Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 51 DIE MKE LT 13 eine russische Spielart des Grafen Pückler— macht Alarm mit diesen Nachrichten. Purischkiewitsch wünscht sehnlichst, daß es wahr wäre, aber er kann die Zweifel, die in ihm auftauchen, nicht unterdrücken. Er fragt Konownizyn, ob diese Überfüllung nicht imaginär ist; Konownizyn beteuert die Genauigkeit seiner Angaben, aber Purischkiewitsch ist skeptisch. Kennt er ja seine Pappenheimer. Der Premier-IVlinister drahtet dann dringend nach Odessa, man möge ihm sofort die Statistik jüdischer Studenten einsenden. Schon zehnmal hat man sie eingesandt. Die Zahl beträgt mehr als die vorgeschriebenen 10° o. Sind ja einige Universitäten geschlossen, und da drängt man sich natürlicherweise in diejenigen, die offen geblieben sind. Es ist aber keine Spur von einer „Judenüberfüllung". Es können ja nicht mehr, als die vorgeschriebenen Normen sein, nachdem man in den Gymnasien die Beschränkungen streng durchgeführt hat. Sind in manchen Städten mehr als die Norm vorhanden, so sind in andern gar keine da. Die Gesamtzahl entspricht mehr oder weniger der vorgeschriebenen Norm, — das unterliegt ja keinem Zweifel. Trotzdem wird fortwährend hin und her telegraphiert. Die Behörden lassen sich von den echtrussischen Verbändlern förmlich an der Nase herumführen. Die Anführer der „Gelbhemden" telegraphieren unaufhörlich nach Petersburg. Ihre Organisation, die ursprünglich nur zu der Inszenierung von Pogromen gehandhabt worden ist, hat sich indessen zu einem richtigen „status in statu" ausgestaltet. Andschemow nannte die Provinzialbehörden in einer seiner letzten Dumareden „autonome Satrapien". Nun stellen sich über diese offiziellen noch echtrussische Satrapien. Herr Jozefowitz geberdet sich als Herr von Kiew, sendet Befehle an die Eisenbahnverwaltungen u. dergl. Bald wird sich Herr Natnyslowski als Klein - despot von Wilna aufspielen. Durch die Begünstigung rückständiger Wühlereien hat sich die Regierung ein schwarzes Demagogentum großgezogen, dessen plumpe Affektion, bodenlose Unwissenheit und bigotter Blödsinn zur Erbauung der Welt ein Schauspiel bieten, das an den Veitstanz erinnert. Aus Kiew hat man bereits die relegierten jüdischen Studenten ausgetrieben. Mit dem Augenblick, da sie aufhören, die Universität zu besuchen, verlieren sie das Studentenprivilegium, „sinken'* zu einfachen Juden herab und müssen die Stadt verlassen. Es ist für die jungen Leute ein Unglück und ein Jammer. Sie haben einer Demonstration beigewohnt, fast das ganze Studententum war beteiligt. Die Demonstration hat niemandem etwas zuleide getan; es sollen Reden gehalten worden sein, aber die Soldaten trommelten wie besessen, um die Reden nicht hörbar zu machen. Daß infolgedessen eine Relegation angeordnet werden würde, konnte niemand ahnen. In den bösesten Zeiten hatte man nicht für eine Demonstration inter muros, die nur durch das Eingreifen der Polizei derbere Formen angenommen hat, beinahe tausend Studenten relegiert. Waren ja in den letzten zwei Jahren Universitätsmeetings alltägliche Erscheinungen, und glaubte man allgemein, das die Redefreiheit gewährt worden sei. In Petersburg war erst in den letzten Tagen ein ähnliches Meeting ohne eine Bestrafung nach sich zu ziehen — und in Kiew ein solches „jüngstes Gericht"! Es ist bezeichnend für die innere Zerrissenheit, für den Mangel jeder einheitlichen Methode und für das Überhandnehmen des persönlichen Regimes und der Launen lokaler Machthaber. Natürlich wurden die Juden am schwersten betroffen. - Finnland und Rumänien In Ergänzung unserer vor kurzem gebrachten Darstellung der .Judenfrage in Finnland haben wir noch folgendes aus den letzten Tagen zu berichten: Im finnländischen Landtag wurde der Antrag gestellt, es möge dem Senat anheimgegeben werden, Juden das Wohnrecht in Finnland zu gewähren. Dieser Antrag wird wahrscheinlich angenommen werden. Es muß bemerkt werden, daß dies nicht eine