber an den hohen Wert, der der Volksuniversität als Hüterin des überkommenen Judentums beiwohne. Dr. Max Nord au dankte in seiner Rede den französischen Juden für die warme Unterstützung, die sie der Anstalt zuteil werden ließen. Die Volksuniversität sei von Zionisten gegründet, aber sie verfolge allgemeinjüdische Zwecke. Sie lege großen Wert insbesondere auf die Erlernung des Hebräischen, und sie kämpfe auf der ganzen Linie gegen die Entjudung, die sie als ein Unglück für die Juden betrachte. Der Vorsitzende, Dr. Marmorek, dankte den Rednern, die, wie er sich sehr hübsch ausdrückte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Judentums repräsentierten, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch weiterhin alle Richtungen in der Unterstützung des Werkes der Volksuniversität einig sein würden. Nationale Schülerinnen Lemberg: Aus dem Lemberger Mädchen Lizeum der Frau Niedziaskowska ist vor einigenTagen eine größere Anzahl von jüdischen Mädchen ausgetreten aus Gründen, die beweisen, wie die zionistische Idee unter der studierenden Jugend in Galizien tiefe Wurzel gefaßt hat. Die Erziehungsanstalt der Frau Niedziaskowska wird nämlich im chauvinistisch-polnischen Geiste geführt, und auch die jüdischen Schülerinnen müssen ein assimiliertes Polentum heucheln. Am 29. November befahl nun die Vorsteherin dieser Anstalt allen Schülerinnen, also auch den jüdischen, einen Gottesdienst in der Kirche zu besuchen, welcher zu Ehren des ersten polnischen Aufstandes stattfinden sollte. Im Namen der jüdischen Schülerinnen erklärte aber Frl. Kavach, daß sie als Jüdinnen sich zum Polentum nicht bekennen und an den Gottesdienst nicht teilnehmen wollen. Frau Niedziaskowska wurde darüber so erbost, daß sie erklärte, sie wolle keine zionistische Schülerinnen in ihrer Anstalt haben, und als vier Mädchen der V. Klasse sich dennoch als Zionistinnen an der polnisch-patriotischen Feier nicht beteiligen wollten, schloß sie sie aus ihrer Anstalt aus. Die übrigen zehn jüdischen Schülerinnen, welche das Lizeum besuchten, traten freiwillig aus. — Dem Frl. Kavach, welches sich so mutig der Vorsteherin als Zionistin vorstellte, sandte die „Emunah" (akadem. Verbindung) einen schönen Blumenstrauß. Die polnischen Blätter nennen aber diesen Vorfall ein „unerhörtes Vorgehen der jüdischen Schülerinnen. * Die Aliens=Act Die Handhabung der Aliens-Act erregt unter den Juden Englands in wachsendem Maße Unwillen, da es sich immer klarer zeigt, daß das an und für sich harte Gesetz durch die neuerlich beliebte Art der Anwendung zu einer direkten Ausschließung jüdischer Einwanderer aus England benutzt wird. Dazu kommt daß die ausführenden Beamten nicht eben wählerisch sind, wenn es sich darum handelt, Mittel und Wege zu finden, um diesen versteckten Antisemitismus zum Ausdruck zu bringen. Über einen dafür bezeichnenden Fall berichtet die „Jewish World": Vor dem Einwanderungsamt erschienen zwei junge Mädchen, die behaupteten, Schwestern zu sein und Colton zu heißen, obwohl sie ursprünglich angegeben hatten, ihr Name sei Silverstein. Die eine von ihnen hatte außerdem behauptet, sie sei verheiratet und habe zwei Kinder. All dies widerriefen sie jetzi, indem sie sagten, zu ihren ersten falschen Angaben durch den russischen Agenten veranlaßt worden zu sein, der sie über die Grenze geschmuggelt hatte. Vor dem Gericht waren auch eine Schwester und ein Bruder der beiden erschienen, die in London ansässig sind. Der Bruder betreibt ein Restaurant im Eastend. Diese beiden erklärten sich bereit, je eine der beiden Einwanderer bei sich aufzunehmen. In der KE'LT ----= No. 51 Verhandlung wurde festgestellt, daß der Vertreter einer Vereinigung draußen warte. Der Vorsitzende ließ ihn ersuchen, hereinzukommen. Der betreffende Beamte' kam indessen ohne diesen Herrn zurück und flüsterte den Mitgliedern des Gerichtshofes etwas zu, das offenbar die Erklärung dafür enthielt, daß der betreffende Herr nicht hereinkommen könne oder wolle. Hierauf ging eines der Mitglieder des Gerichtshofes hinaus und kam nach wenigen Momenten zurück, indem er laut erklärte, der draußen wartende Herr sei der Meinung, die beiden Einwanderer dürften nicht zugelassen werden, und