Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 DIE3^ELT No. 51 ganz ungewöhnliche Kälte mit sich bringt. Dabei müssen sich sieben Achtel der Bevölkerung ohne Feuerung behelfen, die meisten der Häuser besitzen gar keine Ofenanlage. Brauchbare Öfen findet man nur in den neuesten Gebäuden. Brandholz ist im Preise ebenfalls außerordentlich gestiegen, und aus Europa importierte Kohlen oder Briketts sind ein Luxusgegenstand, den sich zu beschaffen nur dem Reichen möglich ist. Inzwischen. hat die Einwanderung aus Rußland einen immer größeren Umfang angenommen, und dazu kommen in diesem Jahre noch Tausende von marokkanischen Flüchtlingen, die die unglücklichen Ereignisse aus ihrem Lande vertrieben haben und die nun, aller Mittel entblößt, in Jerusalem anlangen. Das Arabisch, das sie sprechen, wird hier zu Lande kaum verstanden, Hebräisch können sie nur ein paar Brocken, Arbeitsgelegenheit ist fast keine vorhanden, — so kann man sich vorstellen, in welch trauriger Lage sich diese Unglücklichen hier befinden. Mitte November starb hier Herr J. Benchimol, der Direktor des Mayer-Rothschild-Hospitals, nach langer und schwerer Krankheit. Benchimol war 35 Jahre lang Lehrer und Vertreter der Alliance Israelite, bevor er vor wenigen Jahren die Leitung des Rothschild- Hospitals übernahm. Drei Motorwagen schmücken seit einiger Zeit den Hof des Zollamtes in Jaffa. Die Wagen waren von einem unternehmenden Hotelier in Jaffa bestellt. Da indessen die Einführung von Automobilen in Palästina verboten ist, wurden sie von der Zollbehörde angehalten und bisher auch trotz aller Reklamationen nicht herausgegeben. Die Wagen befinden sich übrigens in guter Gesellschaft. Es lagern nämlich dort verschiedene elektrische Maschinen, die vor einigen Jahren für Beleuchtungszwecke usw. eingeführt, bis jetzt aber nicht herausgegeben wurden. Übrigens verlautet mit Bestimmtheit, daß Jerusalem spätestens in zwei Jahren elektrische Beleuchtung erhalten soll. Angeblich bewirbt sich eine französische Firma in Konstantinopel um die Konzession. Nachdem jüngst Damaskus eine elektrische Straßenbahn und Beirut elektrische Beleuchtung bekommen hat, darf man vielleicht wirklich hoffen, daß auch Jerusalem bald von seiner vorsintflutlichen Petroleumbeleuchtung befreit werden wird. Dr. Paul Nathan in Palästina Herr Dr. Paul Nathan weilt seit 14 Tagen in Palästina und hat dem Hilfsverein der Deutschen Juden eingehende Berichte erstattet über die infolge einer Mißernte und des Wassermangels entstandene Teuerung in .den verschiedenen Städten des Landes. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat daraufhin Herrn Dr. Nathan sofort die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt, um eine zweckmäßige Beihilfe zur Mehlbeschaffung für die ärmere jüdische Bevölkerung in allen Orten, an denen Not herrscht, zu organisieren. Ein Run auf die Anglo-Palestine-Company Verschiedene Blätter berichten von einem Run, der auf die Anglo-Palestine-Company in Jerusalem stattgefunden hat. Tatsächlich hat sich etwas derartiges zugetragen. Infolge der ungeschickten Meldungen eines Jerusalemer Blattes wurde unter den zahlreichen Depositengläubigern der Bank eine Unruhe erweckt, die sich allmählich bis zu einer wirklichen Panik steigerte. Man drängte sich an den Schaltern der A. P. C. und hob in Eile seine Einlagen ab. Es braucht bei unserer Bank nicht erst erwähnt zu werden, daß alle Rückzahlungen prompt und ohne irgendeine Stockung erfolgten, sodaß sich die Unruhe bald legte und die Depots wieder in die Kassen der A. P. C. zurückflössen. Wenn natürlich auch ein solches Vorkommnis schließlich für eine Bank nicht zu den Annehmlichkeiten zu zählen ist, so hat in diesem Falle die überaus korrekte Zahlungsweise unserer Bank, die nicht nur die kündlosen Depots, sondern auch die auf fixe Termine eingezahlten anstandslos auszahlte, auf die Bevölkerung den besten Eindruck gemacht und das an und für sich ausgezeichnete Renommee der A. P. C. noch gehoben. Türkei Auf die eigene Initiative des Sultans hin wurde kürzlich eine Kommission eingesetzt mit dem Auftrage, Syrien und Mazedonien zu bereisen und dort zu studieren, welche Maßregeln erforderlich sind, um diese beiden Länder wieder ihrer alten Blüte zuzuführen. - Italien Ernesto Nathan, der neugewählte Bürgermeister von Rom, wurde vor einigen Tagen vom König von Italien in Audienz empfangen. Die Begegnung verlief überaus herzlich. Interessant und zugleich pikant ist, daß der am meisten in Betracht kommende Gegenkandidat Nathans bei der Bürgermeister wähl, gleichfalls ein Jude war. Tunis i i Unter den tunesischen Juden macht sich eine lebhafte Belegung bemerkbar, die darauf abzielt, die bestehenden gesetzlichen Benachteiligungen der jüdischen Bevölkerung abzuschaffen. Schon