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Die Welt · 1907-12-20 · 51 (20.12.1907) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 51 M#8ffiELT 15 Große jüdische Volksversammlung in Wien Der Jüdische Nationalverein für Österreich veranstaltete jüngst im „Goldenen Widder" eine Volksversammlung mit der Tagesordnung: „Die klerikale Gefahr. — Wiener Freisinn." Die Versammlung war massenhaft besucht. Dr. Schalit, der die Versammlung leitete, wies darauf hin, wie vielen Mißverständnissen unsere Bewegung noch immer begegne. Das komme daher, daß die Wiener Juden ihre Informationen über die Vorgänge im politischen Leben lediglich aus der korrupten liberalen Presse schöpften. Reichstagsabgeordneter Dr. Gabel (stürmisch akklamiert) führte aus: Die Juden haben das größte Interesse, die antiklerikale Bewegung, die aber erst jetzt größere Dimensionen annimmt, wo der Klerikalistnus seine Fangarme bereits nach den Hochschulen ausstreckt, zu unterstützen. Denn die Kierikalisierung der Hochschulen wäre für die Juden eine ernste, nicht zu unterschätzende Gefahr. Liefern doch die Hochschulen dem Staate die Richter und Verwaltungsbeamte, welche, wenn sie den antisemitischen Geist an den Hochschulen einmal eingesogen haben, ihn gewiß auch im praktischen Leben betätigen werden. (Zustimmung.) An der Hand eines reichen statistischen Materials weist Redner nach, daß die angebliche Verjudung der Hochschulen eine leere Phrase sei. Bis zum Jahre 1890 sei die Zahl der Juden an den Hochschulen prozentuell gestiegen; von diesem Zeitpunkte ab, wo der Antisemitismus immer weitere Volkskreise ergriff, sei die Zahl der jüdischen Hochschüler in ständiger Abnahme begriffen. Redner schloß mit einem Appell, an die Gründung jüdisch nationaler Schulvereine zu schreiten. (Lebhafter Beifall.) Reichsratsabgeordneter Dr. A. Mahl er berichtet, daß, als der Dringlichkeitsantrag Masaryk eingebracht wurde, man den „Jüdischen Klub" bestürmt habe, den Dringlichkeitsantrag nicht mitzuunterzeichnen. Die Vertreter des weitesten kosmopolitischen Freisinns haben sich dagegen gewendet, daß Juden zum Antrage Masaryks Stellung nehmen. „Wir werden der Sache schaden, wenn das „Deutsche Volksblatt" schreiben wird, der Antrag war von Juden gezeichnet und befürwortet." Für solch einen Freisinn bedanken wir uns! Wir bekennen stolz unser Judentum und verlangen, daß man uns das gebe, worauf wir als Vollmenschen ein Anrecht haben, daß man uns die Möglichkeit gibt, für unser Volk und die Menschheit groß zu werden. (Begeisterter Beifall.) Der Vorwurf, daß wir die Juden separieren und in ein Ghetto sperren wollen, ist ebenso lächerlich als unbegründet. Denn, wenn ein Volk als gleichberechtigtes separiert ist, dann ist es nicht separiert. (Lebhafter Beifall.) Lucian Brunn er führt aus, in seinem Kampce gegen den Scheinliberalismus und die Klerikalen sei es ihm ebenso ergangen wie dem Dr. Mahler. Als er in der Gemeinde seinen bekannten Kampf führte, ist er zum Kultusvorstand berufen worden, und hier bat man ihn mit aufgehobenen Händen, den Kampf gegen den Antisemitismus aufzugeben. Dr. Straucher erinnert an die Debatte über die galizischen Wahlmißbräuche, die zu Beginn dieser Session im Abgeordnetenhause geführt wurde. Damals habe Dr. Löwenstein (Pfuirufe), der Sohn eines deutschen Rabbiners, den Beruf in sich gefühlt, das Rächeramt des Polenklubs zu üben. Er provozierte uns, schalt uns Reaktionäre und denunzierte die zionistische Bewegung. Wir werden diesen [verräterischen Überfall des Löwenstein gegen jüdische Abgeordnete nie vergessen. Er warf uns vor, wir lebten mit den Ruthenen in einer illegitimen Ehe. Wir haben uns niemanden verpflichtet. Für unser Tun und Lassen ist einzig das Wohl des jüdischen Volkes bestimmend. Diese ernsten Zeiten fordern den engsten Zusammenschluß aller bewußten Juden; denn nur eine auf gesunder, jüdischer Volkskraft aufgebaute Partei kann der drohenden Gefahr mit Erfolg begegnen. (Jubelnder Beifall.) Dr. Nathan Birnbaum führt aus, daß der Freisinn nirgends so viele Niederlagen erlitten habe wie bei uns, weil sich zu viel Juden in die freisinnige Partei hineingedrängt und den größten Teil der Christen aus dieser Partei verjagt haben. Hierauf sprachen Herr med. Kohn namens der jüdischen Studenten und jur. Löhner, der eine Resolution vorlegte, in welcher dem Jüdischen Klub für seine dem jüdischen Volke zum Wohle und Ehre gereichende Tätigkeit der Dank und das Vertrauen ausgesprochen wird. Die Resolution wurde unter stürmischem Beifalle einstimmig angenommen. Mit der Aufforderung, unserer Organisation beizutreten, schloß Dr. Schalit die Versammlung. Zwei interessante „Taten" unserer Wiener, von Juden gewählten freisinnigen Abgeordneten Hock, Kuranda, Ofner, die in der Versammlung bekannt wurden, riefen einen Sturm der Entrüstung hervor. Abg. Gabel