finnische, sondern eine rumänische Erfindung ist. fn Rumänien kann das Parlament die Naturalisation (d. h. die Gleichberechtigung) gewähren, — in Finnland soll der Senat dieses „Privilegium" schenken können. Mit dieser Nachricht stimmt eine zweite Mitteilung überein, nach der der Niulander Gouverneur an den Helsingforser Polizeiwachtmeister den Befehl gerichtet haben soll, die Juden, die keine legalen Pässe haben, unverzüglich auszuweisen. Uns hat die finnländische Autonomie sehr wenig getroffen . . . Innere jüdische Übelstände Li bau ist das Zentrum der Auswanderung geworden. Im Vergleich mit dein Zustande, der früher bei der zerstreuten Auswanderung existiert hat, ist es jetzt viel besser geworden. Aber es sind noch viele große Übelstände zu beseitigen. Die Paßschwierigkeiten bestehen fort und das Petersburger Zentralkomitee der Ica macht bekannt: die ankommenden Auswanderer sollen mit Pässen versehen sein. Könnte man es nicht durch eine energische Verwendung erwirken, daß den Unglücklichen, die die große Reise antreten, um eine Heimat zu suchen, ohne Kosten, Formalitäten, Bemühungen, die Pässe gegeben werden? Und auch auf den Schiffen soll es nicht schön aussehen. Es kommen noch immer bittere Klagen von Emigranten. Ähnliche innere Übelstände hat das russische Judentum mehr. Ja, wäre die Frage der Gleichberechtigung eine Frage von heute auf morgen, so hätte man vielleicht recht, alles andere, das doch im Vergleich mit dieser ausschlaggebenden Frage nichts bedeutet, aufzuschieben. Aber wie die Dinge jetzt liegen, darf man die aktuellen Fragen der Gegenwart nicht wegen der schwachen Hoffnung einer nahen Gleichberechtigung zurückdrängen. NACHRICHTEN j£^= Palästina Der gegenwärtige Pascha von Jerusalem, Ihkram Bey, beweist sich als ein sehr energischer und fähiger Beamter, der sich mit Eifer bemüht, die dringende Frage der Wasserversorgung Jerusalems zu einer glücklichen Lösung zu bringen. Verschiedene deutsche, französische und amerikanische Unternehmer haben mehrfach versucht, einen Firrnan zu erhalten, um die Konzession für die Wasserleitung an die Hand zu bekommen. Bisher sind aber alle Gesellschaften von diesem Plane wieder zurückgetreten, da er ihnen nicht lohnend genug erscheint. Die Absicht war, das Wasser von Ain Fara bei Hebron in die Stadt zu bringen, ein verhältnismäßig leichtes Unternehmen, da Hebron bedeutend höher als Jerusalem gelegen ist. Indessen fürchtet man, daß diese Leitung den Bedürfnissen der 100 000 Einwohner von Jerusalem nicht genügen würde. Ein anderer Plan war, die Quellen von Bittir als Ausgangspunkt zu benutzen. Bittir ist ein kleines Dorf im Gebirge Judäa. Indessen petitionierten die Fellachen beim Gouverneur gegen die Ausführung dieses Planes, von dem sie eine Verödung ihrer eigenen Felder befürchten, die jetzt von den Quellen bewässert werden. Zugleich drohten sie, im Falle man doch mit den Arbeiten beginnen sollte, die Anlagen zu zerstören. Die Not in Jerusalem wird inzwischen von Tag zu Tag furchtbarer. Der schreckliche Wassermangel dieses Jahres, die Steuererhöhung um 3(,'o und die gegenwärtige allgemeine Wirtschaftskrisis haben die Preise für die notwendigsten Lebensmittel ins Unerschwingliche gesteigert. In den letzten Wochen hat die jüdische Gemeinde Getreide unter dem Selbstkostenpreise an die Bevölkerung verteilt, nachdem der Bankier M. Valero eine große Summe vorgeschossen hatte, um der Gemeinde den Import von Getreide aus Marseille möglich zu machen. Indessen hat dieser Schritt nicht den gehofften Erfolg gehabt, zum Teile dadurch, daß die Händler und Müller mit ihren Vorräten zurückhalten, weil sie hoffen, noch höhere Preise zu erzielen. Die jüdische Gemeinde steht vor einer sehr schwierigen Aufgabe, da der wöchentliche Bedarf der Jerusalemer Juden an Getreide allein 1500 Sack Mehl beträgt. Dazu kommt, daß in den letzten Jahren der Jerusalemer Winter mehr und mehr einen nördlichen Charakter angenommen hat und eine für Palästina