seit einigen Jahren protestieren unsere tunesischen Brüder gegen i <lie Ungleichheit, die ihnen das Regime des Frankreichs der Freiheit und Gleichheit auferlegt hat. Mehr und mehr werden sie von den 'Vorteilen ausgeschlossen, die die Naturalisation zu gewähren imstande ist Juden werden in Tunis nur mehr ausnahmsweise . naturalisiert. Vor der französischen Okkupation bestand dieser Zustand der Ungleichheit allerdings auch. Damals aber konnten sich die tunesischen Juden wenigstens unter den Schutz eines Konsuls , irgendeiner europäischen Macht stellen und galten dann als Bürger dieses Landes. Heute ist dieser Ausweg unmöglich, und so kommt es, daß auch im Gebiete des „freien" Frankreich irgendwo die famose Einrichtung der „fremden" Juden existiert, die weder Bürger ihres Wohnlandes noch die eines anderen Staates und infolgedessen der ganzen Willkür der lokalen Behörden ausgesetzt sind. Die neue Kampagne gegen diesen Zustand wird besonders intensiv von der Zeitung „Justice" geführt, die sich der jüdischen Interessen warm annimmt. Es scheint, als ob der Bewegung Erfolg beschieden sein sollte. Wie verlautet, erwägt jetzt die Regierung die Mittel und Wege, wie die Naturalisation der tunesischen Juden in größerem Maßstabe erfolgen kann. Eine allgemeine Emanzipation, wie sie seinerzeit in Allgier stattgehabt hat, wünscht man aus politischen Gründen zu vermeiden. Vielmehr will man den Weg der Einzelemanzipation gehen und diese zunächst den Juden zuteil werden lassen, die sich durch besonders hohe persönliche Eigenschaften in erster Linie dazu eignen. Außerdem soll als Vorbedingung die Absolvierung einer zwei- oder dreijährigen Dienstzeit gelten. Es ist sicher, daß die junge Generation mit Freuden diese Gelegenheit wahrnehmen wird, sich selbst die Vorteile der Emanzipation zu verschaffen, indem sie zugleich ihrem Heimatlande Dienste erweist. Ein Rechtsstreit, der jüngst vor dem Appellationsgericht in Paris geführt wurde, zeigt zur Evidenz, wie notwendig es ist, die Lage der Juden gesetzlich zu regeln. Moise Attal, ein junger tunesischer Jude, hatte seine juristischen Studien beendet, seine Examina mit Auszeichnung bestanden und suchte nun beim Pariser Gericht die Zulassung als Rechtsanwalt nach. Die Zulassungsstelle entschied, daß dem Gesuche nicht stattzugeben sei, da der Antragsteller ein Fremder sei. Er appellierte an das Appellationsgericht, das aber den ersten Entscheid bestätigte und sein Gesuch endgültig abwies! Das erste Erfordernis, um vor französischen Gerichtshöfen als Rechtsanwalt zu fungieren, sei der Besitz des französischen Staatsbürgerrechts. Ein Tunese gilt aber in Frankreich als Ausländer, und ein tunesischer Jude ist in Frankreich eben ein Tunese, also ein Ausländer. In Tunis wiederum hat der Jude nicht Staatsbürgerrecht und gilt also wiederum als Ausländer. Er kann dort keine offiziellen Funktionen ausüben. Man sieht, in welche unangenehme Zwangslage ein Jude kommen kann, der das Unglück hat, in Tunis geboren zu sein. Es fällt uns schwer, zu glauben, daß derartige Zustände unter französischem Regime möglich sein sollen, und wir können nicht begreifen, daß nicht die französischen Juden längst eine Änderung dieses abscheulichen und der „großen Nation" durchaus unwürdigen Zustandes herbeigeführt haben. Inzwischen ist die Frage in ein neues bemerkenswertes Stadiuni getreten. Sie ist im Parlament behandelt worden, und die Art, in der das geschah, läßt hoffen, daß die Angelegenheit bald eine gute Lösung findet. Während der Debatte über das Budget des Ministeriums des Äußeren behandelte Maurice Colin, der Deputierte für Algier, die Frage der tunesischen Juden. Er führte aus, daß es ihnen gegenwärtig fast unmöglich sei, die Naturalisation zu erlangen, und verlangte, daß ihnen diese nicht en bloc, wie seinerzeit in Algier gewährt werde, sondern daß die einzelnen Juden sich die Naturalisation durch Talent, moralische Vorzüge und Dienstwilligkeit gegenüber ihrem Heimatslande verdienen könnten. Der Minister des Auswärtigen, HerrPichon, entgegnete, daß er selbst während seiner Amtsführung als tunesischer Resident sich von der Unnahbarkeit des augenblicklichen Zustandes überzeugt und sein Bestes getan habe, ihn zu mildern. Er stimme ganz mit den vom Vorredner gezeichneten Linien über die Art der Durchführung der Judenemanzipation in Tunis überein. Es werde demnächst eine Kommission eingesetzt werden, die die Frage, wie tunesische Juden und Mohammedaner französische Bürger werden könnten, studieren werde. Die Kammer nahm diese Erklärung sehr beifällig auf. Marokko Die „Tribüne" meldet, daß ein jüdisches Dorf in der Nähe von Sefru, nur 6 Meilen von Fez entfernt, von Berbern überfallen wurde, die eine große Anzahl Frauen und Kinder gefangen mit sich fort führten.