teilte nämlich auf eine Anfrage mit, daß diese „Freisinnigen" sich geweigert haben, eine von ihm eingebrachte Interpellation zu unterfertigen, in der er das Vorgehen des Augenarztes Prof. Fuchs, der einen kranken Juden aus seinem Zimmer weisen ließ, ins rechte Licht rückte. Das zweite Heldenstückchen haben sie sich erst neulich geleistet. Sie haben einen Antrag auf Ausdehnung des Gesetzes über die Sonntagsruhe auf jene Gewerbe eingebracht, die bisher hiervon ausgenommen waren. Daß dadurch wiederum Hunderte jüdischer Existenzen ruiniert würden, das ficht die „liberalen" Herren wenig an. Die jüdischen Wähler werden bei den nächsten Wahlen dieser „freisinnigen" Tätigkeit nicht vergessen. Aus der territorialistischen Bewegung Wie wir schon berichteten, hat Israel Zangwill auf einer Massenversammlung am Sonntag den8.ds.Mts. in Manchester erklärt, daß die Geographische Kommission der territorialistischen Organisation Nordafrika, für das von der Ito gesuchte Territorium in Vorschlag gebracht habe. Wir geben aus der Rede auszüglich den Passus wieder, der sich mit der Lage dieses Territoriums beschäftigt. Mr. Zangwill führte aus: „Hier in diesem riesigen, halb unbekannten, halb bevölkerten und nur halb beherrschten Gebiet, durchweg mit gemäßigtem Klima und nirgends tropisch, mit fruchtbarem Boden, das einen Anschluß an den Welthandel durch die halbentwickelten oder halbverfallenen Häfen des Mittelmeeres hat, einen Kern einer jüdischen Bevölkerung, und zwar ackerbautreibender, aufweist, Rußland und Rumänien, den Zentren der Judenverfolgungen, leicht zugänglich ist, hier in diesem ausgedehnten Sonnenlande muß ein Zufluchtsplatz für die Juden gefunden werden. Ringsumher liegen als stumme Zeugen für Mißverwaltung und Nachlässigkeit und die Launen der Geschichte, die Ruinen alter Städte und alter Kulturen. Und dieses ungeheure Nordafrika enthält Strecken, die noch nie erforscht wurden, bis zur Sahara hin, die unsere modernen Wissenschaften aus einer Wüste zu einem fruchtbaren Lande machten und bis zum Sudan, einem Lande mit einer hochzivilisierten Vergangenheit. Südwestlich von Ivlarokko liegt ein Land so groß wie England, mit einer ausgezeichneten Seekiiste, das jetzt tatsächlich niemandem gehört und nur von einigen nomadisierenden Beduinen bewohnt ist; und eine der interessantesten Begebenheiten in der Geschichte der Ito war das Erscheinen eines Arabers in unseren Bureaux, der Einfluß beim „Heiligen Mann" von Artar besaß und Konzessionen für uns erlangen wollte. Wenn wir Egypten den Egyptern überlassen, so frage ich, welch anderes Volk hat ein so hohes heiliges Anrecht auf Nordafrika wie die Juden? Abgesehen von unserer eigentlichen Heimat Egypten, besiedelten wir zur Zeit, da Palästina noch ein eigener Staat war, die ganze südliche Mittelmeerküste, Jahrhunderte vor der christlichen Aera. Heute finden Sie auf einer Million Quadratmeilen in Nordafrika nur zwölf Millionen Bewohner, gerade soviel, wie es Juden gibt. Es wäre ein phantastischer Einfall anzunehmen, die Juden sollten eine Million Quadratmeilen monopolisieren dürfen. Aber es ist kein Grund vorhanden, warum sie nicht fünfzigtausend bekommen sollten". Mit Bezug auf die Meinung der Geographischeu Kommission gegenüber diesem Projekt führte Mr. Zangwill aus, daß Dr. Paul Nathan kein Urteil habe abgeben können, da er zurzeit auf einer Orientreise begriffen sei. Aber von den anderen vier habe keiner das Land als unerwünscht oder unerreichbar bezeichnet. Lord Rothschild habe gebeten, im Hinblick auf die augenblickliche Lage in Nordafrika zurzeit irgendwelche Schritte mit bezug auf die Ansiedlung der Juden dort nicht zu tun. Oskar Strauß habe als Vorbedingung die Entsendung von kaufmännischen, technischen und landwirtschaftlichen Sachverständigen bezeichnet. James Simon habe £ 250.— für die Kosten gespendet. Dr. Mandelstamm habe ursprünglich transatlantische Gebiete vorgezogen, sei aber nachher zu der Einsicht gekommen, daß ein nordafrikanisches Territorium bessere Chancen für eine Autonomie biete. Nach Beendigung der marokkanischen Wirren müßte eine Kommission zur Untersuchung des Landes entsandt werden und, falls ihr Bericht günstig laute, woran Redner nicht zweifelt, sollen diplomatische und finanzielle Schritte unternommen werden. Amerika Zu der in unserer jüngsten Nummer behandelten Angelegenheit der Flucht jüdischer Emigranten aus Texas, die s. Zt. mit den Galveston-Transporten dorthin gekommen und infolge unmenschlicher Behandlung gezwungen waren, unter großen Entbehrungen nach Chicago zu flüchten, berichtet der in Minneapolis erscheinende „Scribe" noch, daß hervorragende amerikanische Juden sich der Unglücklichen angenommen haben und beabsichtigen, deren Sache vor das Ministerium in Washington zu bringen.

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