hinzufügte, er schließe sich dieser Meinung an. Nach einer kurzen Beratung verkündete hierauf der Gerichtshof, die beiden Mädchen seien wegen Mangels an Mitteln nicht zuzulassen. Die „Jewish World" bemerkt dazu, daß dieser Grund unzutreffend sei, da die Mädchen £ 7.10 sh in ihrem Besitze hatten und ihnen außerdem ein Heirn und Arbeit zugesagt war. Der Vertreter des Blattes hatte eine Unterredung mit dem mysteriösen Herrn im Vorzimmer, der ihm aber erklärte, er sei von seiner Vereinigung verpflichtet, keinerlei Auskunft zu geben, und es sei ihm auch verboten, wie es sonst üblich ist, öffentlich Zeugnis abzulegen. Die „Jewish World" erhebt nun die Frage, ob es zulässig sei, daß auf Grund eines geheimen und unkontrollierbaren Gutachtens irgendeiner Vereinigung die Nichtzulassung von Einwanderern ausgesprochen werden könne. Zugleich weist sie auf die befremdliche Tatsache hin, daß dieser geheimnisvolle Herr sich im Vorzimmer des Gerichts habe aufhalten dürfen, während die Vertreter der jüdischen Wohltätigkeitsgesellschaften in den Gerichtsgängen warten müssen und daher nicht in die Lage kommen können, sich mit dem Gerichtshof oder den Einwanderern während der Verhandlung in Verbindung zu setzen. # •*••: In der jüngst stattgehabten Jahreskonferenz des Jewish Board of Deputies kam es zu scharfen Debatten in bezug auf die Aliensact. Mr. Herbert Bentwich führte in einer längern Rede aus, daß der Vorstand in dieser Angelegenheit nicht energisch genug vorgegangen sei. Man habe eine Politik des Zauderns und der Schwäche verfolgt, während ein entschlossenes Auftreten nötig gewesen sei. Die jetzige Handhabung der Aliensact sei eine Schande für England, und es .sei unerhört, daß die englischen Juden nicht schärfer dagegen vorgingen. In der Debatte wurde noch von mehreren Seiten hervorgehoben, daß der Board of Deputies unbedingt eine schärfere Agitation gegen die Aliensact entfalten müsse, indessen wurde ein Mißtrauensvotum gegen die Haltung des Vorstandes in dieser Angelegenheit abgelehnt. Immerhin läßt die Haltung der Versammlung erwarten, daß die maßgebenden englisch-jüdischen Kreise sich jetzt energischer gegen dieses Ausnahmegesetz wenden werden, das, wie Herr Greenberg in der Diskussion treffend ausführte, lediglich die Ärmsten trifft und den Antisemitismus in England großzüchtet der noch vor einigen Jahren dort unbekannt gewesen ist. Sowohl bei dieser Debatte wie bei der über die Frage der russischen Juden wurde die Haltung der großen Mehrzahl der jüdischen Parlamentsabgeordneten bedauert, die sich lediglich als Vertreter ihrer Wahlkreise fühlten und für jüdische Interessen nichts übrig hätten. Es sei nötig, nicht Abgeordnete, die Juden seien, sondern jüdische Abgeordnete zu wählen. Jüdische Schauspieler vor englischem Gericht Zu welch kuriosen Vorkommnissen die neuerdings geübte strenge Handhabung des Fremdengesetzes in England führt, zeigte ein Fall, der jüngst verhandelt wurde. Ein jüdischer Schauspieler war, nachdem er bereits in England gewesen war, nach Berlin gegangen, um seine Frau mit herüber zu bringen. Indessen hatte er nicht mit der Einwanderungskommission gerechnet, die ihn nicht zulassen wollte. Um das Gericht zu überzeugen, daß er tatsächlich ein Schauspieler und in der Lage sei, sich damit zu ernähren, spielte er dem Gericht sein Repertoire vor und bewies außerdem, daß er bereits ein Engagement habe. Es gelang ihm, die Richter, die vielleicht zum erstenmal jüdische Gesänge gehört haben mögen, dergestalt zu überzeugen, und man ließ ihn samt seiner Frau herein. Amerika New-York, 25. Nov. Eine interessante Entscheidung wurde dieser Tage in der Klagesache eines Hotelbesitzers gegen einen Mieter gefällt. Ein Herr Abbott hatte im „Hotel Renaissance" Räume gemietet. Bevor er die Wohnung bezog, änderte er seine Absicht und wünschte den Mietvertrag zu lösen. Der Direktor des Hotels erklärte sich erbötig, den Vertrag mit Abbott aufzuheben, wenn dieser als Ersatz einen anderen zahlungsfähigen Mieter finde. Abbott annoncierte, und es meldete sich ein Herr W. Salomon, ein New-Yorker Geschäftsmann, der die Wohnung besah und, da sie ihm gefiel, mietete. Bevor er indessen einziehen konnte, teilte die